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»Das habe ich mir durchaus selbst zusammengereimt«, grummelte der Kater. »Wie kommt es nur, dass ihr dieses Leben führt, Junge?«

»Das weiß ich nicht. Es gibt verschiedene Gerüchte: dass die Freiflieger uns angegriffen und die Finsternis mitgebracht haben, aber auch, dass wir selbst an allem schuld seien… Ich weiß es einfach nicht.«

»Dann werden wir diesen Alten fragen, der sich noch an die Sonne erinnert«, entschied der Kater. »Er muss die Wahrheit kennen. Aber diese Wesen der Finsternis, sind das Einheimische oder stammen sie aus einer anderen Welt?«

»Die gehören nicht zu uns«, antwortete Len. »Sie sind zusammen mit der Finsternis gekommen. Wenn wir von den Händlern nicht das Geheimnis der Flügel gekauft hätten, dann hätten die Freiflieger uns längst besiegt.«

»Aber für Erwachsene gibt es keine Flügel?«

»Nein.«

»Und wer regiert euch?«, fragte der Kater.

»Niemand.«

»Das kann nicht sein.«

»Doch. Wir Flügelträger haben unsere eigenen Gesetze, und alle achten darauf, dass sie eingehalten werden. Für die Frauen und Mädchen gelten andere Gesetze. Und für die Männer auch. Und in die Angelegenheiten der anderen mischen wir uns nie ein.«

»Ihr Flügelträger verteidigt also alle gegen die Freiflieger«, sagte der Kater. »Aber was ist, wenn einer von den älteren Flügelträgern ein Mädchen entführt, das ihm gefällt? Was können die Frauen dann machen?«

»Dann verweigern sie uns die Flügel. Nur die Frauen können sie herstellen. Ein Flügelpaar hält ein, zwei Monate, länger nicht. Und von den erwachsenen Männern hängt ab, ob uns die Händler mit Lebensmitteln beliefern oder nicht.«

»Was für ein paradiesisches Leben, voller Liebe und Freundschaft«, höhnte der Kater, und in seiner Wut fing er an, sich zu putzen. »Die Anarchie… ist ja bekanntlich die Mutter der Ordnung.«

Er brummelte noch etwas, erinnerte sich an verschiedene Revolutionäre, doch seine Worte galten ganz klar nicht mehr uns. Mir persönlich war schleierhaft, was am Leben der Flügelträger schlecht sein sollte.

Len starrte mich an. »Sag mal, Danka, habt ihr etwa keine Flügel?«, fragte er.

»Früher hatten wir keine«, sagte ich ausweichend. »Aber jetzt haben wir Flugzeuge und Hubschrauber.«

»Dann kannst du also gar nicht fliegen?«

»Nein.«

»Aber wir müssen morgen Patrouille fliegen! Wenn die anderen rauskriegen, dass du gar kein Senior bist… und du bist kein Senior… dann werden wir bestraft.«

»Lügner werden mit dem Schwert getötet«, wiederholte ich seine Worte. »Aber du hast damit doch nichts zu tun, Len! Ich habe dich ja auch angeschwindelt.«

»Natürlich bin ich auch schuld! Ich wollte ja unbedingt, dass du ein Senior bist…« Len ließ sich auf mein Bett plumpsen und fing an, an seinen Nägeln zu knabbern.

»Hör auf, an den Nägeln zu kauen!«, befahl der Kater, ohne sich auch nur zu ihm umzudrehen. »Davon abgesehen spielen eure Fehler jetzt, da ihr Partner auf Leben und Tod seid, nicht mehr die geringste Rolle. Du, Len, bist der Junior in eurem Team. Danka ist dein Senior. Muss ich dich daran erinnern, wie sich Partner zu verhalten haben?«

»Nein«, sagte Len murrend.

Mir war klar, dass der Kater sich Sorgen um mich machte. Außerdem verfolgten mich die Bilder aus meinem Traum, in dem Len mit dem Schwert vor mir gestanden hatte. Als ich dann aber zu Len hinübersah, zu diesem verstrubbelten, mageren Jungen, der so bleich war, dass er schon bläulich wirkte, schämte ich mich. Gleichzeitig packte mich Mitleid.

Wenn ein Junge wie er in unserer Klasse aufgetaucht wäre, hätten ihn alle fertiggemacht. Denn wehren konnte er sich garantiert nicht. Vermutlich wäre ich nicht besser gewesen als die anderen. Doch jemandem einen Kaugummi zu klauen, ihm eine zu knallen oder seinen Kopf in den Schnee zu tauchen, ist eine Sache. Eine ganz andere ist es, wenn es um Leben und Tod geht. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Trotzdem wollte ich diese Dinge lieber nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Len hatte mir das Leben gerettet. Er hatte für mich gebürgt. Was spielte es da für eine Rolle, weshalb er das getan hatte? Die Motive stehen auf einem Blatt, die Taten auf einem anderen.

»Ich könnte abhauen, Len«, schlug ich vor. »Dann erklärst du den anderen Senioren, du hättest mich entlarvt und ich wäre daraufhin geflohen. Dann würde dich doch niemand bestrafen, oder?«

Len sprang vom Bett auf und kam zu mir. Er nahm meine Hand und drückte sie. »Ich werde dich nicht verraten, Senior«, versicherte er mit fester Stimme. »Das schwöre ich! Ich will dein Partner sein. Wir werden uns schon etwas einfallen lassen.«

Nun drückte auch ich seine Hand. Schweigend standen wir da und blickten einander in die Augen.

»Schön, dass ihr die Hoffnung nicht verloren habt, Jungs«, schnurrte der Kater irgendwann. »Das freut mich. Selbst wenn außer Frage steht, wer sich hier etwas ausdenken muss. Aber gut, das schaff ich schon.«

»Jetzt hör mal zu, du halbfertiger Zauberer!«, polterte ich los. »Wenn du nicht aufhörst, dich über uns lustig zu machen, werden wir beide dir ordentlich einheizen!«

»Nicht doch! Ich bitte vielmals um Verzeihung!«, rief der Kater und tat erschrocken. »Eure Freundschaft geht mir doch außerordentlich zu Herzen. Küsst ihr euch auch noch?«

Ich warf ein Kopfkissen nach dem Sonnenkater, traf ihn jedoch nicht. Aber Len, der sich bereits das andere Kissen geschnappt hatte, zielte besser. Zutiefst beleidigt kroch der Kater unter dem Kissen hervor und leckte sich die Pfoten. Wir lachten aus vollem Hals los, nicht weil wir unsern Spaß gehabt hatten, sondern einfach weil die Anspannung von uns gewichen war.

»Gut, schließen wir Frieden«, sagte der Kater, nachdem er das Putzen beendet hatte. »Wie lange dauert es, bis man mit den Flügeln umgehen kann, Len?«

»Ein Jahr«, erklärte Len.

»Lass mich die Frage anders formulieren. Wie lange bräuchtest du, um deinem nichtsnutzigen Senior beizubringen, sich in der Luft zu halten, ohne dass er den Eindruck erweckt, er sei ein flügellahmes Huhn?«

»Einen Morgen«, antwortete Len lächelnd. »Zu fliegen ist gar nicht so schwer. Zu fliegen und gleichzeitig zu kämpfen, das ist das Problem.«

»Hervorragend. Dann bringst du es ihm morgen früh bei. Anschließend brecht ihr beide zu eurer Patrouille auf, wobei ihr versuchen werdet, einen möglichst großen Bogen um die Freiflieger zu machen. Aber darin hast du ja Übung, oder?«

Schuldbewusst senkte Len den Kopf.

»Achte nicht auf den Kater«, flüsterte ich hinter ihm. »Er ist eine Giftschleuder, wie sie im Buche steht.«

»Geht jetzt besser schlafen«, sagte der Kater, der mich mit einem unzufriedenen Blick maß. »Morgen müsst ihr eure Kräfte und euern Verstand beieinander haben.«

»Und du?«

»Ich werde mich nach unten begeben, meinen Gedanken nachhängen und ein paar Bücher durchblättern«, antwortete er. »Einer muss ja die Kopfarbeit übernehmen, nicht wahr?«

»Gute Nacht, Len«, sagte ich. Er und der Sonnenkater verließen mein Zimmer, ich sammelte die Kissen ein und verschwand wieder im Bett. Meine Laune war, warum auch immer, hervorragend. Als zehn Minuten später der Kater ins Zimmer schlich, sich leise auf das freie Kopfkissen legte und seine frisch mit Sahne beschmierten Pfoten ableckte, hegte ich keinen Zweifel mehr daran, dass alles gut werden würde.

»Gute Nacht«, flüsterte ich.

»Menschen wünscht man eine gute Nacht. Aber Sonnenkatern wünscht man einen strahlenden Sonnenaufgang.«

5. Feigheit

Als ich zum ersten Mal Lens Overall anzog, wurde. mir klar, was es mit Flügeln auf sich hatte.