Unsere Aufgabe war leicht: Wir mussten die Hügel im Norden der Stadt abfliegen und nach Freifliegern Ausschau halten. Falls wir auf einen einzelnen Feind stießen, sollten wir ihn angreifen. Doch entweder hatten wir Glück oder Len hatte unsere Route so geschickt ausgewählt, jedenfalls begegnete uns kein einziger Freiflieger. Im Grunde bedauerte ich das sogar, denn ich hätte mir zu gern mal einen durchs Visier näher angesehen.
Ab und zu hielten wir in der Luft an – landen durften wir während eines Patrouillenfluges nicht – und aßen etwas. Bei solchen Gelegenheiten quetschte ich Len aus.
»Was macht ihr eigentlich in euerm Club, Junior?«
»Ganz bestimmt keinen Wein trinken«, stichelte Len. »Und prügeln tun wir uns auch nicht… Ansonsten machen wir alles Mögliche. Wir spielen Freiflieger…«
»Wie geht das?«
»Das ist ganz einfach. Wir sitzen alle an einem Tisch, so etwa zehn Leute, und teilen Karten aus. Jeder schaut sich seine Karten an. Es gibt zwei schwarze Karten, das sind die Freiflieger. Niemand weiß, wer eine schwarze Karte hat, nur diejenigen selbst. Dann schließen wir alle die Augen, damit imitieren wir die Nacht. Die beiden Freiflieger machen die Augen aber wieder auf und wissen jetzt, dass sie zusammengehören. Nur mit Blicken bestimmen sie ein Opfer. Anschließend öffnen alle die Augen und versuchen herauszukriegen, wer von uns die Freiflieger sind, die wir umbringen müssen.«
»Umbringen?«
»Natürlich nicht in Wirklichkeit. Alle rätseln, wer am verdächtigsten wirkt und ein geheimer Freiflieger ist. Dann wird abgestimmt und jemand umgebracht. Zum Spaß. Danach kommt wieder die Nacht, alle machen die Augen zu, aber derjenige, den wir umgebracht haben, ist jetzt Spielleiter. Er hat die Augen offen und ruft nacheinander alle Namen auf. Sobald der Name des Opfers fällt, das die Freiflieger vorhin ausgesucht haben, heben die beiden den Finger. Wenn sie sich vorher richtig verstanden haben und den Finger gleichzeitig heben, heißt es, der Junge ist tot. Dann öffnen alle die Augen, und der Spielleiter sagt, in der Nacht haben die Freiflieger den und den Flügelträger ermordet. Oder aber dass die Freiflieger sich nicht über ihr Opfer einigen konnten und sich auf unterschiedliche Jungen gestürzt haben, die sich gewehrt haben. Wir versuchen wieder herauszukriegen, wer von uns ein Freiflieger ist, stimmen ab, bringen noch jemanden um…« Len schielte zu mir herüber und fügte vorsichtshalber hinzu: »Natürlich auch diesmal nicht in Wirklichkeit. Dann kommt wieder die Nacht, und die oder der Freiflieger – falls einer schon tot ist – zeigen wieder auf jemanden. Das Spiel dauert so lange, bis wir alle Freiflieger erwischt oder sie alle Flügelträger vernichtet haben. Am aufregendsten ist es natürlich, wenn du selbst Freiflieger bist. Gestern war ich das zweimal und habe mich absolut überzeugend als guter Flügelträger ausgegeben…«
Das klang wirklich nach einem lustigen Spiel. Wenn ich wieder zu Hause wäre, würde ich es meinen Freunden beibringen. Statt der Freiflieger könnten wir ja Mafiosi nehmen und statt der Flügelträger ehrliche Bürger.
Am Ende unserer Patrouille befanden wir uns etwa vierzig Kilometer vor der Stadt. Zurück bräuchten wir eine halbe Stunde Flug, mehr nicht, vor allem weil wir den direkten Weg nehmen wollten, über die nicht sehr hohen Berge, über denen andere Flügelträger Patrouille flogen. Diese Abkürzung zu nehmen war nicht verboten.
»Wenn wir wieder zurück sind, besuchen wir einen von den Erwachsenen«, teilte Len mir mit. Er flog vor mir und ich konnte ihn gut hören. »Die sollen uns was Anständiges kochen. Es ist nämlich unser Recht, uns nach einem Patrouillenflug bei jemandem einzuladen. Danach…«
Plötzlich bremste er scharf ab und schlug wild mit den Flügeln. Beinahe wäre ich gegen ihn geknallt.
»Da vorn!«, schrie er.
Etwa einen Kilometer vor uns tobte über den Bergen ein Kampf. Zwei Figuren schlugen auf eine dritte ein, bei der es sich, der Größe nach zu urteilen, um einen Freiflieger handelte. Dann war da noch einer, der selbst durchs Visier nur wie ein dunkler Fleck aussah und sich mit heftigen Flügelbewegungen von dem Kampfgeschehen entfernte.
»Die Patrouille hat einen Freiflieger geschnappt«, sagte Len aufgeregt. »Klasse, wie sie den fertigmachen!«
Der Freiflieger, den die beiden Flügelträger in der Mangel hatten, stürzte schließlich auf einen Berg. Ein Flügel bewegte sich noch hilflos auf und ab, der andere war anscheinend kaputt.
»Der ist hinüber«, erklärte Len zufrieden. »Fliegen wir weiter!«
»Und der da?« Ich wies mit der Hand auf den zweiten Freiflieger, der sich immer weiter entfernte, verlor dabei das Gleichgewicht und geriet ins Strudeln. Als ich die Lage wieder unter Kontrolle hatte, hakte ich nach: »Meinst du nicht, dass wir uns den schnappen können, Len?«
»Ist das dein Ernst, Danka?« Mein Junior starrte mich an. »Willst du wirklich einen Kampf?«
Da explodierte ich. Mir war noch allzu gut in Erinnerung, wie ich vor den zwei Freifliegern in die Berge fliehen musste! Mit denen hatte ich noch eine Rechnung zu begleichen!
»Sei nicht so ein Feigling!«, schrie ich Len an und schoss los. Len folgte mir.
Wir näherten uns dem fliehenden Freiflieger und nahmen ihn in die Zange, Len und ich von der einen Seite, die beiden anderen Flügelträger von der anderen. Der Freiflieger bemerkte uns und wollte höher gehen, aber Len holte ihn ein und stieg über die schwarze Figur. Das Schwert hielt er mit beiden Händen gepackt. Der Freiflieger riskierte es nicht, meinen Junior von unten anzugreifen. Len hatte mir bereits erklärt, dass die Position über dem Feind die bessere ist.
Nachdem ich das Schwert aus der Scheide gezogen hatte, flog ich dichter an den Freiflieger heran. Die Flügel trugen mich von selbst in den Kampf. Plötzlich war ich mir ganz sicher, dass ich alles richtig machen würde. Ich würde zu dem Wesen der Finsternis fliegen und es töten. Ja, ich würde es töten, denn diese Wesen ermordeten Menschen. Außerdem hatten sie die Finsternis in diese Welt gebracht. Und schließlich war ich jetzt der Senior in unserem Team. Das Einzige, was mich noch interessierte, war, wie die Freiflieger eigentlich aussahen. Wie ein Vogel, ein Saurier oder so ähnlich wie ein Mensch, wenn auch einer mit einem fiesen Monstergesicht?
Wie dumm ich doch war…
Im Sturzflug ging ich unter den Freiflieger und schoss dann senkrecht nach oben, bis ich auf einer Höhe mit ihm war. Ich glaube, Len war sehr zufrieden mit mir, denn sein Senior hatte eine schöne Attacke geflogen.
Ich wollte angreifen – und erstarrte: Vor mir schwebte ein Mensch wie du und ich in der Luft, von den ausgebreiteten Flügeln mal abgesehen. Der Junge war schon älter und erinnerte mich irgendwie an Shoky, nur dass sein Gesicht nicht von einem durchsichtigen Visier geschützt war wie bei den Flügelträgern. Offen blickte er mir in die Augen – selbst in dieser ewigen Nacht konnte er etwas erkennen!
»Töte mich nicht«, krächzte er. »Töte mich nicht…«
Ich rührte mich nicht. Zum Glück hielten mich die Flügel in der Luft. Mein Schwert hatte ich immer noch auf den Freiflieger gerichtet. Er selbst trug kein Schwert, vermutlich hatte er es beim Kampf verloren.
»Lass mich fliegen«, keuchte der Freiflieger, dessen Stimme im Pfeifen des Windes fast unterging. Wir waren tausend Meter über den Bergen. Ich stellte mir vor, dass ich auf die schwarzen Flügel einschlug und er abstürzte…
»Lass mich fliegen«, wiederholte der Freiflieger. Die beiden anderen Flügelträger, die seinen Partner getötet hatten, kamen immer näher.
»Schlag zu!«, brüllte Len von oben. »Schlag zu, Danka!«
»Los, hau ab!«, zischte ich und senkte das Schwert. Die Verblüffung im Gesicht des Freifliegers entging mir nicht. Es war das Gesicht eines ganz normalen Menschen, allerdings leicht verzerrt, als ob ihn etwas quälte.