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»Nun, Doktor Louis, was halten Sie von der Skizze?«, fragte er.

»Sie entspricht genau unseren Vorstellungen.«

»Ich bezweifle«, sagte der Mann, »dass ein gerundetes Fallbeil für jede Art Nacken geeignet ist. Jeder Hals hat eine andere Grösse.«

Charles schaute instinktiv den fetten Hals des Mannes an und dachte, dafür sei ein gerundetes Fallbeil tatsächlich ungeeignet.

»Ist das der Mann?«, fragte er und deutete mit dem Kopf in Charles’ Richtung, ohne ihn dabei anzusehen.

»Ja«, antwortete Louis und beugte respektvoll den Kopf.

»Fragen Sie ihn, wie er sich das Fallbeil am besten denkt.«

Louis wandte sich an Charles: »Sie haben die Frage gehört. Ihre Antwort bitte.«

»Er hat recht«, sagte Charles, »die halbmondförmige Form könnte ab und zu unerwünschte Schwierigkeiten bereiten.«

Der Mann war zweifelsohne König Louis XVI, obwohl er keinerlei Orden oder sonstige Auszeichnungen an seiner hellblauen Weste trug. Er lächelte befriedigt und verbesserte die Zeichnung mit energischen Strichen. Er korrigierte die halbmondförmige Klinge, bis das Fallbeil ein schräg abfallendes Messer zeigte, das beim Aufprall eine schneidende Bewegung ausführen würde. »Ich kann mich irren«, sagte der König lächelnd, »probiert es aus.« Er grüsste höflich mit der Hand und verschwand genauso lautlos, wie er gekommen war, durch die Tapetentür.

Die Änderung, die der König angeregt hatte, leuchtete Charles ein. Jetzt würde es sogar für einen Stiernacken reichen, dachte er.

Nun wurde Doktor Louis von allen Seiten bedrängt, die Sache zu beschleunigen. Die einen wünschten sich die rasche Einführung einer humanen Hinrichtungsmethode, andere verlangten nach mehr Maschinen, um eine grössere Zahl von Verurteilten exekutieren zu können.

Im September 1791 bezogen einige junge Leute den leerstehenden Schuppen der Sansons. Charles war froh um die Miete, war sie auch noch so bescheiden. Sie brachten eine Druckerpresse, Kisten mit Druckfarbe und eine Menge Papier. Charles beobachtete sie beim Einzug und fragte einen von ihnen: »Was wollt ihr denn drucken? Assignaten?«

Der junge Mann lachte und entrollte ein Flugblatt. »Das sind Liedtexte der Revolution. Wir verkaufen sie im Palais Royal. Sie sind sehr begehrt.«

»Nun gut«, sagte Charles, »wie auch immer: Bezahlt die Miete pünktlich zum Monatsersten.«

Gabriel war fasziniert von der Druckerpresse. Wenn er nicht gerade las, Klavier spielte oder Charles in der Pharmacie half, ging er über den Hof zu den jungen Leuten. Sie mochten ihn und halfen ihm, seit er einmal der Länge nach hingefallen war, da die Holzdielen sich im Laufe der Jahrzehnte stark verzogen hatten. So kam ihm meist einer der jungen Männer entgegen, wenn er ihn über den Hof laufen sah, und nahm ihn bei der Hand.

Charles schätzte das sehr. Er notierte es gar in sein Tagebuch. Er wünschte sich, dass sein Sohn ein solides Beziehungsnetz von Freunden hatte, wenn er eines Tages nicht mehr da war. Er hielt auch fest, dass Louis XVI nun Bürger Capet hiess und einen Eid auf die neue Verfassung geschworen hatte. Er hatte seine Macht verloren. Zwar durfte er noch den König mimen und repräsentieren, aber er hatte nichts mehr zu sagen. Das war die Stunde der Abgeordneten, die in diesem Vakuum der Macht Fuss fassen wollten. Sie versuchten sich zu profilieren und mit teilweise absurden Wortmeldungen für höhere Ämter zu empfehlen. Sie machten unsinnige Versprechungen, die kein Mensch halten konnte. Alles diente nur dem Zweck, wiedergewählt zu werden. Es hagelte neue Vorschriften, Verordnungen, Gesetze, doch die Strasse wollte die Macht nicht teilen. Tausende berauschten sich weiterhin an Plünderungen und Morden. Die Ordnung war zusammengebrochen. Nur wenige wagten es, dieser zornigen Masse zu widersprechen. Die feinen Abgeordneten der Nationalversammlung biederten sich an, um nicht in den Verdacht zu geraten, Royalisten zu sein, und rückten so tiefer ins radikale Lager, ins Lager der Sansculotten, die die Strassen beherrschten. Die Sansculotten waren radikale Arbeiter und Gesellen, die im Gegensatz zu den Adligen keine Kniebundhosen trugen, sondern praktische lange Hosen. Deshalb trugen sie den Namen »die ohne Kniebundhosen«.

Niemand schützte mehr nachhaltig die Freiheitsrechte, die man so heroisch erstritten hatte. Die Menschen waren wieder der gleichen Willkür ausgesetzt wie während der Monarchie. Die Anarchie der Strasse ersetzte die alte Ordnung. Mit Voltaire, Rousseau und Montesquieu hatte niemand mehr etwas am Hut. Plötzlich stand jeder, der sich auf der Strasse nicht lauthals artikulierte, unter Verdacht. Das Denunziantentum blühte, und mancher beglich eine längst fällige Rechnung mit einem Nachbarn. Österreichische und preussische Truppen näherten sich Frankreichs Grenzen. Der König versuchte, zu fliehen und sich zu den anrückenden Armeen durchzuschlagen. Es misslang. Er wurde erneut unter Arrest gestellt und zur Strafe vorübergehend von seinen repräsentativen Ämtern suspendiert.

»Was schreibst du in dieses Buch?«, fragte Dan-Mali, während sie gedankenverloren in einem Mörser getrocknete Rinde pulverisierte.

»Das, was ich niemandem anvertrauen kann.«

»Schreibst du auch über mich, über uns?«

»Nein«, sagte Charles, »das würde ich diesem Buch nicht anvertrauen.«

»Kann ich hier eine Stunde schlafen?«

Charles nickte. »Findest du im Jesuitenkloster keinen Schlaf mehr?«

Dan-Mali lächelte matt und setzte sich auf das Bett. Erneut fiel Charles auf, dass sie gewisse Bewegungen vermied.

»Hast du irgendwo Schmerzen?«, fragte er.

Dan-Mali schien erstaunt. Sie schüttelte den Kopf und legte sich hin. Charles schrieb weiter in seinem Tagebuch. Es gab so vieles festzuhalten. »Paris hungert«, sagte Charles, »davon schreibe ich jetzt.«

»Im Kloster hungert niemand«, sagte Dan-Mali, »die Patres haben volle Vorratskammern, aber sie teilen nichts mit den Bedürftigen. Sie predigen Wasser und trinken Wein. Jetzt verstehe ich dieses Sprichwort. Die Patres trinken abends sehr viel Wein. Sie sind oft betrunken. Manchmal streiten sie sogar und werden laut. Sie fürchten die Zukunft. Sie fürchten die Revolution, die hungernden Menschen in den Strassen, die fremden Armeen an den Grenzen, den Verfall des Geldes, sie fürchten alles. Ausser Gott. Denn sie glauben nicht an ihn. Ich bete manchmal zu ihrem Gott. Buddha ist deswegen nicht eifersüchtig.« Sie lächelte. »Leg dich zu mir, und schliess die Augen, ich muss bald gehen.« Charles legte sich neben sie und hielt ihre Hand fest. Das viele Schreiben hatte ihn ermüdet.

Als er wieder aufwachte, war Dan-Mali verschwunden. Einen Augenblick überlegte er ernsthaft, ob er das alles geträumt hatte.

Gabriel stand in der Pharmacie. »Mutter ist zurück«, sagte er aufgeregt, »sie ist draussen im Hof.«

»Wo ist Dan-Mali?«

»Als sie die Pferde im Hof hörte, hat sie schnell das Haus verlassen.«

Charles trat in den Hof hinaus und wusch sich den Kopf. Marie-Anne striegelte ihr Pferd. Sie schaute kurz zu Charles, aber ohne ihn zu begrüssen. »Gut geschlafen?«, fragte sie vorwurfsvoll. Da sie selbst mit nur wenigen Stunden Schlaf auskam, verachtete sie alle Menschen, die mehr Schlaf benötigten. Charles gab keine Antwort. Er kannte dieses Spielchen.

Marie-Anne musterte ihn skeptisch. »War das deine Siamesin?«

Charles nickte und ging in die Küche. Marie-Anne folgte ihm. Dass die Gehilfen anwesend waren, störte sie nicht.

»Wie alt ist sie?« Jetzt stand Verbitterung in ihrem Gesicht.

Charles setzte sich an den Tisch. Gros hatte bereits allen Suppe verteilt.

»Ich habe sie nicht gefragt«, sagte Charles. Er nahm einen Löffel und setzte ihn wieder ab. Die Suppe war zu heiss.

»Sie ist jung?«

»Du hast sie ja gesehen«, murmelte Charles und nahm nun einen Löffel in den Mund, »was soll die Fragerei?« Die Suppe schmeckte vorzüglich. Er wollte Gros loben, liess es aber sein. »Sie heisst Dan-Mali.«