Er sprach nicht weiter, aber das war auch gar nicht nötig.
Ich hatte es im Grunde schon gewußt, aber etwas in mir hatte sich dagegen gesträubt, den Gedanken laut auszusprechen.
Natürlich gab es Wälder wie diese nicht. Nicht mehr, hieß das. Aber es hatte eine Zeit gegeben, in der es sie gegeben hatte, nicht nur hier in England, sondern überall auf der Welt.
Ich wußte nicht genau, wie lange es her war, aber ich hatte das Gefühl, daß das auch keine Rolle spielte.
Jedenfalls nicht für uns.
Es hatte einmal Wälder wie diese gegeben.
Vor hundert oder zweihundert Millionen Jahren.
Sie schrie. Schrecken und Furcht lähmten sie, aber selbst wenn sie fähig gewesen wäre, sich zu bewegen, hätte es nichts gegeben, wohin sie hätte fliehen können. Mit dem Ding war Licht in den Keller gedrungen; ein grauer, flackernder Schein, in dem alle Gegenstände unwirklich und alle Bewegungen ruckhaft und abgehackt wirkten. Ihr Blick hing gebannt auf dem schwarzgrünen, wabernden Ding, das die Tür wie ein Bild aus einem Alptraum ausfüllte, ein wogendes, widerwärtiges Etwas aus Schleim und Fleisch und reißenden Stacheln und gestaltgewordener Furcht, das sie aus einem einzigen, lidlosen roten Auge musterte. Seiner Dämonenfratze war keine Regung anzusehen, aber Jenny spürte einfach, wie die Blicke des Ungeheuers mit einer schwer zu bestimmenden Gier über ihren Körper tasteten ...
Das Ungeheuer glitt mit einer kraftvollen Bewegung auf sie zu und blieb zitternd stehen, als Jenny mit einem Schrei auf die Füße sprang und abwehrend die Hände ausstreckte, »Geh weg!« schrie sie. »Geh weg!«
Sie wußte nicht, ob das Monstrum ihre Worte verstand oder ob es nur auf den Klang ihrer Stimme reagierte. Aber es kam nicht weiter auf sie zu. Sein Blick flackerte. Drei, vier seiner zahllosen, peitschenden Tentakel streckten sich aus, deuteten zitternd in ihre Richtung und verharrten, wenige Zentimeter, ehe sie ihren Körper berühren konnten.
»Nein!« schrie Jenny. »Geh! Geh weg!«
Sie taumelte rückwärts vor der grauenhaften Erscheinung davon, prallte gegen die feuchtkalte Wand und schrie weiter.
Ihre Schreie schienen das Ungeheuer nervös zu machen. Die glitzernden Arme peitschten stärker, und in dem faustgroßen blutigroten Auge flammte Zorn auf. Aber es kam nicht näher.
»Du darfst dich nicht wehren, Jenny.«
Jenny fuhr mit einem neuerlichen, noch gellenderen Schrei herum, als sie die Gestalt neben sich aufwachsen sah. Es war Charles - aber sie erkannte ihn kaum noch. Der Verfall seines Körpers war weiter fortgeschritten.
Jennys Stimme überschlug sich, wurde zu einem unmenschlichen Kreischen. Für einen Moment drohte sie die Besinnung zu verlieren, aber irgendwo, tief in ihr, war noch ein Rest von Kraft und Lebenswillen, etwas, das sie zurückriß und sie, obgleich sie halb wahnsinnig vor Furcht und Entsetzen war, kämpfen ließ.
Charles kam näher, hob langsam die Arme, versuchte, nach ihr zu greifen und erstarrte, als Jenny mit einem würgenden Laut zurücksprang. Sie taumelte, verlor auf dem feuchten Boden das Gleichgewicht und fiel.
»Nicht wehren«, murmelte Charles. »Es hat keinen Zweck, wenn du dich wehrst, Liebling. Er braucht deine Lebenskraft, aber du mußt sie ihm freiwillig geben. Freiwillig und freudig.« Seine Stimme wurde hart und hatte plötzlich nichts mehr mit der zu tun, die sie kannte. »Sterben wirst du so oder so, aber es liegt in deiner Hand, ob du die Erfüllung enden oder zu einem Wesen wie ich werden wirst. Sieh mich an! Willst du, daß das dein Schicksal ist?«
Jenny kroch verzweifelt vor ihm davon. Charles folgte ihr mit unsicheren, taumelnden Schritten. Er streckte abermals die Arme nach ihr aus, und eine einzelne, schwarzglänzende Spinne kroch über seine Hand, balancierte auf sechs Beinen auf seinen ausgestreckten Fingern und tastete mit den beiden anderen nach ihrem Gesicht.
Jennys Verstand drohte endgültig zu zerbrechen, als die haarigen Beine ihre Wange berührten. Es war ein sanftes, kaum spürbares Tasten, eine Berührung fast wie ein zärtliches Streicheln, und trotzdem hatte sie das Gefühl, von einer weißglühenden Flamme ergriffen und berührt zu werden.
Sie schrie. Ihre Finger glitten ziellos über den Boden, ertasteten etwas Hartes, Großes und schlossen sich darum. Sie handelte, ohne zu denken. Mit einer blitzschnellen, mit der Kraft der Verzweiflung geführten Bewegung riß sie den Stein hoch und schleuderte ihn mit aller Macht.
Charles versuchte, dem Wurfgeschoß auszuweichen, aber seine Reaktion kam zu spät. Der Stein traf seine Stirn.
Charles taumelte. Seine Arme fuhren ziellos durch die Luft. Weitere Spinnen fielen aus seiner Kleidung, und für einen Moment konnte Jenny in seinem Gesicht Schmerz lesen, Schmerz und eine tiefe Verzweiflung.
Dann erlosch der Funke von freiem Willen wieder. Die geistige Fessel nahm wieder Besitz von seinem Bewußtsein, aber er versuchte nicht noch einmal, sich Jenny zu nähern.
»Warum wehrst du dich?« fragte er leise. »Du fügst dir nur selbst Schmerzen und Angst zu.« Seine Hand wies auf das gewaltige Monstrum, das noch immer reglos an seinem Platz hockte und die Szene aus seinem einzigen, lodernden Auge verfolgte. »Er braucht dich«, murmelte er.
Jennys Schreie wurden zu einem keuchenden, stoßhaften Würgen und Schluchzen. Sie wimmerte, wand sich wie unter Krämpfen auf dem Boden und kroch rückwärts weiter vor Charles und dem Ungeheuer davon, bis sie gegen die Wand stieß.
»Er braucht deine Lebenskraft«, fuhr Charles fort. »Aber du mußt sie ihm freiwillig geben. Sprich die heiligen Worte!«
Jenny wimmerte. Sie wünschte sich, zu sterben oder wenigstens das Bewußtsein zu verlieren, endlich aus diesem grauenhaften Alptraum erlöst zu werden, aber sie konnte weder das eine noch das andere.
»Sprich mir nach!« donnerte Charles. Plötzlich war seine Stimme ein machtvolles, ungeheuer starkes Dröhnen, ein Befehl, der mit solcher Wucht in ihr Denken hämmerte, daß sie erneut aufschrie.
»Sprich!« donnerte Charles. »Sprich mir nach: Shcyyylo! Hgnat ghobmmorrog luh-huuth!«
Jenny wußte nicht, was die Worte bedeuteten, ob es überhaupt Worte waren in der menschlichen oder irgendeiner anderen Sprache. Sie spürte, wie die Laute auf geheimnisvolle Weise von ihr Besitz ergriffen, wie ein schleichendes Gift in ihren Willen sickerten und ihr Bewußtsein durchtränkten ...
Und wieder war da etwas in ihr, das Widerstand leistete. Sie wußte nicht, woher sie die Kraft nahm oder ob es überhaupt ihre Kraft war - aber irgend etwas brach den tödlichen Bann, wehrte sich gegen die Worte, ihren unheimlichen, unseligen Klang ...
Charles erstarrte. Von einer Sekunde zur anderen erlosch der Druck auf ihr Bewußtsein.
»Gut«, sagte er. »Wie du willst. Es geht auch anders.«
Sekundenlang geschah nichts. Dann, ganz langsam, begannen sich Spinnen aus seinen Kleidern zu lösen. Erst eine, dann mehr und mehr der schwarzen, haarigen Tiere krochen auf Jenny zu, aber keine berührte sie oder kam ihr auch nur nahe. Die Tiere bildeten einen weiten, an einer Seite offenen Halbkreis um sie herum, krochen in ihrem Rücken an der Wand hinauf, hefteten sich mit ihren zahlreichen, mit Widerhaken besetzten Beinen selbst an die Decke.
Dann begann aus dem Hinterleib des ersten Tieres ein einzelner, glitzernder Spinnfaden zu quellen.
Aber es war nur der erste von zahllosen ...
Irgendwo, sehr weit entfernt und fast an der Grenze des überhaupt noch Sichtbaren, kreiste eine Anzahl dunkler Punkte. Über dem grünen, von unsicherem grauen Licht beleuchteten Wald schienen sie die meiste Zeit stillzustehen, und die wenigen Male, die sie sich bewegten, hatten ihre Bewegungen etwas seltsam Ruckhaftes. Unter normalen Umständen hätte ich sie für Vögel gehalten, aber jetzt war ich nicht mehr sicher. Seit wir dieses Haus betreten hatten, war nichts mehr so, wie es sein sollte. Und ich wollte auch gar nicht wissen, was die »Vögel« in Wirklichkeit waren.