»Letzte Woche?«, wiederholte Charles. »Das tut mir leid.« Dann tranken sie wortlos ihren Wein.
Marie-Anne blickte verträumt in die Ferne. Sie schien den süssen Schmerz der Melancholie zu lieben. Als Charles sein Glas abstellte, schaute sie ihn kurz an. Sie wollte erneut den Blick in die Ferne schweifen lassen, doch er blieb an Charles haften. »Man kann nicht ewig leben«, sagte sie wie zu sich selbst. »Jetzt trinken wir seinen Lieblingswein, den er für besondere Gelegenheiten aufbewahrt hatte. Das ist wohl das Schicksal aller guten Weine. Sie sind stets zu kostbar und zu teuer, um sie aus nichtigem Anlass zu trinken. Deshalb werden sie schliesslich von den Erben getrunken. Aus nichtigem Anlass.«
»Dieser Anlass ist vielleicht nicht so nichtig«, sagte Charles und fragte nach einer Weile: »Haben Sie noch nie ans Heiraten gedacht?« Er schaute Marie-Anne mit offenen, freundlichen Augen an.
Sie lächelte verlegen. »Manchmal«, sagte sie. »Falls Gott will, wird er mir jemanden schicken. Jetzt hat er mir den Vater genommen, nun wird er mir vielleicht jemanden schicken.«
»Falls Gott Ihnen jemanden schicken würde, würden Sie ihn dann erkennen?«
»Ich weiss es nicht. Gott müsste mir noch ein Zeichen geben, sonst hat es ja keinen Sinn, dass er mir jemanden schickt.«
Charles nickte nachdenklich.
»Er müsste mir einen Heiratsantrag machen. Ich bemerke nie, wenn Männer mich mögen. Ich habe es stets Jahre später erfahren, wenn diese Männer bereits verheiratet waren und Kinder hatten. Und ich stehe immer noch inmitten meiner Gemüsebeete.«
»Vermissen Sie die Liebe nie?«
»Aber Monsieur, Sie sind doch nicht etwa hergekommen, um mit mir dieses seltsame Gespräch zu führen?«
»Eigentlich schon. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich vorstellen könnten, einen Mann zu heiraten, der nicht Ihrem Stand entspricht, einen Mann, der rechtschaffen seine Arbeit tut, aber eben doch niemandes Stand entspricht.«
»Das müsste ein seltsamer Beruf sein, aber wenn mich dieser Mann aufrichtig liebt …«
»Das tue ich, Mademoiselle.«
Nun liefen beide rot an und wussten nicht so recht, wie weiter.
»Ich habe ein Reh geschossen«, sagte Charles ohne Übergang. »Ich werde jetzt nach Hause gehen, und mein Gehilfe Barre wird das Reh ausweiden. Wenn es nicht zu aufdringlich ist, würde ich Ihnen morgen früh gerne das beste Stück vorbeibringen. Den Rücken. Ich bin sicher, Sie können ihn wunderbar zubereiten.«
»Das könnte ich nur annehmen, wenn Sie das Mahl anschliessend mit mir und meiner Mutter teilen.«
»Gut«, sagte er, »dann kann ich gleich Ihre Mutter um Ihre Hand bitten.«
»Gibt es noch etwas, was Sie mir sagen möchten?«, fragte sie.
»Ja, ich bin der Henker von Paris.«
»Ich weiss, ich habe es immer gewusst.«
Charles-Henri Sanson heiratete am 20. Januar 1765 die sechs Jahre ältere Marie-Anne Jugier in der Kirche Saint-Pierre de Montmartre. Er war knapp sechsundzwanzig Jahre alt. Draussen lag dicker Pulverschnee. Charles wusste nicht, ob er nun aus Liebe oder aus Vernunft geheiratet hatte. Er liebte die Nähe zu Marie-Anne, ihre stille, sanfte Art, die stets von einer lieblichen Melancholie durchdrungen war, die Mitgefühl weckte. Er sehnte sich nach ihrer Umarmung, wobei er nicht wusste, ob er sie beschützen sollte oder ob er an ihrem Busen Frieden suchte. Sie sprach nicht sehr viel. Manchmal kam es ihm vor, als würde sie mit den Hunden, die sie im Hof hielt, mehr sprechen. Es war, als hätte sie mit diesen Jagdtieren eine stille Übereinkunft getroffen, die sie sehr glücklich machte. Ihre andere Leidenschaft galt den Kräutern und Gemüsebeeten, die sie mit Geduld und Liebe pflegte. Sie liebte auch Charles, durchaus, aber auf ihre Weise. Sie kochte, was er mochte, und wartete stets bis spätabends auf seine Rückkehr. Wenn sie ihn begehrte, verdunkelte sie das Zimmer und legte sich aufs Bett. Er tastete sich zu ihrem Körper vor und küsste sie. Sie schien es zu mögen, aber ihre Scham durfte er nicht küssen. Sie hielt dies für unrein. Überhaupt machte es den Eindruck, als schämte sie sich ihrer Nacktheit. Wenn sie ihren Höhepunkt erreichte, hörte man nur ein leises Wimmern, und ihre Fingernägel gruben sich tief in Charles’ Schultern. Einmal, als er am Morgen vor dem Wassertrog im Hof stand, fragte sie ihn erschreckt und ahnungslos, was mit seiner Schulter passiert sei, ob ein Falke ihn angegriffen habe. Zuerst hielt es Charles für einen Scherz, aber Marie-Anne hatte keinen Humor und sprach nicht gern über ihre Gefühle. Doch sie liebten sich oft. Charles lernte, dass er dabei nicht sprechen durfte. Es war beinahe ein sakraler Akt im Dunkeln.
Als sie schwanger wurde, freuten sich beide. Die Geburt aber war sehr schwierig. Es waren Zwillinge, der eine, Henri, ein grosser Brocken von beinahe fünf Kilo, der andere, Gabriel, ein schmächtiges Baby mit Untergewicht und seltsam verkrümmten Füssen. Die Hebamme meinte, das werde sich schon ergeben, aber es ergab sich nicht. Die Füsse blieben wie klumpige Sicheln, und Gabriel bewegte sich noch auf allen vieren, als Henri längst auf zwei Beinen herumwatschelte. Für Marie-Anne war es ein Schock. Sie bildete sich ein, sie habe versagt. Sie fühlte sich erniedrigt. Charles konnte das nie nachvollziehen. Er liebte seine beiden Söhne über alles. Marie-Anne aber entwickelte ein seltsam distanziertes Verhältnis zu Gabriel. Sie wollte diese Behinderung nicht akzeptieren.
»Du trägst keine Schuld«, sagte Charles immer wieder, »nicht jeder Baum wächst wie eine Kerze, das ist die Natur, Marie-Anne. Wir haben zwei Söhne. Freu dich darüber.«
Doch Marie-Anne konnte sich nicht freuen. Und insgeheim machte sie diesem unschuldigen Geschöpf mit den seltsamen Füssen Vorwürfe. Sie sprach es nicht aus. Aber es war nicht zu übersehen.
Die beiden Buben wuchsen heran, und Marie-Anne versuchte weiterhin, die perfekte Hausfrau und Ehefrau zu sein und Charles mit ihrer Küche zu verwöhnen. Doch sie mochte nicht mehr mit ihm schlafen. Am Anfang hatte sie allerlei Ausreden, bis er schliesslich begriff, dass sie nicht mehr wollte. Zu gross war ihre Angst, noch mal schwanger zu werden.
»Vielleicht ist das der Fluch«, murmelte sie eines Abends, als die Kinder im Bett waren und sie mit Charles Rotwein trank. Zuerst wusste er nicht, was sie meinte. Dann begriff er es. Offenbar liess sie dieser Gedanke nicht mehr los. »Weil du Henker bist. Das bringt kein Glück. Meine Mutter hat mich gewarnt. Sie sagte, Gott werde uns bestrafen.«
»Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob Gott alles planen kann. Man verliert doch recht schnell die Übersicht bei all den Menschen.«
»Spar dir deinen Spott!«, schrie sie und schenkte sich erneut Wein ein.
Charles nahm ihr den Krug aus der Hand. »Es ist der Wein, Marie-Anne, du solltest jetzt aufhören und ins Bett gehen.«
»Ich trinke so viel, wie ich will«, fauchte sie und riss ihm den Krug aus der Hand.
Wenn sie am Abend trank, war sie am Morgen verkatert und unausstehlich. Sie schrie herum und kümmerte sich kaum um die Kinder. Henri und Gabriel flohen meistens in die Pharmacie. Charles beendete dann seine Studien und brachte die beiden ins Wohnzimmer. Dort stand das Klavier. Er setzte sie auf die Bank und lehrte sie spielen. Henri hatte nicht so grosses Interesse, aber Gabriel war fasziniert von den Melodien, die er dem Instrument entlocken konnte. So begannen sie zu zweit am Abend zu musizieren, während Marie-Anne in der dunklen Küche sass und ihren Wein trank. Sie wollte kein Licht. Sie kultivierte ihre Melancholie wie eine Pflanze.
Charles war konsterniert. Er hatte die Einsamkeit gegen die Hölle eingetauscht. Immer öfter schlief er in der Pharmacie, denn er war es leid, in den frühen Morgenstunden in irgendwelche aggressiven Gespräche verwickelt zu werden. Jeder Versuch einer Versöhnung endete in einer Kaskade von Vorwürfen und gipfelte in der Behauptung, Charles sei daran schuld, dass Gabriel kaputte Füsse habe. Charles ertrug die Vorwürfe, das tägliche Geschrei, die Trinkerei, aber was er nicht ertrug, war, dass Gabriel und Henri die Worte ihrer Mutter durchs ganze Haus mithören konnten. Er wusste, dass Tiere manchmal ihre Jungen verstossen, dass dies auch unter den Menschen vorkam, war ihm neu. Umso intensiver kümmerte er sich um seine Söhne und begann, in der Pharmacie Schienen für Gabriels Füsse zu entwerfen. Er baute ein ledernes Gerüst, das die Füsse in die richtige Position brachte und genügend Halt gewährte. Henri war begeistert davon und half seinem Bruder auf die Beine. Stundenlang war er mit ihm im Hof und versuchte, ihm das Gehen beizubringen. Mit der Zeit wagten sie sich auf die Strasse hinaus, doch das Pflaster war derart uneben, und es fehlten so viele Steine, dass es für Gabriel fast unmöglich war, sich dort zu bewegen. Am sichersten fühlte er sich am Klavier. Und an der Hand seines Bruders.