Der feste Stoff klebte an mir wie ein Gummihandschuh an den Fingern. Plötzlich spürte ich einen Schmerz in den Schultern und schrie auf. Es war, als säße auf jeder Schulter ein Kater und trete mit ausgefahrenen Krallen auf mir herum.
»Keine Angst«, beruhigte mich Len. »Die Flügel brauchen Kraft.«
»Etwa meine?«
»Wessen denn sonst? Was hast du denn gedacht, wie du fliegen würdest? Indem du mit den Armen wackelst wie ein Vogel?«
Eine Minute lang wand und krümmte ich mich, gab unter Lens vorwurfsvollem Blick aber schließlich Ruhe. Außerdem ließ auch der Schmerz allmählich nach.
»Geht das die ganze Zeit so?«
»Du gewöhnst dich daran«, tröstete mich Len. »In einem Monat merkst du das gar nicht mehr. Also beweg mal die Arme…«
Ich hob und senkte die Arme. Der Stoff, der an den Ärmeln herabhing, klatschte leise, spannte sich jedoch nicht.
»Stell dir Flügel vor«, wiederholte Len immer wieder und begutachtete meine unbeholfenen Versuche, mich in die Luft zu erheben. Wir übten im unteren Zimmer, der Kater lag auf dem Treppengeländer und schaute uns zu. »Stell dir Flügel vor! Stell dir vor, du fliegst! Du schaffst das.«
»Ich schaff das nicht, Len.«
»Quatsch, das schaffen alle. Du bist nicht schwer, die Flügel tragen dich.«
Nach einer Stunde hatte Len eingesehen, dass wir auf diese Weise nicht weiterkamen. Daraufhin verlangte er, ich solle mich auf den zwei Meter hohen Schrank stellen und von dort herunterspringen. Das half.
Auf einmal kam es mir vor, als würden meine Arme enorm wachsen und breit werden und auf etwas einschlagen – und zwar nicht auf Luft, sondern auf Wasser. Mein Fall wurde plötzlich abgebremst, und der Boden rückte wieder tiefer nach unten, weil ich hoch zur Decke getragen wurde. Durch das Zimmer strich Wind, der die Bilder an der Wand schwanken ließ und allerlei Kleinkram wegfegte.
»Schon besser«, urteilte Len, der unter mir stand und mich kritisch im Auge behielt. »Die Flügel sind sowieso schlauer als du.«
»Ich fliege!«, schrie ich, als ich begriff, dass ich nicht mehr fiel.
»Du fliegst nicht, sondern du flatterst«, sagte der Kater spöttisch.
»Hör nicht auf ihn!«, rief Len. »Die Flügel wissen, wie sie fliegen müssen, du musst nur steuern. Sie brauchen deinen Verstand und ein bisschen von deiner Kraft. Lande jetzt, Senior!«
Ich legte die Flügel an und landete sanft auf dem Boden. Trotz des heftigen Schmerzes in meinen Schultern war ich absolut begeistert.
»Und wie macht man aus den Flügeln ein Zelt?«
»Einen Unterstand«, korrigierte mich Len. »Also, dazu musst du die Augen schließen, die Arme ausbreiten und die Finger spreizen. Stell dir vor, der Overall würde sich aufblähen.«
Das gelang mir auf Anhieb. Ich schlug die Augen auf, um mich zu überzeugen, dass ich in einem kleinen, kuppelförmigen Zelt stand, der von weißem Licht erfüllt war. Meine Schultern bedeckten feine rote Pusteln, doch der Schmerz ließ sofort nach.
»Darf ich rein?« Len steckte den Kopf durch die Öffnung, zwischen seinen Beinen zwängte sich der Kater durch.
»Klar.«
»Ich musste fragen«, erklärte mir Len. »Bei einem Unterstand ist das noch wichtiger als bei einem Haus. Hier kommt man nicht einfach so rein.«
Wir setzten uns und schauten uns an. Len und ich grinsten, der Kater machte eine nachdenkliche Miene.
»Haben wir noch genug Zeit, um zu diesem Alten zu gehen, bevor ihr auf Patrouille fliegt?«, wollte er wissen.
»Zu dem, der sich noch an die Sonne erinnert? Kaum. Wir müssen jetzt tüchtig essen, dann noch etwas üben und schließlich noch mal tüchtig essen.«
»Sag mal, warum hab ich eigentlich ständig Hunger?«, fragte ich, als mir klar wurde, dass mir Lens Worte überhaupt nicht komisch vorkamen. »Als ob ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hätte.«
»Du hast deine Kräfte an die Flügel abgegeben. Und zwar nicht nur für die Übungen eben, sondern auch schon auf Vorrat. Wir müssen viel essen, Danka.«
»Aber das sieht man dir überhaupt nicht an!«
»Das verliert man beim Fliegen wieder, Senior. Wenn wir doch bloß draußen trainieren könnten! Aber das geht ja nicht. Also los, flieg noch mal.«
Wir übten weiter und unterbrachen das Training nur ab und zu, um etwas zu essen. Ich fuhr mir Wurstbrote, Spiegeleier und Schokowaffeln ein, trank Milch und Tee. Wo das alles blieb, war mir schleierhaft. Nach einer Stunde hatte ich nämlich wieder einen Wahnsinnshunger.
»Wie lange fliegen wir auf Patrouille?«, fragte ich Len, während ich durch die Luft eierte. Inzwischen konnte ich schon ein wenig lenken. Dabei kam es vor allem darauf an, auf die Flügel zu vertrauen, den Rest machten sie dann von allein.
»Fünf, sechs Stunden.«
»Das halte ich nicht durch!« Sofort bekam ich Angst.
»Wir nehmen Essen mit. Außerdem verbrauchst du beim Üben hier im Zimmer ständig Kraft, während wir uns draußen zwischendurch von der Luft tragen lassen und dabei neue Kraft schöpfen. Los, üb einfach noch ein bisschen!«
Wir starteten die Patrouille vom Turm unseres Hauses aus. Ich hatte Angst, dass mir andere Senioren dabei zuschauten, denn natürlich behielt man den Himmel über der Stadt immer im Auge. Wir hofften jedoch darauf, dass mein Flug aus der Entfernung nicht allzu stümperhaft wirkte.
Von dem zehn Meter hohen Turm zu springen war kein Kinderspiel. Immer wieder ging ich an den Rand der Plattform, zu der Stelle, wo eine Lücke im Geländer war. Der Steinboden, der im Laufe der Jahre glatt geschliffen worden war, stellte sich als gefährlich rutschig heraus. In den Straßen liefen ein paar Fußgänger, aber niemand achtete auf uns. Nur zwei kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen an der Hand einer älteren Dame, verdrehten hartnäckig den Kopf nach dem Turm und lauerten auf meinen Start. Wahrscheinlich würde ich sie enttäuschen.
»Es wird Zeit, Senior«, drängelte Len. »Mach schon! Wir müssten längst in der Luft sein.«
Ich tastete mich bis ganz an den Rand vor, blieb stehen und versuchte, das Gleichgewicht zu halten.
»Spring!«, zischte Len.
Ich breitete die Arme aus und schloss die Augen. In dem Moment trafen die Flügel die Entscheidung für mich. Sie schlugen auf die Luft ein, die hart wie Beton war – und der Turm verschwand unter meinen Füßen. Ohne die Augen wieder aufzumachen, hörte ich, wie Lens Flügel über mir schlugen und der peitschende Wind mir um die Ohren pfiff.
»Wir haben Flügel!«, schrie Len. Seine Stimme erkannte ich kaum wieder, so glücklich klang sie! »Lass sie machen, was sie wollen, dann fliegst du ganz von selbst! Wir haben Flügel!«
Ich öffnete die Augen. Die Stadt lag tief unter mir, die Menschen in den Straßen konnte ich schon nicht mehr erkennen. Wir stiegen immer höher, bis hinauf zu den paar Schäfchenwolken. Über ihnen hing ein dunkler Schleier.
»Len!«, brüllte ich. Mein Junior schoss durch die Luft, als ob ihn das überhaupt nicht anstrengte. Als er mich hörte, breitete er die Flügel aus und segelte neben mir.
»Können wir über die Wolken steigen, Len?«
Er verstand, worauf ich hinauswollte. »Nein, Danka, die Finsternis tötet uns. Nur die Freiflieger halten sie aus.«
»Aber wenn wir über die Wolken gelangen würden? Ist da die Sonne?«
»Das weiß ich nicht. Wir müssen jetzt Patrouille fliegen, Senior. Mir nach!«
Wir ließen die Stadt hinter uns und erreichten die Gegend, wo wir patrouillieren sollten. Len eilte ständig voraus, kam dann wieder zurück und weihte mich in diverse Geheimnisse ein, die für mich völlig wirr klangen. Ich hörte jedoch gar nicht hin, sondern genoss den Flug.
Vielleicht ist es noch spannender, ohne jedes Hilfsmittel zu fliegen, so wie Peter Pan. Aber das gibt es eben nur im Märchen. Mir machte es jedenfalls auch mit den Flügeln Spaß. Vor allem, weil ich überhaupt keine Höhenangst hatte und es sich anfühlte, als hätte ich schon immer fliegen können.