Schließlich blieb der Wagen abermals stehen; mit einem so plötzlichen Ruck, daß ich auf der glitschigen Holzbank den Halt verlor und um ein Haar gestürzt wäre. Howard fluchte ungehemmt, sprang mit einem Satz vom Bock und fluchte ein zweites Mal, als er bis zu den Knöcheln im aufgeweichten Matsch neben der Straße versank. »Was ist passiert?« fragte ich.
»Wir sitzen fest«, antwortete Howard wütend. »Komm runter und hilf mir.«
Ich stand auf, sprang jedoch auf der anderen Seite aus dem Wagen, um nicht wie Howard plötzlich im Morast zu versinken, und umrundete das Fuhrwerk vorsichtig. Die Pferde waren unruhig und traten nervös auf der Stelle. Ihre Schwänze peitschten, und eines von ihnen versuchte sogar, nach mir zu beißen, als ich an ihm vorüberging.
Howard hockte, noch immer leise vor sich hin fluchend, neben dem Wagen und zerrte mit den Händen an irgend etwas herum, als ich neben ihn trat.
»Was ist los?« fragte ich noch einmal. »Ein Schlagloch?«
»Nein. Komm her und hilf mir.« Er rutschte ein Stück zur Seite, winkte ungeduldig mit der Hand und deutete auf ein dunkles, vor Nässe glänzendes Etwas, in dem sich das Rad verfangen hatte.
»Was ist das?« murmelte ich überrascht. Ich beugte mich vor, wischte mir mit dem Handrücken das Regenwasser aus den Augen und versuchte, das sonderbare Hindernis genauer zu erkennen.
Es waren Wurzeln; Wurzeln oder Ranken, dick mit schlammigem Erdreich verkrustet und ineinander verwachsen. Mit der Beharrlichkeit von Pflanzen hatten sie das Straßenpflaster an dieser Stelle gesprengt und sich mit anderen vereinigt, die vom Straßenrand herbeigewachsen waren. Das Rad hatte einen Teil der Masse durch sein pures Gewicht zerquetscht, aber die dünnen, zähen Ranken hatten sich in den Speichen verfangen und hielten sie wie eine vierfingerige, verknorpelte Hand fest. Prüfend zerrte ich an einer der Ranken, aber es gelang mir nicht einmal, sie zu lockern, geschweige denn, sie zu zerreißen.
Howard murmelte sich irgend etwas in den Bart - vermutlich einen Fluch -, zauberte ein Taschenmesser hervor und begann mit verbissenem Gesichtsausdruck an einer der Ranken herumzusäbeln - mit äußerst mäßigem Erfolg.
»Verdammt noch mal, was ist das für ein Zeug?« murmelte ich. »Das ist doch nicht normal.«
»Pflanzen«, antwortete Howard unwillig. »Irgendein Wurzelzeug. Der verdammte Regen hatte doch hier alles aufgeweicht. Es würde mich nicht wundern, wenn die ganze Straße irgendwo abgesackt ist.« Er fluchte erneut, griff nach dem angeschnittenen Wurzelstrang und zerrte mit aller Kraft. Das Holz riß mit einem peitschenden Knall. Howard verlor durch den plötzlichen Ruck das Gleichgewicht, ruderte einen Moment hilflos mit den Armen und fiel hintenüber in den Matsch.
Ich unterdrückte im letzten Moment ein schadenfrohes Lachen, half ihm auf die Füße und nahm ihm wortlos das Messer ab. Während Howard ebenso wütend wie vergeblich versuchte, seine Kleider vom Schlamm und Morast zu reinigen, säbelte ich weiter an der seltsamen Pflanzenmasse herum. Es war beinahe aussichtslos. Die Wurzeln waren kaum stärker als mein kleiner Finger, einige nur fein wie Haar, aber es waren unglaublich viele; mit dem winzigen Taschenmesserchen würde ich eine Stunde brauchen, um das Rad zu befreien. Es war mir ein Rätsel, wie sich der Wagen in so kurzer Zeit derart gründlich hatte festfahren können. Es sah beinahe so aus, als wäre das Wurzelgeflecht um die Speichen herumgewachsen.
Nach einer Weile begannen meine Muskeln vor Anstrengung zu schmerzen. Ich stand auf, ließ mich von Howard ablösen und bewegte Arme und Schultern, um meine verspannten Muskeln zu lockern. Eines der Pferde begann nervös auf der Stelle zu treten und zu wiehern.
»Was ist mit den Tieren?« fragte Howard, während er weiter mit seinem Messer in der verfilzten Masse herumstocherte. »Versuch sie zu beruhigen, Robert. Ich möchte nicht, daß sie durchgehen, während ich die Hand unter dem Rad habe.«
Ich nickte, ging vorsichtig am Wagen vorbei nach vorne und legte dem Tier beruhigend die Hand auf die Nüstern.
Es biß nach mir. Ich zog im letzten Moment die Hand zurück, verletzte mich aber dabei am Zaumzeug und zog mir einen langen, blutigen Riß auf dem Handrücken zu. Hastig sprang ich zurück, warf dem Pferd einen zornigen Blick zu und preßte die Hand unter die Achselhöhle.
»Ist es schlimm?« fragte Miß Winden.
»Nein. Es tut nur verdammt weh.«
»Dann kommen Sie her«, sagte sie. »Ich habe ein bißchen Verbandszeug mitgenommen - sicherheitshalber.«
Ich zögerte, aber Howard nickte nur zustimmend, und so ging ich - diesmal in respektvollem Abstand zu dem beißwütigen Gaul - um den Wagen herum und stieg neben Miß Winden auf den Kutschbock.
»Zeigen Sie Ihre Hand«, verlangte sie.
Ich streckte gehorsam die Hand aus und biß die Zähne zusammen, als sie daranging, mit geschickten Bewegungen den Riß zu säubern und zu verbinden.
»Ich verstehe das nicht«, sagte sie. »Das Gespann gehört meinem Schwager, und ich kenne die Tiere genau. Sie haben noch nie nach einem Menschen gebissen.«
»Sie sind nervös«, antwortete ich. »Wenn ich nur wüßte, warum.«
Miß Winden zog den Knoten um den improvisierten Verband fest zusammen, begutachtete ihr Werk einen Moment lang kritisch und nickte dann, »Das wird reichen«, sagte sie. »Wenn wir in Bettyhill sind, lassen Sie den Arzt danach sehen.«
»Wenn wir überhaupt dort ankommen«, erwiderte ich düster. »Die Straße ist miserabel. Und dann dieses Pflanzenzeug ... Wissen Sie, was das ist?«
Sie verneinte. »Wir sind dicht am Waldrand«, sagte sie. »Vielleicht hat der Regen den Boden ausgespült und die Wurzeln zutage treten lassen. Aber komisch ist es schon. Unheimlich«, fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu, »Ich habe so etwas noch nie erlebt.«
»Vielleicht hörst du da oben auf zu reden und kommst runter, um mir zu helfen«, mischte sich Howard in unser Gespräch. Ich fuhr schuldbewußt zusammen, bedankte mich mit einem flüchtigen Lächeln bei Miß Winden und sprang wieder vom Wagen, um Howard zu Hilfe zu eilen.
Er hatte kaum Fortschritte gemacht. Dutzende der dünnen braunen und schwarzen Ranken waren zerrissen und zerschnitten, aber im Vergleich zu der Masse, die sich fast bis zur Höhe der Achse um die Speichen rankte, war es ein Nichts.
»Es ist zum Verzweifeln«, murrte Howard. Er keuchte vor Anstrengung. »Man könnte glauben, das Zeug wächst nach. Wir brauchen ein größeres Messer oder irgendein anderes Werkzeug. Mit dem Ding hier -«
»Jemand kommt«, sagte Miß Winden vom Wagen aus.
Howard brach mitten im Wort ab, fuhr mit einer erschrockenen Bewegung hoch und starrte nach Westen, die Straße entlang.
Durch das Prasseln des Regens drang heller, mehrfach gebrochener Hufschlag herüber. Ich wollte etwas sagen, aber Howard schnitt mir mit einer hastigen Bewegung das Wort ab, rieb sich die Hände an den Hosen sauber und trat einen Schritt auf die Straße hinaus.
Aus der Nacht tauchten zwei Reiter auf. Sie saßen, tief über die Hälse ihrer Pferde gebeugt und in schwarzglänzende Ölmäntel gehüllt, in den Sätteln und zügelten ihre Tiere erst im letzten Moment, als ich schon fast befürchtete, sie würden Howard glattweg über den Haufen reiten.