Geary schüttelte den Kopf. »Flottenoffiziere haben noch nie daran geglaubt, dass es in Ordnung ist, Kameraden zu töten, um den eigenen Ehrgeiz zu stillen.«
Kila sah ihn herablassend an. »Ehrgeiz? Meinen Sie, ich war so verblendet zu glauben, eine Schafsherde wie diese hier würde mich als ihren Anführer akzeptieren? Ihre jämmerlichen Egos hätten das niemals akzeptieren können. Ich hatte jemanden, der zuhört und der von Ihnen allen akzeptiert worden wäre, auch wenn ihm jetzt der Mut fehlt, um zu mir zu stehen.« Sie drehte sich um und schaute geradewegs Captain Caligo an. »Wollten Sie es ihnen nicht sagen? Diesmal hilft es Ihnen nicht weiter, wenn Sie sich in den Hintergrund zurückziehen. Ich habe nicht die Absicht, mich in mein Schwert zu stürzen, während Sie so tun, als hätten Sie mit nichts etwas zu schaffen.«
Hastig schüttelte Caligo den Kopf. »Ich weiß nicht, was …«
»Wir waren uns darin einig, dass wir bereit waren, für die Allianz zu sterben, schon vergessen?«, zog Kila ihn auf. »Ich habe Ihr Gesicht gesehen, ich habe erkannt, dass Sie bereit waren, sich wieder unauffällig zu geben und das zu sein, was die anderen in Ihnen sehen wollen. Was glauben Sie, was die jetzt gerade in Ihnen sehen?«
Caligo war kreidebleich geworden. »Sie lügen. Nichts davon können Sie beweisen!«
»Haben Sie etwa geglaubt, ich wäre so dumm, Ihnen zu vertrauen?« Kila stand in Habachthaltung da und ließ ihren verächtlichen Blick durch den Raum schweifen, dann beugte sie sich vor und tippte irgendwelche Befehle ein. »Sie wollen Beweise sehen, Captain Geary? Ich habe Ihnen gerade genügend Beweise gesendet, die zeigen, dass Caligo mit allem einverstanden war.« Sie sah nun Geary eindringlich an. »Meine Feinde haben immer versucht, mich aus Neid niederzumachen. Ach, wären Sie tatsächlich Black Jack, dann hätte ich Sie unterstützt! Ich hätte zu dem wahren Mann stehen können, aber dieser wahre Mann starb im Kälteschlaf und ließ Sie zurück, diese leere Hülle. Sie verdienen nichts Besseres als diese ehrlose Politikerin und diese einfältige Schiffskommandantin. Ich hoffe nur, dass einer von ihnen irgendwann die Augen aufgehen und sie Ihnen ein Messer in den Leib jagt. Das ist nämlich das Einzige, was Sie verdienen.«
Duellos mischte sich in einem bedauernden, dennoch unnachgiebigen Tonfall ein: »Sie scheinen ja sehr genau zu wissen, was alle anderen verdient haben. Doch Ihr Urteilsvermögen ist in Wahrheit armselig. Sie haben sich Feinde gemacht, Sandra, und Ihr Ehrgeiz hat Sie geblendet. Und nun bekommen Sie das Erschießungskommando, das Sie verdienen.«
»Sie haben kein Recht, über mich zu urteilen.«
»Aber die Crew der Lorica hat das Recht, nicht wahr, Kila?«, mischte sich Captain Armus ein. »Schon bald werden Sie sich ihr stellen müssen, und ich an Ihrer Stelle würde jetzt schon mal damit anfangen, um Verzeihung zu bitten. Niemand von diesem Schiff hat überlebt, um Sie sterben zu sehen, aber wir werden diesen Augenblick für diese Toten miterleben.«
Kila musterte ihn abfällig. »Ich werde keinem von Ihnen die Genugtuung geben, mich sterben zu sehen. Wir sehen uns in der Hölle wieder, denn genau dorthin lassen Sie alle sich führen.« Dann schlug sie auf die Kontrollen auf dem Tisch an Bord der Inspire, und ihr Bild löste sich auf.
»Colonel?«, rief Geary.
Carabali hörte sich eine Meldung an, dann verzog sie das Gesicht. »Meine Marines können das Schloss zu Captain Kilas Quartier nicht überwinden. Sie haben …« Sie hielt inne, schaute zur Seite und nickte jemandem zu, dann sah sie wieder Geary an. »Meine Marines melden eine schwere Explosion in Captain Kilas Quartier.«
»Wie stehen die Überlebenschancen für jemanden, der sich in dem Raum aufhält?«
»Angesichts der Wucht der Detonation sind die Chancen gleich null.«
Im Konferenzraum machte sich Schweigen breit, alle sahen auf die Stelle, an der sich eben noch Captain Kilas Bild befunden hatte. Die Stille wurde schließlich von dem Hinweiston beendet, der den Eingang einer Nachricht der höchsten Priorität ankündigte. »Ist diese Nachricht geprüft und freigegeben worden?«, wollte Geary wissen.
Desjani sprach hastig in ihre Dateneinheit, dann nickte sie. »Sie ist sauber.«
Geary öffnete die Nachricht und stellte fest, dass sie aus etlichen Dateien und archivierten E-Mails bestand. Nach dem Zufallsprinzip klickte er mal hier, mal dort an, nur um lesen zu müssen, wie voller Hass und Verachtung über ihn geschrieben wurde. »Das sind die Beweise, von denen Captain Kila vorhin gesprochen hatte«, ließ er die anderen Offiziere wissen und öffnete eine der alten E-Mails auf dem Display über dem Tisch, damit jeder sie lesen konnte.
Als Erster meldete sich Tulev zu Wort: »Von Captain Caligo, der seine Zusicherung bestätigt, Captain Kilas Anweisungen zu befolgen, was sie belohnen will, indem sie sich dafür einsetzt, dass er Flottenbefehlshaber werden kann. Können wir davon ausgehen, dass diese Dokumente echt sind?«
Badaya warf Caligo einen finsteren Blick zu. »Auf jeden Fall bieten sie genug Anlass für ein Verhör. Wenn Captain Caligo mit den Anschlägen auf die Kriegsschiffe der Allianz und mit der Zerstörung der Lorica nichts zu tun hat, dann wird er sicher nichts dagegen haben, seine Unschuld zu beweisen.«
»Als meine Kameraden«, begann Caligo, nachdem er zunächst angestrengt geschluckt hatte, »werden Sie sich doch sicher an die Prinzipien halten, an die die Flotte glaubt.«
»War das jetzt ein Ja oder ein Nein?«, fragte Duellos.
»Jeder Offizier hat das Recht, dass seine sämtlichen Leistungen in Betracht gezogen werden und seine Ehre nicht ohne guten Grund angezw …« Caligo verstummte, als er endlich erkannte, dass gerade dafür sehr gewichtige Gründe vorlagen.
Desjani beugte sich vor und schaute Caligo mit einer so todernsten Miene an, wie Geary sie bei ihr noch nie beobachtet hatte. »Es gibt nur einen einzigen Weg, der Ihnen einen ehrenvollen Tod gewähren könnte und nicht den eines Verräters und Feiglings. Sagen Sie uns alles, was Sie wissen, und nennen Sie jeden Namen, der daran beteiligt ist. Wir bekommen das so oder so heraus, und wenn wir Ihnen die Namen aller Besatzungsmitglieder der gesamten Flotte vorlesen müssen, um jedes Mal Ihre Reaktion im Verhörraum festzustellen. Aber wir sparen viel Zeit und bewahren womöglich weitere Schiffe vor der Zerstörung, wenn Sie freiwillig den Mund aufmachen.« Sie sah sich am Konferenztisch um. »Kila könnte versucht haben, einen weiteren Wurm zu aktivieren. Solange wir nicht alle Zusammenhänge und Namen kennen, müssen wir davon ausgehen, dass die Gefahr noch nicht vorüber ist.«
Diesmal richteten sich besorgte und bedrohliche Blick auf Caligo. Er zuckte zusammen und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich schwöre es.«
»Wissen Sie, welche Teile des Flottennetzes Kila benutzt hat, um die Würmer zu verschicken? Sind Ihnen irgendwelche Kennungen bekannt? Wissen Sie, wer sie geschrieben hat?«
»J-ja.«
Colonel Carabali empfing einen weiteren Bericht und meldete sich zu Wort: »Meine Marines haben die Luke zu Captain Kilas Quartier aufgesprengt und sind eingedrungen. Sie bestätigen, dass sie tot ist. Sie suchen das Quartier nach Sprengfallen ab und empfehlen, dass Software-Experten der Flotte sorgfältig nach möglichen Auslösern in diesem Raum suchen, die weitere zerstörerische Würmer aktivieren könnten.«
»Gibt es jemanden auf der Inspire, dem wir diese Aufgabe anvertrauen können?«, fragte Geary die versammelten Offiziere.
»Schicken Sie ein Team von der Valiant hin«, schlug Cresida vor. »Die dürfte die besten Software-Fachidioten der ganzen Flotte haben.«