Hastig sprang ich zurück. Die Galerie bebte und zitterte so heftig, daß ich für einen Moment fürchtete, mit in die Tiefe gerissen zu werden und hastig weiter zurücksprang. Ein ungeheures Krachen und Bersten erfüllte das Haus. Plötzlich war alles voller Staub und stürzenden Steinen. Das Haus erzitterte wie unter dem Fausthieb eines Giganten. Ich hörte Howard schreien, dann stürzten noch mehr Steine zu Boden, und ein Teil der Galerie folgte der zusammenbrechenden Treppe in die Tiefe. Erst nach einer Ewigkeit hörte es auf.
Minuten vergingen, bis sich der Staub so weit gelegt hatte, daß ich wieder sehen konnte. Vorsichtig löste ich mich von meinem Platz, trat dicht an den zerborstenen Rand der Galerie heran und ließ mich auf die Knie nieder. Die Luft in der Halle war noch immer voller Staub, und unter mir türmte sich ein gewaltiger Berg aus Trümmern und zerborstenen Marmorstufen. Die Treppe existierte nicht mehr.
»Robert! Bist du okay?«
Es dauerte einen Moment, ehe ich Rowlf und Howard in all dem Staub erkannte. Sie schienen unverletzt zu sein, waren aber bis ans gegenüberliegende Ende der Halle zurückgewichen und husteten ununterbrochen.
»Ich bin unverletzt!« schrie ich zurück.
»Dann bleib, wo du bist!« antwortete Howard. »Wir suchen einen anderen Weg, um hinaufzukommen.«
Ich überlegte einen Augenblick. Der Gedanke, allein weiterzugehen, gefiel mir nicht sonderlich. Aber ich mußte. Die Zeit lief unbarmherzig ab.
Langsam richtete ich mich auf, klopfte mir den ärgsten Staub aus den Kleidern und sah mich unschlüssig um. Es war fast ein Dutzend Türen, die von der Galerie abzweigten. Die meisten waren verschlossen, nur eine oder zwei standen auf und gaben den Blick auf die darunterliegenden, verwüsteten Räume frei. Die steinerne Galerie begann unter meinen Füßen zu beben, als ich mich in Bewegung setzte.
»Robert! Verdammt noch mal, was tust du?« Howards Stimme überschlug sich fast vor Schrecken. »Bleib, wo du bist! Es ist zu gefährlich!«
Ich ignorierte ihn. Das Wispern und Flüstern in meinem Inneren war verstummt, aber ich wußte einfach, welche Tür die richtige war. Vorsichtig ging ich weiter. Meine Hand kroch unbewußt zum Gürtel und legte sich um den versilberten Knauf des Stockdegens, den ich aus der Bibliothek gerettet hatte.
»Verdammt, Robert - bleib stehen!« schrie Howard. »Du weißt nicht, worauf du dich einläßt!«
Aber selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich nicht stehenbleiben können. Es war die letzte Tür, ganz am Ende der Galerie, und meine Beine schienen sich fast ohne mein Zutun zu bewegen. Langsam streckte ich die Hand aus, zögerte einen unmerklichen Moment und berührte die bronzierte Klinke.
Das Metall war eisig. Wieder zögerte ich einen Moment, dann drückte ich die Klinke herunter, stemmte mich mit der Schulter gegen die Tür und drückte sie langsam nach innen.
Ein Hauch eisiger Luft und Modergeruch schlugen mir entgegen, wispernde, huschende Geräusche wie von winzigen Füßchen, die über feuchten Stein und Erde huschten, und dunkelgrüner, flackernder Lichtschein. Hinter der Tür lag kein Zimmer, sondern ein dunkler, gewölbter Gang mit niedriger Decke, dessen Wände sich irgendwo in unbestimmbarer Entfernung verloren. Das grüne Licht machte es unmöglich, Entfernungen zu schätzen, aber es mußten hundert oder mehr Yards sein - viel mehr, als das Haus überhaupt groß war.
Aber in diesem Haus war ja nichts normal.
Ich zögerte einen Moment, trat dann mit einem entschlossenen Schritt in den Gang und zog die Tür hinter mir zu. Howards Stimme verklang, als das altersschwache Schloß einrastete.
Stille hüllte mich ein. Das Wispern und Huschen verklang, und von einem Augenblick auf den anderen war es so ruhig, daß ich mir einbildete, das Klopfen meines eigenen Herzens zu hören. Die Wände waren feucht. Moder und weißlicher Schimmelpilz nisteten in Ritzen und Fugen, und in dem sanften Windzug, der mir ins Gesicht fächelte, bewegten sich staubige Spinnweben unter der Decke. Die Luft war so trocken, daß ich nur noch mit Mühe ein Husten unterdrücken konnte.
Nach einer Weile begann sich meine Umgebung zu verändern. Die rohen, lieblos aufeinandergesetzten Steinquader, die bisher die Wände des Stollens gebildet hatten, machten nackter Erde Platz, braunem Lehm und schwarzen, wie verbrannt wirkenden Flächen, die nur noch durch ihr eigenes Gewicht und den Druck, der auf ihnen lastete, zusammengehalten wurden. Ich glaubte, das Gewicht der Fels- und Erdmassen, die sich über meinem Kopf türmten, körperlich zu spüren. Dieser Gang gehörte längst nicht mehr zu dem Haus in Schottland, in dem wir gewesen waren. Ich wußte nicht wie, und ich wollte es auch gar nicht verstehen, aber ich war in eine fremde, vollkommen andere Welt geraten, im gleichen Augenblick, in dem ich die Tür durchschritten hatte.
Eine Treppe tauchte vor mir auf. Die Stufen waren schräg und unterschiedlich hoch und breit; das Gehen war schwierig und erforderte meine ganze Konzentration. In den Wänden waren Bilder: verschlungene, sinnverwirrende Linien und Formen, Dinge, die Übelkeit und Schwindel erregten, wenn man zu lange hinsah. Die Winkel der Wände waren falsch, aber ich vermochte nicht zu sagen, wieso. Der Boden fiel, auch nachdem ich die Treppe hinabgestiegen war, weiter steil ab, so daß ich mit weit ausgebreiteten Armen und vorsichtig gehen mußte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, mich einen steil ansteigenden Hang hinaufzukämpfen.
Ich weiß nicht, wie lange ich mich durch diese bizarre, unmenschliche Welt tastete. Vermutlich waren es nur wenige Minuten, aber es kam mir vor wie Stunden.
Schließlich hörte ich Geräusche und blieb stehen. Es waren keine Stimmen oder Schritte, sondern ein dumpfes, mehr zu fühlendes als wirklich zu hörendes Pochen und Hämmern, ein Laut, wie das mühsame Schlagen eines gewaltigen, großen Herzens. Dazwischen glaubte ich wieder dieses Rasseln und Schiern zu hören, das ich schon oben am Eingang vernommen hatte, nur deutlicher diesmal.
Mißtrauisch sah ich mich um. Der Stollen schien sich um mich herum zu bewegen, aber dieser Eindruck war falsch und kam nur von der bizarren, dem menschlichen Geist nicht zugänglichen Geometrie der Wände. Ich schloß für einen Moment die Augen, versuchte, das bedrückende Gefühl abzuschütteln und ging weiter.
Vor mir war eine Tür. Das Türblatt selbst war zersplittert, in den rostigen Angeln hingen nur noch Reste der Bretter, die von einer ungeheuren Gewalt zermalmt worden waren. Und die Geräusche kamen aus dem Raum dahinter.
Vorsichtig näherte ich mich der Tür, blieb für die Dauer eines Herzschlages stehen und ging auf Zehenspitzen weiter.
Der Anblick ließ mich aufstöhnen.
Ich erkannte den Raum sofort wieder. Es war die Kammer, die ich in meiner Vision gesehen hatte: ein finsteres, großes Gewölbe mit feuchten Wänden, erfüllt von graugrünem, flackerndem Licht. Etwas Gewaltiges, Schwarzes stand im Hintergrund des Raumes, eine tentakelbewehrte Scheußlichkeit, die sich dem direkten Blick immer wieder zu entziehen schien, als wäre sie hinter einem Vorhang aus Schwärze und huschenden Schatten verborgen.
Das Ungeheuer aus meiner Vision!
Aber es war nicht allein. Neben ihm stand ein hochgewachsener, braunhaariger Mann. Seine Haut war von unzähligen, winzigen blutenden Kratzern übersät. Auf dem Boden vor ihm bewegte sich eine schwarze, wimmernde Masse ...
Spinnen!
Ein eisiger Schauer jagte meinen Rücken herab. Es waren Spinnen, Hunderte, wenn nicht Tausende von faustgroßen, mit schwarzem, drahtigem Haar bedeckte Spinnen, die auf geschäftigen Füßchen hin und her huschten, die Decke und die Wände hinauf- und herabliefen und ein gewaltiges Zelt aus weißer Spinnseide schufen, einen drei, vielleicht vier Yard messenden Kokon, in dessen Innerem sich ein dunkler Umriß bewegte.
Sekundenlang stand ich wie gelähmt da und starrte das grausige Bild an. Weder das Ungeheuer noch der Mann hatten bisher von meiner Anwesenheit Notiz genommen, sondern konzentrierten sich völlig auf die Spinnen und ihr geschäftiges Tun.