»Heißt das, daß du jetzt... daß du jetzt wirklich stirbst?«
Er lächelte, als hätte ich etwas furchtbar Dummes gesagt. »So etwas wie einen endgültigen Tod gibt es nicht, Robert«, sagte er. »Aber es wird lange dauern, ehe wir uns wiedersehen. Ich werde dir nicht mehr helfen können.«
»Mir helfen? Dann warst du ...«
»Ich war es, der den Dämon vertrieb, der von dem Mädchen Besitz ergriffen hatte«, sagte er. »Es war meine Macht, die du gespürt hast, Robert. Aber ich werde dir nicht mehr beistehen können, in Zukunft. Du hast jetzt nur noch dich. Dich und die Macht, die ich dir vererbt habe. Übe dich darin, Robert, und nutze sie gut.« Er schwieg, trat auf mich zu und hob die Hand, als wolle er mich berühren, tat es aber dann doch nicht. »Und verzeih mir, wenn du kannst«, sagte er, sehr leise und sehr traurig.
Dann verschwand er.
Aber ich stand noch lange da und starrte reglos auf die Stelle, an der er gestanden hatte. Eines Tages wirst du mich hassen, hatte er in seinem Brief geschrieben. Ich versuchte, mich dagegen zu wehren, aber ich konnte es nicht. Ich versuchte mir einzureden, daß er getan hatte, was er tun mußte, daß er keine andere Wahl gehabt hatte, und ich wußte, daß es wahr war. Aber alles, was ich in meinem Inneren fand, war die Erinnerung an die unschuldigen Menschen, die hatten sterben müssen, die geopfert worden waren, um seinen Plan zum Erfolg zu führen.
Ich wollte es nicht.
Ich wehrte mich mit aller Kraft dagegen, aber es war so, wie er es vorausgesagt hatte. Ich versuchte, ihm zu verzeihen, aber ich haßte ihn für das, was er hatte tun müssen. Und ich schwor, mich an denen zu rächen, die ihn zu dem gemacht hatten, was er geworden war.
Die GROSSEN ALTEN hatten sein und mein Leben zerstört. Und ich würde nicht eher ruhen, bis die finsteren Götter aus der Vorzeit tot waren. Sie - oder ich ...
Siebtes Buch - Der Baumdämon
»Still!«
Howard legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen, preßte sich dichter gegen die Wand und wartete mit angehaltenem Atem, bis die Stimmen und Schritte nähergekommen und wieder verklungen waren. Erst dann wagte er es, sich vorsichtig aus dem Schatten zu erheben und geduckt zu uns zurückzuhuschen. Mit einer fahrigen, nervös wirkenden Bewegung, die seine Erschöpfung mehr als alles andere verriet, ließ er sich zwischen Rowlf und mir in die Hocke sinken, fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht und deutete mit dem Daumen zurück.
»Ich glaube, wir können es riskieren«, murmelte er. »Es sind nur noch ein paar Blocks. Es wird dunkel.«
Seine Art zu reden war noch abgehackter und schneller geworden als normal, und obwohl ich ihn im rasch schwächer werdenden Licht der Dämmerung nur als graufleckigen Schatten erkennen konnte, sah ich ihm seine Erschöpfung überdeutlich an. Wenn er sich bewegte, dann tat er es ruckhaft, starr; als wären an seinen Gliedern dünne Fäden befestigt, an denen ein unsichtbarer Puppenspieler zog.
Müde blickte ich in die Richtung, in die er gedeutet hatte. Der Torbogen erschien mir wie ein finsterer Höhleneingang, und die Straße und die Häuser dahinter waren nur als blinkende, matte Schemen zu erkennen, auf denen sich ab und zu flackernder Feuerschein brach, je nachdem, wie der Wind stand und die Schleier aus strömendem Regen aufrissen, die ununterbrochen auf die Stadt niederstürzten. Der Hafen brannte noch immer.
Howard beugte sich vor, stützte sich mit der linken Hand am Rande einer der Tonnen ab, hinter denen wir Zuflucht gesucht hatten, und griff mit der anderen nach Rowlfs Schulter. Rowlf stöhnte. Seine Lider öffneten sich einen Spaltbreit, aber die Augen dahinter waren trüb, ihr Blick leer und glanzlos. Sein Gesicht glühte. In der grauen Helligkeit sahen die Brandblasen darauf aus wie rote Pockennarben, und sein Schweiß roch schlecht und säuerlich. Howard hatte diesen verlassenen Hinterhof vor sechs oder sieben Stunden entdeckt, und seither verkrochen wir uns hier wie Ratten, die vor der Katze flohen, unter Unrat und Müll verborgen, zitternd vor Kälte und Angst und erbarmungsloser gejagt als Tiere. Rowlf hatte ein paarmal das Bewußtsein verloren in dieser Zeit. Er wachte immer wieder auf, aber der Unterschied zwischen den Perioden, in denen er halbwegs klar war oder fieberte und phantasierte, wobei er manchmal um sich schlug und im Fieber schrie, so daß wir ihn halten und mit Gewalt zum Schweigen bringen mußten, verschob sich langsam, aber unbarmherzig zu seinen Ungunsten.
Der Anblick versetzte mir einen scharfen, schmerzhaften Stich. Ich kannte diesen großen, ständig zu lauten und ständig gereizt scheinenden Burschen jetzt seit drei Monaten, aber eigentlich war mir erst in den letzten Stunden klargeworden, wie sehr ich ihn mochte; in den Stunden, in denen ich frierend und zitternd vor Angst dagesessen und darauf gewartet hatte, daß es endlich dunkel wurde, und in denen ich hilflos zusehen mußte, wie er vor meinen Augen verfiel.
»Er braucht einen Arzt«, sagte ich. Howard blickte kurz auf, sah mich einen Moment schweigend an, und machte dann eine Kopfbewegung, die wie eine mißlungene Mischung aus einem Nicken und einer Verneinung aussah; wahrscheinlich sollte sie genau dies sein.
»Ich weiß«, sagte er. »Aber er muß durchhalten, bis wir Bettyhill erreichen. Wenn uns auch nur eine Menschenseele sieht, solange wir noch in dieser Stadt sind ...«
Er sprach nicht weiter, aber das war auch nicht nötig. Wir versteckten uns nicht aus Spaß wie gemeine Verbrecher in Hinterhofen und Müllhaufen. Ein eisiger, kalter Zorn stieg in mir auf, als ich an die Ereignisse der letzten Tage zurückdachte. Als wir Durness erreicht hatten, die mir jetzt, im nachhinein, wie Jahre vorkamen, waren wir ganz normale Touristen gewesen, Großstädter, auf die die Einwohner der kleinen nordschottischen Hafenstadt Durness mit einem gelinden Lächeln und der den Schotten eben üblichen Überheblichkeit herabblickten. Fremde, die sie verachteten und über die sie sich insgeheim vielleicht sogar amüsierten, wenn sie es nicht einmal merkten und ihr gutes Geld in ihren Läden und Pubs ausgaben. Jetzt schrie die ganze Stadt nach unserem Blut.
Meine Gedanken kehrten zurück zu den Ereignissen der vergangenen Nacht und des Morgens, während Howard sich neben mir bemühte, Rowlf mit sanftem Schütteln an der Schulter aufzuwecken und ihm auf die Füße zu helfen, und wieder spürte ich diesen eisigen, mit einem Gefühl quälender Hilflosigkeit gepaarten Zorn. Sie hatten uns gejagt wie die Tiere. Der Zorn des aufgeputschten Mobs war so gewaltig gewesen, daß sie unser Boot angezündet und Petroleum ins Hafenbecken geschüttet hatten, um uns bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Nun, sie hatten die Quittung bekommen, und zwar prompt. Das brennende Petroleum hatte sich mit rasender Geschwindigkeit über das ganze Hafenbecken ausgebreitet und in wenigen Augenblicken nicht nur das Dutzend Schiffe, das dort vertäut lag, sondern auch die angrenzenden Gebäude und Lagerhäuser in Brand gesetzt. Und das Feuer tobte noch immer, obwohl die ganze Stadt zusammengekommen war, um es zu löschen. Dabei glich es schon fast einem Wunder, daß der Brand nicht noch weiter um sich gegriffen und die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte.
»Hilf mir«, sagte Howard leise. Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, fuhr fast schuldbewußt herum und legte die Hände unter Rowlfs Rücken. Er war wach und versuchte uns zu helfen, aber seine Bewegungen waren ohne Kraft und ziellos. Er stürzte fast, als er endlich auf seinen Füßen stand und sein Gewicht schwer auf Howards und meine Schultern stützte.
Der Regen peitschte uns eisig in die Gesichter, während wir uns zum Tor schleppten. In den schräg fallenden Schleiern glitzerte Eis, und ich roch Schnee. Es war absurd, aber mir fiel plötzlich ein, daß es fast Dezember und nicht mehr lange bis Weihnachten war, Rowlfs Gewicht drückte wie eine Tonnenlast auf meine Schultern, und auch Howard taumelte, nachdem wir den Torbogen erreicht und in seinem Schatten stehengeblieben waren.