Für Henri war die Situation keineswegs einfach. Immer wieder wollte seine Mutter ihm einreden, er sei schuld am Gebrechen seines Bruders, weil er ihm in der Gebärmutter zu viel Platz weggenommen habe. Mit der Zeit nahm er seine Mutter nicht mehr ernst, und wenn er wütend war, sagte er, dass weder Gabriel noch er jemals den Wunsch geäussert hätten, geboren zu werden. Dies reizte Marie-Anne umso mehr, und sie brüllte, sein Vater trage an allem die Schuld. Er habe sie geschwängert. Nein, vergewaltigt. Da er sie nie gefragt habe, ob sie Kinder wolle, sei dies eine Vergewaltigung gewesen. Henri ging ihr fortan aus dem Weg. Gabriel hatte diese Möglichkeit nicht. Er flüchtete in die Musik und entwickelte ein sehr feines Ohr. Hin und wieder bat er um einen Besuch von Tobias Schmidt, damit dieser das Klavier neu stimme. Marie-Anne mochte den Deutschen nicht. Sie hielt seine Arbeit für so überflüssig wie die Musik selbst. Doch Charles liess in dieser Beziehung nicht mit sich reden. Er hatte seine Forschung in der Pharmacie weitgehend aufgegeben, um sich in seiner freien Zeit um Gabriel zu kümmern. Er liess nach Tobias Schmidt rufen, sooft es Gabriel wünschte.
Eines Abends, als Schmidt wie üblich nach getaner Arbeit noch ein Glas Wein mit Charles trank, sagte er: »Monsieur de Paris, ich habe Gabriels Schienen gesehen. Das kann man besser machen. Lassen Sie es mich versuchen. Es wird Sie nichts kosten. Man muss das Leder verstärken, damit die Ferse mehr Halt hat. Mein Vater war Schuhmacher, er hat mir einiges beigebracht, aber ich hatte mehr Interesse daran, Neues zu erfinden. Doch ich kann Füsse lesen. Ich hab’s nicht verlernt. Gabriel hat einen Knick-Senkfuss, einen Hohlfuss und obendrein noch einen Spreizfuss. Wir sollten ihm spezielle Schuhe anfertigen, die den Fuss an der Innenseite anheben. Dann hätte er einen besseren Stand.«
Charles nickte.
»Ich müsste aber einen Schuhmacher beiziehen», sagte Schmidt. »Der wird etwas kosten.«
»Das spielt keine Rolle«, entgegnete Charles. Die Vorstellung, dass Gabriels Füsse in Ordnung kamen, begeisterte ihn so, dass er in dieser Nacht kaum Schlaf fand.
Nach diesem Abend zog sich Marie-Anne weitgehend zurück, und Gros übernahm wieder die Küche. Die meiste Zeit verbrachte sie bei ihrer kranken Mutter auf dem Gärtnerareal. Als sie eines Morgens zurückkam, wusste Charles, dass ihre Mutter gestorben war, obwohl Marie-Anne kein einziges Wort sagte. Sie zog sich in das Schlafzimmer zurück, schloss die Läden und verharrte in der Dunkelheit. Nur manchmal hörte er nachts ihre Schritte, wenn sie in der Küche Wein holte. Sie blieb in ihrer finsteren Welt. Charles nahm an, dass sich dies rasch geben würde. Aber es war nicht so. Es wurde schlimmer. Nach einigen Tagen verliess sie das abgedunkelte Zimmer und kümmerte sich um ihre Hunde. Sie war der Meinung, dass Charles nicht in der Lage war, ihre Hunde zu füttern. Sie sass nun meistens im Hof und sprach leise mit ihren Vierbeinern. Dann patrouillierte sie zwischen den Kräutern und Gemüsebeeten, zupfte hier ein abgestorbenes Blatt ab oder gab jener Pflanze etwas Wasser. Wenn Charles den Hof betrat, setzte sie ein grimmiges Gesicht voller Verachtung auf. Wollte einer der Hunde Charles begrüssen, zischte sie irgendeinen Befehl, um ihn zurückzuhalten. Dann lächelte sie still vor sich hin, weil der Hund gehorchte und Charles nicht begrüsste. Aber die Hunde wedelten trotzdem mit dem Schwanz. Charles versuchte einige Male, mit ihr zu sprechen. Aber sie wollte nicht. Er fragte sich, ob sie vielleicht krank geworden war. Im Hirn.
Einige Monate später wurde ihr Charakter wieder aufbrausend, und sie geriet immer öfter mit Nachbarn wegen irgendwelcher Bagatellen in Streit. Dann wieder machte sie Charles Vorwürfe, dass er sie zu wenig liebe, wenn er sie aber zärtlich berühren wollte, wich sie zurück, als hätte er eine Seuche. Marie-Annes unheimliche Verwandlung machte Charles traurig. Das hatte er nicht erwartet. Er konnte es nicht fassen, dass er sein Junggesellendasein gegen so etwas eingetauscht hatte. Marie-Anne besuchte nun immer öfter ihre Schwester, obwohl sie ständig mit ihr stritt. Wegen des Erbes. Der einzige Streitpunkt, den Charles in ihrer Ehe eigentlich erwartet hatte, war kein Thema: der Henkersberuf. Sie stand voll dahinter. Die gute Bezahlung war Grund genug. Geld konnte sie nie genug kriegen. Sie hortete es. Sie genoss nichts. Nicht einmal ihre beiden Buben, die prächtig gediehen. Charles liebte die beiden über alles. Für sie war er bereit, den Beruf noch eine Weile auszuführen, um ihnen später eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Das Wohl der beiden Söhne war ihm wichtiger als die Erfüllung seiner Träume. Henri überragte schon bald seine gleichaltrigen Kameraden deutlich. Er liebte das Schwimmen in der Seine, den Ausritt und die Jagd mit Charles. Er war richtig stolz auf seinen Vater und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen, denn die Kälte seiner Mutter war sehr kränkend. Nie umarmte oder küsste sie ihre Söhne, wie sie es mit ihren Hunden tat. Mit den Jahren verlor sie ihre Söhne gänzlich an Charles.
Henri interessierte sich immer mehr für den Beruf seines Vaters. Der Anblick von Blut hatte ihn nie irritiert, es war nicht furchterregender als eine Weinlache. Und wenn Barre im Hof ein erlegtes Reh ausweidete, sah er interessiert zu, während seine Schulkameraden entsetzt die Hände vors Gesicht hielten. Die Mädchen schwärmten für Henri, denn er hatte ein schönes, männliches Gesicht und sehr breite Schultern, die sich durch das tägliche Schwimmen kräftig entwickelt hatten.
Gabriel hatte keine breiten Schultern. Die Spezialschuhe, Einlagen und Beinstützen, die ihm Tobias Schmidt nach monatelangen Anpassungen angefertigt hatte, erlaubten ihm nun, sich frei zu bewegen. Aber er nutzte diese neue Freiheit kaum. Er hatte sich daran gewöhnt, zusammen mit einem gleichaltrigen Mädchen aus der Nachbarschaft am Klavier zu sitzen und zu spielen. Seine langjährige Behinderung hatte ihn zum ängstlichen Stubenhocker gemacht. Obwohl die Behinderung teilweise behoben war, war die Ängstlichkeit geblieben. Er hatte Angst vor grossen Tieren. Er hätte nie ein Pferd an den Nüstern berührt. Er hatte auch Angst vor dem Wasser und mied Flüsse und andere Gewässer. Sicher fühlte er sich nur zu Hause am Klavier.
Als Henri zum ersten Mal sagte, er wolle später auch Henker werden, wachte Charles in den Nächten danach schweissgebadet auf. Der Gedanke an den Fluch war zurückgekehrt. Marie-Anne unterstützte Henri in seiner Absicht. Charles war sich nicht ganz sicher, ob sie das aus Überzeugung tat oder nur, um ihn zu ärgern. Denn wie ihre verstorbene Mutter hatte sich Marie-Anne neuestens angewöhnt, stets die gegenteilige Meinung zu vertreten. Sie war streitsüchtig geworden, und kein Anlass war ihr zu nichtig, um nicht tagelang zu streiten oder kein einziges Wort mehr zu sagen. Sie schien nicht darunter zu leiden. Denn sie frass keinen Ärger in sich hinein. Die einst so melancholische Frau brüllte mittlerweile wie ein Bürstenbinder, wenn ihr etwas missfiel, zerschlug Geschirr oder schmiss das Essen in den Hof, wenn es ihr nicht passte. Mit Marie-Anne hatten sie einen Vulkan in den eigenen vier Wänden. Sie hätte nie behauptet, dass sie es schlecht habe. Nein, sie hatte keine finanziellen Sorgen, musste nie Hunger leiden, hatte vier Hunde, die sie über alles liebte. Was konnte man im hungernden Paris dieser Tage mehr wollen?