»Ich glaube, ich habe etwas für euch«, sagte er. »Etwas, das euch interessieren dürfte.«
»Im Moment interessiert mich überhaupt nichts«, knurrte ich. »Wie spät ist es überhaupt?«
»Fast acht«, sagte Howard in leicht tadelndem Tonfall. »Sean hat vielleicht etwas entdeckt, das uns weiterhilft.«
Ich blinzelte, unterdrückte mit Mühe ein Gähnen und versuchte aufzustehen, aber das Boot schwankte so heftig unter meinen Füßen, daß ich mich am Bett festhalten mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »So?« sagte ich. »Und was?«
»Ich war gestern abend noch bei diesem Pferdedoktor«, berichtete Sean. »So, wie Phillips es mir aufgetragen hatte.«
»War er bei dem Mädchen?« fragte ich schlaftrunken. Wie immer, wenn ich zu wenig Schlaf gefunden hatte, fühlte ich mich zerschlagener und müder, als wäre ich gar nicht im Bett gewesen.
»Er war es«, sagte Howard plötzlich eindeutig ungeduldig. »Aber das ist nicht das Wichtigste. Der Arzt war nicht allein.«
Ich torkelte zum Tisch, suchte vergeblich nach irgendwelchen Anzeichen eines Frühstückes und griff schließlich in Ermangelung von etwas anderem nach dem Glas mit kalt gewordenem Grog vom letzten Abend. Er schmeckte fürchterlich, aber der Alkohol vertrieb für einen kurzen Moment den Eisklumpen, in den sich meine Eingeweide verwandelt zu haben schienen.
»Einer von den Jungs aus der Stadt war bei ihm«, sagte Sean. »Er war völlig aufgelöst. Erzählte irgend etwas von einem Freund und einem Buch mit komischen Schriftzeichen.«
Seine Worte rissen mich abrupt aus dem Dämmerzustand, in dem ich mich noch befand. »Ein Buch?« wiederholte ich, mit einem male hellwach. »Was für ein Buch?«
Ich fing einen Blick von Howard auf. Offenbar bewegten sich seine Gedanken in den gleichen Bahnen wie meine. Ein Buch ...
»Das hat er nicht gesagt«, antwortete Sean. »Er hat sowieso nur haarsträubenden Unsinn geredet. Der Doc hat ihm kein Wort geglaubt und ihm ein Beruhigungsmittel gegeben und weggeschickt. Wahrscheinlich hat er ihn schlichtweg für betrunken gehalten.«
»War er es?« fragte ich.
Sean verneinte. »Ich bin ihm nachgegangen«, sagte er. »Der arme Kerl war völlig außer sich. Und ich bin sicher, daß er keinen Tropfen angerührt hat.«
»Und?« fragte Howard, als Sean nicht weitersprach.
Sean zuckte mit den Achseln. »Nichts und«, antwortete er. »Ich dachte mir, seine Geschichte würde Sie interessieren, nach allem, was in den letzten Tagen hier passiert ist.«
»Wissen Sie, wo er wohnt?« erkundigte sich Howard. Er hatte Mühe, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.
Sean schüttelte abermals den Kopf und deutete gleich darauf mit einer Hand zur Treppe. »Nein«, sagte er. »Aber das macht nichts. Ich habe mit Gordon gesprochen - er ist hier.«
»Hier?« Instinktiv blickte ich nach oben, zur Treppe.
»In der Nähe«, sagte Sean. »Er wartet auf Sie, oben bei den Fischhallen.«
»Warum haben Sie ihn nicht gleich mitgebracht?« fragte Howard.
Sean machte eine unwillige Handbewegung. »Verdammt, es war schwer genug, ihn dazu zu überreden, überhaupt mit Ihnen zu reden«, sagte er. »Begreifen Sie immer noch nicht, was in dieser Stadt vorgeht? Die Leute hier haben Angst, und sie machen Sie für das verantwortlich, was passiert.«
»Aber das ist doch Unsinn«, widersprach ich.
»Natürlich ist es das«, sagte Sean verärgert. »Aber die Leute hier sind nun mal so. Die denken nicht unbedingt logisch, Junge.« Er stand auf. »Ich gehe zurück zu Gordon. Beeilen Sie sich. Ich weiß nicht, wie lange er noch wartet.« Mit einem letzten, abschließenden Kopfnicken verabschiedete er sich, fuhr herum und lief die Treppe hinauf, Sekunden später polterten seine Schritte auf dem Deck über uns.
Howard blickte ihm stirnrunzelnd nach. »Was hältst du von ihm, Robert?« fragte er leise.
Ich zuckte mit den Achseln, ging zum Bett zurück und begann, warme Kleider aus der Kiste zu suchen, in der wir unsere Habseligkeiten verstaut hatten. Wenn es hier drinnen schon so kalt war, mußte es draußen eisig sein. »Keine Ahnung«, antwortete ich mit einiger Verspätung. »Ich glaube nicht, daß er uns feindselig gesonnen ist - aber er ist ganz bestimmt nicht das, was er zu sein vorgibt.«
»Er hat keine einzige Frage gestellt«, murmelte Howard.
Ich sah auf, streifte mein dünnes Rüschenhemd ab und griff statt dessen nach einem wärmenden Pullover. »Wie meinst du das?«
»Gestern abend, als wir zurückgingen«, sagte Howard. »Oben in Miß Windens Wohnung dachte ich, er würde aus Rücksicht auf sie und ihre Tochter schweigen. Aber er hat auch auf dem Rückweg nichts gefragt.«
»Aber ihr habt euch doch unterhalten.«
Howard winkte ab. »Über alles mögliche, nur nicht über das Mädchen, Robert. Es schien ihn überhaupt nicht zu interessieren ... Oder«, fügte er nach einem Moment des Überlegens und mit veränderter Betonung hinzu, »er wußte Bescheid.«
»Ist dir aufgefallen, wie er kämpft?« fragte ich.
Howard blinzelte. »Was?«
»Als er mit Sally gerungen hat«, fuhr ich fort. »Ich habe ihn genau beobachtet, Howard. Wenn ich jemals einen Menschen gesehen habe, der eine Nahkampfausbildung hinter sich hat, dann Sean.«
Howard schwieg einen Moment, dann seufzte er und griff nach seinem Mantel. »Beeil dich, Robert«, sagte er. »Wir finden schon heraus, was mit ihm nicht stimmt. Im Moment steht er jedenfalls auf unserer Seite.«
»Hoffentlich«, murmelte ich. Howard zog es vor, darauf gar nicht zu antworten, sondern sah schweigend und mit wachsender Ungeduld zur, wie ich mich anzog.
Ohne ein weiteres Wort verließen wir das Boot. Rowlf erwartete uns auf dem Kai, wie Howard und ich in einen dicken, pelzbesetzten Mantel gehüllt, der ihn noch massiger erscheinen ließ, als er ohnehin war.
»Sean?« fragte Howard knapp.
Rowlf deutete mit einem behandschuhten Finger auf eine Anzahl niedriger Lagerschuppen, die sich wenige hundert Schritte entfernt unter dem strömenden Regen duckten. »Ist dahinter verschwunden«, sagte er. »Im mittleren Schuppen.«
Wir gingen los. Der Regen war eisig, und trotz der dicken Winterkleidung zitterte ich bereits nach wenigen Schritten wieder vor Kälte. Wir gingen dicht beieinander und beeilten uns, den gewundenen Weg hinaufzugehen und uns den Lagerschuppen zu nähern. Sie lagen ein wenig abseits, wie mir auffiel, eigentlich schon zu weit vom Wasser entfernt, aber noch auf dem Hafengelände, und auf der Straße davor hatten sich Abfälle und Unrat und Schmutz gesammelt, die bewiesen, wie selten sie benutzt wurden.
Mein Blick wanderte zur Stadt hinüber, während wir uns den Schuppen näherten. Es war ein sonderbares Bild, das sich mir bot: Durness wirkte grau und leblos und wie ausgestorben, kaum wie eine wirkliche Stadt, in der Menschen lebten, sondern wie eine billige Theaterkulisse, die sich hinter den schräg vom Wind gepeitschten Regenschleiern duckte. Natürlich wirkt keine Stadt anheimelnd bei einem Wetter wie diesem; das graue Licht der Dämmerung ließ die Konturen der Häuser weich und schwammig erscheinen, und es schien keine Farben zu geben, sondern nur die unterschiedlichsten Grauschattierungen, und trotzdem war es mehr als die übliche Melancholie eines verregneten Wintermorgens. Es war, als ducke sich die Stadt unter dem tiefhängenden Himmel, und alles, was ich spürte, war ein dumpfes Gefühl der Furcht. Es war wie gestern abend, als ich mich Sally näherte - ich spürte die Anwesenheit des Fremden und Bösen, nur nicht so intensiv wie gestern. Hastig vertrieb ich den Gedanken.
Die Tür des mittleren Schuppens öffnete sich, als wir noch dreißig Schritte entfernt waren, und Sean trat auf die Straße hinaus und winkte. Wir gingen schneller. Die letzten Meter legten wir beinahe im Laufschritt zurück, um aus der Kälte und dem Regen herauszukommen.
Im Inneren des Schuppens war es so dunkel, daß ich im ersten Moment nichts als Schatten und flache, tiefenlose Umrisse sah. Die Luft roch nach fauligem Fisch und Abfällen, und es war fast noch kälter als draußen, aber wenigstens waren wir aus dem Regen heraus.