Glen warf die Leine mit einem kraftvollen Schwung. Der Haken klatschte fünf oder sechs Yards vom Boot entfernt ins Wasser; die Leine spulte sich surrend von der Rolle ab. Glen nickte zufrieden, drehte sich halb herum und drückte French die Angel in die Hände.
»Siehst du?« sagte er. »Alles, was du jetzt noch zu tun hast, ist warten.« Er lächelte aufmunternd, warf seine eigene Angel aus und lehnte sich zurück. Bobby war bereits in der für Angler typischen Haltung nach vorne gesunken.
French starrte mit gemischten Gefühlen aufs Wasser hinaus.
Er war sicher, das seltsame Geräusch gehört zu haben. Aber es konnte tausend mögliche Erklärungen dafür geben, und es hatte wenig Sinn, sich jetzt selbst verrückt zu machen. Er war müde, schlecht gelaunt, der Nebel war ihm unheimlich und er fror, und das war alles.
Wenige Augenblicke später hörte er das Geräusch wieder. Diesmal war es näher, und anders. Diesmal hörte es sich an, als glitte irgend etwas Großes und Schweres auf das Boot zu.
Er kam nicht dazu, Glen oder Bobby auf die neuerliche Unterbrechung der morgendlichen Stille aufmerksam zu machen. Bobbys Angel zuckte, als risse jemand mit aller Kraft am Ende der Leine. Bobby fluchte verwirrt, richtete sich halb auf und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Bootsrand.
»Warte!« sagte Glen rasch. Er drückte French seine eigene Angel in die Hand, stand auf und eilte mit einem Schritt an Bobbys Seite, um ihm zu helfen. Aber selbst ihre vereinten Kräfte schienen kaum ausreichend, dem ungeheuren Zug zu widerstehen. Die Angelrute bog sich durch wie eine Bogensehne; die Leine war so straff gespannt, daß sie zu singen begann. »Verdammt!« keuchte Glen. »Das muß ja ein Riesenvieh sein, das da angebissen hat!«
Irgend etwas Großes, Formloses und Dunkles zeichnete sich unter der Wasseroberfläche ab. French wollte einen Warnschrei ausstoßen, aber er kam nicht mehr dazu.
Ein harter Stoß traf das Boot, gleichzeitig wurde die Leine mit einem ungeheuer kraftvollen Ruck nach vorne gerissen. Glen schrie überrascht auf, verlor das Gleichgewicht und rutschte auf den feuchten Planken aus.
Bobby hatte weniger Glück. Vielleicht war er auch einfach nur zu stur, um die Angel loszulassen. Mit einem krächzenden Schrei kippte er nach vorne, hing einen Moment in einer geradezu unmöglichen Haltung, die Fauste noch immer um seine Rute gekrampft, schräg über dem Bootsrand und fiel klatschend ins Wasser.
Glen war mit einem Fluch wieder auf den Beinen, klammerte die Hände um den Bootsrand und beugte sich vor, so weit er konnte. Von Bobby war keine Spur mehr zu sehen. Das Wasser schien zu kochen, wo er versunken war.
Auch French warf seine Angeln zu Boden und kniete neben ihm nieder. Das Boot schaukelte wild, und wieder glaubte er, einen Schatten unter der Wasseroberfläche zu erkennen. Einen ungeheuer großen Schatten.
»Er ... er taucht nicht wieder auf«, keuchte er. »Glen, er taucht nicht wieder auf!«
Glen schnitt ihm mit einer abrupten Bewegung das Wort ab. »Red keinen Unsinn«, sagte er. »Bobby schwimmt wie ein Fisch. Und das Wasser ist hier nicht tief.« Aber seine Stimme klang gepreßt, und seine Worte waren eher zu seiner eigenen Beruhigung gedacht. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, seit Bobby über Bord gefallen war - vielleicht fünf Sekunden, kaum mehr -, und trotzdem hätte er längst wieder auftauchen müssen.
Er tat es nicht.
Statt dessen begann sich das Wasser dort, wo er versunken war, dunkel zu färben ...
French hatte das Gefühl, von einem eiskalten Hauch gestreift zu werden, als er sah, wie zwischen den sprudelnden Luftblasen, die noch immer dort, wo Bobby versunken war, an die Oberfläche stiegen, dunkelrote Schlieren und Flecke auftauchten, sich verteilten und das Wasser rings um das Boot langsam rose zu färben begannen.
»Blut!« keuchte er. »Glen, das ist Blut! Das ist -«
Ein ungeheurer Schlag traf das Boot. Frenchs und Glens überraschte Schreie gingen in einem unglaublichen Krachen und Splittern unter, als das winzige Ruderboot von einer Titanenfaust gepackt und meterhoch in die Luft geschleudert wurde. Etwas Großes, ungeheuer Großes brach schäumend aus dem Fluß. French überschlug sich in der Luft, klatschte mit erbarmungsloser Wucht ins Wasser zurück und griff blindlings um sich. Er bekam irgend etwas zu fassen, klammerte sich instinktiv mit aller Kraft fest und strampelte wild mit den Beinen.
Irgendwie schaffte er es, an die Wasseroberfläche zu kommen, ein Stück des zerborstenen Bootes zu ergreifen und sich daran festzuklammern. Gierig sog er die Luft ein, strampelte weiter mit den Beinen und versuchte, sich gleichzeitig fester an seinen Halt zu klammern. Wenn er ihn losließ, war er verloren. Das Wasser mochte hier noch nicht tief sein, aber er konnte nicht schwimmen, und zum Ertrinken war es allemal tief genug.
French atmete ein paarmal tief durch, kämpfte die Panik, die seine Gedanken zu umnebeln drohte, mit aller Macht nieder und drehte den Kopf nach rechts und links. Das Boot war zerborsten, als wäre es von einer Kanonenkugel getroffen worden, aber weder von Glen noch von Bobby war die geringste Spur zu sehen.
Irgend etwas berührte seine Beine. Etwas Kaltes, Glattes, Schleimiges.
French erstarrte für die Dauer eines Herzschlags und senkte den Blick. Unter ihm huschte ein Schatten durchs Wasser - ein großer und massiger Schatten -, bewegte sich ein Stück von ihm weg und begann langsam zu wachsen.
Das Wasser barst in einer schäumenden Explosion auseinander. Etwas Gigantisches und Graues und Schleimiges wuchs aus den kochenden Fluten der Themse, bäumte sich zu unmöglicher Höhe auf und starrte aus tückisch glitzernden Augen auf French herab.
French begann zu schreien.
Aber er schrie nicht sehr lange.
Die Kälte hüllte mich ein wie ein eisiger Mantel. Die Straßen waren verlassen, selbst für die frühe Stunde ungewöhnlich leer, als wäre dieser Teil Londons ausgestorben. Ich hatte meinen Entschluß, Howards Angebot auszuschlagen und zu Fuß zu gehen, schon nach wenigen Minuten bereut; der Droschkenstand, den ich auf dem Herweg gesehen hatte, war leer und verwaist gewesen - wer brauchte schon morgens um fünf eine Droschke, noch dazu in diesem Teil der Stadt? Aber ich war auch zu stolz, um zurückzugehen und sein Angebot im nachhinein doch noch anzunehmen. Außerdem schlief er wahrscheinlich schon längst, und ich wollte ihn nicht zum zweiten Mal aus dem Bett klingeln. So ging ich einfach weiter. Schlimmstenfalls würde ich den Weg zum WESTMINSTER eben zu Fuß zurücklegen. Ein Spaziergang von einer Stunde würde mir nur guttun, nach der langen, durchwachten Nacht in Howards rauchverpesteter Bibliothek.
Und im Grunde war ich ganz froh, für eine Weile allein zu sein. Ich vertraute Howard, aber was er mir erzählt hatte, war einfach zu viel, um es in wenigen Augenblicken verarbeiten zu können. Und ich spürte - ohne dieses Gefühl konkret begründen zu können -, daß er mir mehr verschwiegen als mitgeteilt hatte. Diesen Mann umgab nicht ein Geheimnis, sondern gleich ein ganzes Netz.
Meine Schritte erzeugten seltsame klackende Echos auf dem feuchten Kopfsteinpflaster der Straße. Der Nebel, der anfangs nur in dünnen Schwaden hier und da in der Luft gehangen hatte, hatte sich in den letzten Minuten verstärkt, im gleichen Maße, in dem die Nacht gewichen war, so daß es trotz der immer rascher hereinbrechenden Dämmerung nicht heller wurde.
Ich zog den Mantel enger um die Schultern, senkte den Kopf und ging schneller. Meine Hand glitt, ohne daß ich es im ersten Augenblick selbst merkte, unter den Mantel und schmiegte sich um den Griff des Stockdegens. Irgendwie beruhigte mich das Gefühl, eine Waffe zu haben. Die Gegend, in der Howards Pension lag, war nicht umsonst verrufen. Und ich hatte wieder das gleiche, bedrückende Gefühl wie am vergangenen Abend - das Gefühl, von unsichtbaren Augen aus dem Nebel heraus angestarrt und beobachtet zu werden ...