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»Hör auf!«, schrie ich, wobei ich für einen Moment vergaß, dass wir uns in Acht nehmen mussten. »Red nicht so einen Scheiß!«

»Ja, vielleicht rede ich Scheiß, aber du sollst trotzdem an den Schlüssel denken«, verlangte Len hartnäckig. »Und außerdem… Ich wollte dir noch sagen, dass du der beste Freund bist, den man haben kann. Danke, für alles.«

Was ich darauf antworten sollte, wusste ich nicht.

»Und noch was, selbst wenn das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist«, fuhr Len fort, »nur falls… ich es nachher vergesse. Freunde hat man nie für lange. Freunde sterben entweder oder verraten dich. Aber als du aufgetaucht bist, da habe ich geglaubt, diesmal ist alles anders. Nur hatte ich dann leider ziemlich Pech.«

Ich schluckte einen kratzenden Klumpen hinunter, der mir im Hals steckte, und wollte sagen, dass längst noch nichts verloren war, dass wir siegen würden und Len wieder der Alte werden konnte. Aber plötzlich streckte er den Rücken durch, stieß sich von der Wand ab und presste heraus: »Hauptsache, du stirbst nicht, ja?«

Stumm nahm ich seine Hand und wir blieben eine Weile so stehen. Wenn Worte leer klingen, dann sprich einfach nicht. Irgendwann setzten wir unseren Weg nach oben fort.

Dann endete die Treppe.

Der Raum war kleiner als der unten, denn hier war der Turm schmaler. In den runden Mauern gab es anstelle von Fenstern Spiegel, die vom Boden bis zur Decke reichten. Sie zeigten die schwarzen Fackeln, Len und mich, die anderen Spiegel… Der Raum wirkte endlos und schien in alle Himmelsrichtungen auseinanderzudriften.

»Hier sind wir richtig«, sagte Len.

Obwohl im Raum niemand war, spürte ich, dass Len recht hatte. Vielleicht weil von den Spiegelwänden eine Kälte ausging, die sogar durch den Flügeloverall drang.

Die Wendeltreppe führte zwar noch weiter hinauf, ging durch die Decke ganz bis zur Spitze des Turms. Aber auch ich wusste, dass wir nicht mehr weiter hoch mussten. Wir waren am Ziel.

Zwischen den Spiegeln waren Graffiti in unverständlichen Buchstaben oder Runen in die Wände geritzt. Als ich sie mit dem Wahren Blick betrachtete, zuckten sie und krümmten sich. Die Flammen der Fackeln flackerten, als wehe durch den Raum ein Wind, den wir nicht spüren konnten.

»Wir sind hier!«, schrie ich. »He, wir sind da!«

Schlagartig packte mich Angst: Was, wenn niemand auftauchte? Wenn es keinen Kampf geben würde? Wenn alles bliebe wie bisher?

»He!«, schrie ich noch einmal.

»Ich bin auch hier«, sagte jemand mit hölzerner Stimme hinter mir. Ich wirbelte herum und sah gerade noch, wie die schwarze Figur eines Freifliegers aus einem der Spiegel trat.

Stimme und Gesicht dieses Freifliegers kannte ich nur zu gut.

»Hau ab, Iwon«, meinte ich ohne jede Furcht. »Wir sind nicht deinetwegen hier. Spendier dir noch ein paar Minuten Leben… falls ihr eure Existenz Leben nennt. Wir brauchen den Herrn der Finsternis, den Herrn der Freiflieger.«

»Ich bin der Herr«, antwortete Iwon ungerührt, während er näher kam.

»Du lügst!«, widersprach ich intuitiv.

Iwon zuckte mit den Schultern. »Herr der Finsternis – das ist die Bezeichnung der Flügelträger«, sagte er. »Wir nennen ihn den Gegenwärtigen. Und der Gegenwärtige ist derjenige, der am besten mit einem akuten Problem zurechtkommt. Das Problem bist du. Der Gegenwärtige bin ich.«

»Und mich lässt du dabei ganz außer Acht?«, fragte Len heiser.

»Ja, sozusagen. Was willst du von uns, Danka?«

»Ich will nichts von euch. Ich will etwas für die Flügelträger. Ich will das Licht.«

»Das Licht?« Iwon zuckte abermals mit den Schultern. »Weshalb bist du sicher, dass das Licht besser ist als die Finsternis? Momentan betrachtest du alles aus der Sicht des Lichts… und von dieser Seite aus ist es schwierig, etwas über die Finsternis zu erfahren. Versuche erst mal, uns zu verstehen, dann entscheide.«

»Wer die Finsternis versteht, für den gibt es kein Zurück zum Licht.«

»Vielleicht liegt das ja daran, dass die Finsternis besser zu den Menschen passt?«

Was sollte ich darauf antworten?

»In dir steckt etwas sehr Starkes, Danka«, fuhr Iwon fort. »Das Licht hat dich zuerst gefunden und auf seine Seite gezogen. Das war Pech. Aber wieso soll das Licht besser sein als die Finsternis? Verrate mir das!«

Diese Frechheit brachte mich zum Lachen. Len brach ebenfalls in Gelächter aus, wenn auch in ein verhaltenes.

Iwon verzog die Lippen ungeschickt zu einem Lächeln. »Gut, wir sind die Finsternis«, sagte er. »Aber wir gießen kein Schwarzes Feuer über Städten aus.«

Len fuhr zusammen, als hätte er eine gewischt bekommen. Mir wurde schlecht.

»Wir haben das Schwarze Feuer nicht über die Menschen gegossen… und sie angelogen…«

»Ihr entführt sie und macht sie zu Freifliegern!«

»Nur selten. In der Regel kommen sie freiwillig zu uns. Nicht wahr, Len? Dich hatte Kurt doch auch schon beinahe überredet. Erst im letzten Moment hast du gekniffen. Du bist ein Feigling, und das ist sehr schlecht, wenn du für das Licht bist. Du bist ein dummer Angsthase. Bei uns hättest du es viel leichter… Warum hast du dich in unser Leben eingemischt, Danka? Willst du den Helden spielen? Das wird dir nicht glücken. Das Wahre Schwert allein bringt dir überhaupt nichts. Du musst auch deinen Wahren Feind kennen…«

Iwons Worte trafen mich wie schwere, eiskalte Hagelkörner. Ich versuchte, mich vor ihnen zu ducken, ihnen zu entkommen, denn darauf etwas antworten – das konnte ich nicht.

»Willst du wieder nach Hause, Danka?«

Wie bitte? Ich ließ sogar den Schwertgriff los.

»Eine Tür war im Tal… aber die ist mit Schwarzem Feuer begossen worden. Verborgene Türen mögen das nicht und verbrennen sofort. Die zweite Tür hast du selbst zerstört, Danka. Zusammen mit unserem Turm. Ich nehme dir das nicht übel, denn du hast ja geglaubt, das Richtige zu tun. Aus Sicht der Finsternis hast du dir insofern nichts zuschulden kommen lassen. Unser Pech, wenn du stärker bist als wir… Aber die dritte Tür existiert noch. Schau doch mal auf die Wand hinter mir.«

Stimmt, da gab es eine Verborgene Tür. Eine Holztür, bemalt mit weißer Ölfarbe und mit einem Glasknauf.

»Geh zurück in deine Welt, Danka. Überlass den Streit zwischen dem Licht und der Finsternis denjenigen, die schon keine Menschen mehr sind, und denjenigen, die noch nie Menschen waren. Überlass ihn demjenigen, der zwei Jungen in den Tod schickt, während er selbst gerade zu Mittag isst.«

Er wusste alles über mich und den Sonnenkater. Und darüber, was im Turm vor sich ging.

»Entscheide dich, Danka. Ja, wir sind Feinde und werden es auch bleiben. Aber wir müssen uns nicht gegenseitig umbringen. Geh in deine Welt. Von mir aus mit Len, wenn du das willst.«

»Daraus wird nichts, Iwon«, schaltete sich Len ein. »Ich werde nicht von hier weggehen, ist das klar? Das ist mein Land. Und wenn ich nicht fortgehe, wird Danka auch bleiben!«

Jetzt wandte sich Iwon an Len: »Tut mir leid, Len. Sie haben dich gut bearbeitet. Wie könnte ich dich da noch umstimmen…? Kurt!«

Len trat dicht neben mich. Aus einem Spiegel – nicht aus jenem, aus dem Iwon gekommen war, sondern aus einem anderen – stieg ein zweiter Freiflieger heraus.

Ihn kannte ich nicht – im Unterschied zu Len.

Als er noch ein Mensch gewesen war, musste er neunzehn oder zwanzig Jahre alt gewesen sein. Das ist das Höchstalter für einen Flügelträger. Aber das galt nicht für die Freiflieger – sie hinderte das Alter nicht am Fliegen.

»Hallo, Junior!«

Seine Stimme klang warm und wie die eines Menschen. Allerdings hatte ich den Eindruck, es koste Kurt gewaltige Mühe, mit dieser Stimme zu sprechen.

»Ich bin nicht dein Junior.« Lens Stimme war nur noch ein Flüstern.

»Doch. Hast du vergessen, wie ich zu dir gekommen bin und dir vorgeschlagen habe, mein Partner zu werden? Wie du dich gefreut hast, als du die ersten Flügel bekamst? Und wie ich dir dann das Fliegen beigebracht habe?«