»Mein Gott, Howard - was ist das?« keuchte ich.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Howard. »Und es interessiert mich auch nicht. Wir müssen raus hier - schnell!«
Das letzte Wort hatte er geschrien. Eines der Bücherregale an der Südwand brach krachend und polternd zusammen. Das Holz zersplitterte unter seinem eigenen Gewicht, bog sich durch und ließ in einer bizarren Kettenreaktion auch die darunterliegenden Bretter zerbrechen. Wie Dominosteine, die einmal angestoßen worden waren, begannen sich auch die beiden Regale rechts und links davon zu neigen und knirschende, beinahe wie ein schmerzhaftes Stöhnen klingende Laute von sich zu geben. Eine gewaltige Staubwolke quoll hoch und nahm mir die Sicht. Ich hustete, zog angstvoll den Kopf zwischen die Schultern und taumelte blind hinter Howard und Rowlf her. Die Bibliothek verwandelte sich von einem Moment auf den anderen in ein Chaos zersplitternden Holzes, bröckelnder Steine und Lärm und Staub und zitternder Bewegung.
Auch an der Tür war die furchtbare Veränderung nicht vorübergegangen. Das Holz war grau und rissig geworden, und wo das Schloß gesessen hatte, befand sich nur noch ein formloses Etwas aus braunrotem Rost. Rowlf sprengte es mit einem entschlossenen Fußtritt vollends heraus, warf sich mit der Schulter gegen die Tür und fiel beinahe auf die Knie, als das drei Meter hohe Türblatt schlichtweg aus den Angeln brach und mit einer fast gemächlichen Bewegung nach draußen kippte.
Nebeneinander hetzten wir durch die Halle. Das Haus veränderte sich weiter, alterte in Sekunden um Jahrhunderte, aber ich achtete nicht mehr darauf, sondern taumelte blind vor Furcht und immer stärker werdender Panik weiter. Kalk und Steine lösten sich von der Decke und schlugen wie kleine, tödliche Geschosse rings um uns auf, und etwas traf mich an der Schulter und ließ mich aufschreien. Als wir die Tür erreichten, brach die Treppe ins Obergeschoß mit einem gewaltigen Donnern und Bersten zusammen.
Howard schrie irgend etwas. Ich verstand ihn nicht, blieb stehen und hustete. Meine Schulter schmerzte höllisch. Rowlf versetzte mir einen Stoß, der mich aus dem Haus und auf die Treppe hinaustorkeln ließ.
Und im gleichen Moment hörte es auf.
Das Haus erbebte unter einem letzten, gewaltigen Zucken. Etwas Gigantisches, Körperloses schien für einen Moment hinter uns zu wogen, eine Bewegung wie das wütende Zupacken einer Faust, der das sicher geglaubte Opfer im letzten Moment noch entkommen war. Dann kam das gepeinigte Gebäude zur Ruhe.
Howard, Rowlf und ich liefen noch ein paar Meter weiter, ehe wir, allesamt schwer atmend und am Ende unserer Kräfte, stehenblieben und mit einer Mischung aus Furcht und Erleichterung zurückblickten. Es hatte aufgehört. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, aber es hatte aufgehört.
»Mein Gott«, flüsterte Howard neben mir. »Das war knapp. Zehn Sekunden später, und ...«
Er sprach nicht weiter, aber ich wußte, was er meinte. Das Haus stand noch, aber es wäre, wenn der bizarre Verfall im gleichen Tempo fortgeschritten wäre, nur noch eine Frage von Augenblicken gewesen, ehe es wie ein Kartenhaus über uns zusammengestürzt wäre und uns unter seinen Trümmern begraben hätte. Das Dach war bereits eingesunken, und ein Teil der Südwand stand sichtlich schräg. Selbst der tonnenschwere Türsturz hatte sich aus seiner Verankerung gelöst und hing deutlich zur Seite geneigt über dem Eingang.
»Das Licht«, murmelte Howard. »Was ist mit dem Licht?«
Instinktiv hob ich den Blick. Der sternenübersäte Nachthimmel war verschwunden und hatte einer seltsamen, grauen Farbe Platz gemacht. Weder Mond noch Sterne waren zu sehen, aber dabei war es trotzdem so hell wie während der frühen Morgendämmerung, kurz bevor sich die Sonne am Horizont zeigte. Aber es war keine Sonne zu sehen.
Ich schauderte. Irgend etwas an diesem Licht flößte mir Angst ein, ein spürbares, körperliches Unbehagen. Der Himmel war grau, von einer Farbe wie mattes, geschmolzenes Blei. Er wirkte krank.
»Gehn wir«, murmelte Rowlf. »Is mir egal, was mittem Licht is. Ich will weg.«
Weder Howard noch ich widersprachen. Im Grunde sprach Rowlf nur das laut aus, was wir alle fühlten - nämlich nichts anderes als den Wunsch, so schnell wie möglich hier weg zu kommen, und so weit wie möglich.
Aber ich glaube auch, wir alle drei spürten, daß es uns nicht gelingen würde ...
Howard löste mit sichtlicher Überwindung seinen Blick vom Haus, drehte sich um und deutete schweigend auf einen zusammengesunkenen Umriß ohne erkennbare Form; alles, was von unserer Kutsche übriggeblieben war. Keiner von uns verlor auch nur ein Wort darüber.
Langsam gingen wir los. Der Kies knirschte unter unseren Schuhen, als wir den gewundenen Weg zum Tor hinabgingen, aber dieser Laut war auch der einzige, den ich hörte. Es war still, vollkommen still. Es gab keine Vogelstimmen, nicht das Wispern des Windes in den Baumkronen. Der Wald vor uns war starr, reglos und stumm wie eine massive, erstarrte grüne Mauer, und selbst die Luft erschien mir zäh wie Sirup. Das Atmen fiel mir schwerer, je weiter wir uns dem Wald näherten. Meine Schritte wurden langsamer. Ich hatte das Gefühl, durch unsichtbare Watte zu gehen, einen Widerstand, der fast unmerklich, aber auch unerbittlich stärker wurde, je näher wir dem Wald kamen.
Etwas an diesem Wald war seltsam. Im ersten Moment vermochte ich das Gefühl noch nicht in Worte zu kleiden, aber dann begriff ich. Aus der Ferne hatten die Bäume noch ganz normal ausgesehen, aber je weiter wir uns vom Haus entfernten, desto mehr zerschmolz dieser Eindruck. Schließlich blieb ich stehen.
»Was ist?« fragte Howard. Seine Stimme bebte vor Erschöpfung.
Ich deutete mit einer knappen Geste auf den Wald. Die Bewegung erforderte erstaunlich viel Kraft, und plötzlich war ich sicher, daß es keine Einbildung war. Ich glaubte nicht nur, schwerer zu atmen, und ich bildete mir nicht nur ein, daß Howards und Rowlfs Atemzüge ebenfalls lauter und mühsamer geworden waren, so wenig, wie ich mir den Widerstand einbildete, der sich uns entgegenstemmte. Irgend etwas zerrte an meinen Gliedern.
»Der Wald«, murmelte ich. »Sieh ... sieh dir die Bäume an.«
Howard runzelte die Stirn, sah mich einen Moment voller Verwirrung an, gehorchte dann aber.
Auf seinen Zügen erschien ein Ausdruck maßloser Verblüffung. »Aber das ...« Er schluckte, machte einen Schritt und blieb stehen, als wäre er vor eine unsichtbare gläserne Wand gelaufen.
»Wassndas?« murmelte Rowlf. Sein Atem ging schwer, als wäre er die ganze Strecke gerannt, und als ich zu ihm hinübersah, fiel mir auf, wie gebückt er dastand. Auf seinen Schultern schien ein unsichtbares Gewicht zu lasten. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
»Das ist nicht möglich«, murmelte Howard noch einmal.
Ich runzelte die Stirn, schüttelte hilflos den Kopf und sah erneut zu den Bäumen hinüber, die sich auf so sonderbare Weise verändert hatten.
Eigentlich waren es gar keine richtigen Bäume mehr. Ihre Stämme waren schuppig und viel dicker, als sie hätten sein dürfen. Die Farbe stimmte nicht, und sie hatten keine Äste, sondern etwas, das mich vage an gigantische Farnwedel erinnerte. Grüngelbe, sonderbar verkrüppelte Pilzgewächse wucherten dort, wo zuvor noch dorniges Unterholz gewesen war, und da und dort erkannte ich Pflanzen, die wie ins Absurde vergrößerte, blasse Orchideen aussahen.
»Was ... was ist das?« flüsterte ich. »Das ist doch kein Wald. Jedenfalls keiner, wie es ihn ...« Ich stockte, erschrocken vor dem, was ich gerade hatte aussprechen wollen.
»Keiner, wie es ihn auf unserer Erde gibt, meinst du?« sagte Howard, ohne den Blick von den titanischen Farnwedeln zu wenden. Plötzlich lachte er, aber es klang sehr bitter und vollkommen ohne Humor, und seine Stimme zitterte jetzt nicht mehr vor bloßer Erschöpfung. »Du hast recht, Robert«, fuhr er fort. »Oder auch nicht - ganz wie du willst.«