»Bitte«, fügte ich, leiser und - ohne daß es mir im ersten Moment selbst zu Bewußtsein gekommen wäre - in fast flehendem Tonfall hinzu. »Ich tue es nicht gerne, aber einer meiner Freunde wird sterben, wenn Sie uns nicht helfen.«
Sie starrte mich an. In ihren Augen glitzerten Tränen, und ihre Finger verkrallten sich in einer unbewußten Bewegung in den dünnen Stoff ihres Kleides. Ihre Lippen zuckten. Sie blickte zu Boden, schluckte ein paarmal hintereinander, hart und krampfhaft, starrte ihre Tochter und dann wieder mich an und atmete hörbar ein. »Was wollen Sie?« fragte sie schließlich. »Ich kann Sie nicht verstecken, und ich habe keinen Wagen, den ich Ihnen geben könnte. Was wollen Sie von mir? Warum quälen Sie mich?«
»Das ... liegt nicht in meiner Absicht«, antwortete ich ehrlich. Warum erschreckten mich ihre Worte so? »Ich wäre nicht hierher gekommen, wenn ich einen anderen Ausweg gewußt hätte, glauben Sie mir.«
Wieder schwieg sie einen Moment, und wieder blickten mich ihre Augen in einer Art an, daß es mir eisig den Rücken herablief.
»Ist... ist es wahr, daß Sie den Hafen angezündet haben?« fragte sie plötzlich. »Sie und Ihre Freunde?«
»Ich?« Ihre Worte verwirrten mich so sehr, daß ich im ersten Moment unfähig war, zu antworten, sondern sie nur mit offenem Mund anstarrte. »Aber das ist doch Wahnsinn!« keuchte ich. »Wir -«
»Was sind Sie?« fragte Miß Winden. Plötzlich war sie ganz ruhig; von jener übertriebenen, fast verkrampften Gefaßtheit, hinter der sich mit aller Macht niedergehaltene Panik zu verbergen pflegt. »Was sind Sie?« fragte sie noch einmal, als ich nicht gleich antwortete. »Sie und Ihre Freunde?«
»Was sagt man denn, das wir sind?« fragte ich.
»Man sagt, Sie wären ein Hexer, Mister Craven«, antwortete Miß Winden ernst. »Man sagt, Sie wären mit dem Teufel im Bunde. Ist... ist das wahr?«
»Unsinn«, schnappte ich, aber ich sah an der Reaktion auf ihrem Gesicht, daß es genau die falsche Antwort war, und fügte, so ruhig ich in diesem Moment konnte, hinzu: »Es ist nicht wahr, Miß Winden. Ich ... ich kann es Ihnen jetzt nicht erklären, aber wir sind weder mit dem Teufel noch mit sonstwem im Bunde. Der Brand am Hafen ist nicht unsere Schuld, im Gegenteil. Es waren ... es waren die Männer, die uns töten wollten. Sie haben Petroleum ins Wasser gegossen, um uns zu verbrennen. Der Brand hat sich ausgeweitet und auf das Hafengebiet übergegriffen, aber es war nicht unsere Schuld.«
»Sie sind ein Hexer!« beharrte sie. Der Ausdruck der Furcht in ihren Augen wurde stärker. »Sie ... seit Sie in die Stadt gekommen sind, ist das Unglück hier eingekehrt. Es sind -«
»Es sind sonderbare Dinge geschehen, ich weiß«, unterbrach ich sie. Ich versuchte zu lächeln - es mißlang -, ging sehr langsam, um sie nicht noch mehr zu ängstigen und zu einer unbedachten Handlung hinzureißen, um das Bett herum, und ließ mich auf seine Kante sinken. Sally bewegte im Schlaf den Kopf. Ich sah, daß ihre Haut fiebrig glänzte und ihre Lippen aufgesprungen und rissig waren; sie bot ein Bild des Jammers. Es war schwer vorstellbar, daß dieses unschuldige Kind noch vor Tagesfrist ein Ungeheuer in sich beherbergt hatte, das den Grenzen des Vorstellbaren schlichtweg spottete. Behutsam beugte ich mich vor und berührte ihre Stirn mit dem Handrücken. Ihre Haut war heiß. Aber es war sonderbar - fast im gleichen Augenblick, in dem meine Hand ihre Stirn berührte, hörte sie auf, sich im Schlaf hin und her zu werfen. Ihr Atem beruhigte sich, und die Augäpfel, die sich bisher hektisch hinter den geschlossenen Lidern hin und her bewegt hatten, kamen endlich zur Ruhe.
Miß Winden sog scharf die Luft ein. »Was ... was tun Sie mit ihr?« fragte sie mißtrauisch.
»Nichts«, antwortete ich. »Keine Sorge - ich habe weder vor, Sally etwas zuleide zu tun, noch sonst irgendeinem Menschen. Glauben Sie mir, ich bin nicht ihr Feind. Im Gegenteil.«
Sie schluckte. Ihr Blick flackerte unstet.
»Ich weiß, was die Menschen hier über uns sagen«, sagte ich leise. »Und ich kann sie fast verstehen. Es sind ... sonderbare Dinge geschehen, seit wir nach Durness kamen. Und vielleicht ist es sogar unsere Schuld. Vielleicht hätten wir niemals hierherkommen dürfen.«
Fast eine Minute lang starrte mich Miß Winden an. Dann, mit einer Bewegung, der man ansah, wieviel Überwindung sie sie kostete, nickte sie. »Ich ... werde Ihnen helfen«, sagte sie, so leise, daß ich Mühe hatte, sie überhaupt zu verstehen.
»Dann glauben Sie mir?« fragte ich.
»Ich werde Ihnen helfen, Ihnen und Ihren Freunden«, erwiderte sie steif. »Sie haben das Leben meiner Tochter gerettet, Mister Craven. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich alles tun werde, was Sie dafür verlangen. Und ich halte mein Wort.«
Das war nicht die Antwort, die ich hatte hören wollen; ganz und gar nicht. Aber es war die einzige, die ich bekommen würde. Einen Moment lang hielt ich ihrem Blick noch stand, dann stand ich auf, trat einen Schritt von Sallys Bett zurück und begann ihr mein Vorhaben zu erklären.
Das Netz war gewachsen. Millionen und Abermillionen haarfeiner, tausendfach verästelter Fäden durchzogen den Waldboden im Umkreis von mehreren Meilen mit einem schwarzen, öligen Geflecht, und der Körper des Shoggoten hatte im gleichen Maß an Masse verloren, wie sich das Gewebe ausgebreitet hatte. Er hatte Nahrung aufgenommen, auf die grausame Weise, die seiner Art angeboren war - wo er auf Leben anderer als pflanzlicher Art gestoßen war, hatte er es absorbiert, sein Zellgefüge aufgebrochen und zu einem Teil seines eigenen, jetzt über Meilen und Meilen verteilten bizarren Körpers gemacht. Sein eigentlicher Leib war jetzt kaum mehr größer als der eines Menschen, allenfalls der einer Kuh; trotzdem hatte sich seine Masse fast verzehnfacht, seit er an Land gekrochen war.
Jetzt fraß er nicht mehr. Sein Körper breitete sich weiter aus, das Netz wuchs unaufhörlich, aber er hatte genug organische Materie in sich aufgenommen, um seine eigentliche Aufgabe in Angriff zu nehmen. Trotz seiner boshaften Intelligenz war er nicht viel mehr als eine Maschine, ein Ding, das zu einem einzigen, ganz bestimmten Zweck erschaffen worden war, und das nur die Wahl hatte, seine Aufgabe zu erfüllen oder zu sterben. Aber wie konnte etwas sterben, das niemals gelebt hatte?
Eine knappe Stunde später kehrten wir zu dem Hinterhof am östlichen Stadtrand von Durness zurück. Ein Fuhrwerk zu besorgen war beinahe leichter gewesen, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich hatte Miß Winden Geld gegeben, und sie hatte einen Wagen mit zwei Pferden gemietet. Wie sie mir erzählte, hatte der Mann, bei dem sie das Fuhrwerk erstanden hatte, sie nur kopfschüttelnd angesehen, aber keine Fragen gestellt: Sie war nicht die einzige, die die Stadt an diesem Tage vorsorglich verlassen hatte; der Brand im Hafen war noch immer nicht vollkommen unter Kontrolle, und so mancher war geflohen, aus Furcht, das Feuer könne auf die ganze Stadt übergreifen, oder einfach aus Panik. Ich hatte noch eine Weile im Wagen versteckt warten müssen, ehe sie eine Nachbarin gefunden hatte, die sich bereiterklärte, für den Rest der Nacht an Sallys Bett Krankenwache zu halten. Miß Winden hatte mir nicht gesagt, welche Begründung sie dafür gefunden hatte, aber sie hatte es, und ich gab mich damit zufrieden, sie nach einer Weile aus dem Haus kommen und auf den Kutschbock steigen zu sehen. Keiner von uns hatte es ausgesprochen, aber wir waren uns beide darüber im klaren, daß sie sich mit ihrer Hilfe selbst in Gefahr brachte. Wenn wir entdeckt wurden, würde sich der Zorn der Menge auch auf sie entladen.
Es war fast zehn, als der Wagen vor der finsteren Toreinfahrt hielt. Ich bedeutete Miß Winden mit Zeichen, zu warten, sprang ohne ein weiteres Wort vom Bock und eilte gebückt auf den finsteren Hinterhof. Im ersten Moment sah ich nichts - das unregelmäßige Karree schien ausgestorben zu sein, und weder von Rowlf noch von Howard war eine Spur zu sehen, aber nachdem ich ein paarmal halblaut Howards Namen gerufen hatte, erwachte ein Schatten raschelnd hinter den Müllbehältern.