Commander Landis von der Valiant lächelte flüchtig. »Mein Software-Sicherheitsteam ist gut. Ich werde sie per Shuttle zur Inspire bringen lassen. Ich empfehle, dass alle Systeme der Inspire komplett gesäubert werden. Das wird eine Weile dauern.«
»Schaffen Sie das noch vor unserem Sprung nach Atalia?«, fragte Geary.
»Ja, Sir. Auf jeden Fall wird die Inspire vor dem nächsten Sprung sauber sein.«
»Vielen Dank, Commander Landis. Erledigen Sie das sofort.« Geary wandte sich Captain Caligo zu, der völlig reglos dasaß, wie ein Kaninchen, das auf freiem Feld von einem Jäger ertappt worden war und sich nun nicht rührte, um bloß nicht auf sich aufmerksam zu machen. Es war ziemlich deutlich, dass von ihm im Gegensatz zu Kila keine spektakuläre Selbsttötung zu erwarten war. »Captain Caligo, ich entziehe Ihnen mit sofortiger Wirkung das Kommando. Sie werden in Haft genommen und auf die Illustrious gebracht. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie wie versprochen alle Informationen liefern, und ich erwarte auch, dass die ersten dieser Informationen bei mir eintreffen, noch bevor Sie die Illustrious erreicht haben.«
Caligo erwiderte nichts, sondern starrte nur vor sich auf den Tisch.
»Captain Caligo, haben Sie mich verstanden?«, fragte Geary so schroff, wie er nur konnte.
»Ja, Sir.« Caligo ließ den Kopf sinken und begann leise in ein Diktiergerät in seinem Quartier zu sprechen. Er war immer noch damit beschäftigt, als die Marines der Brilliant zu ihm kamen und ihn aus der Konferenzsoftware entfernten.
Danach saßen zunächst alle wie benommen da und schwiegen, bis Captain Armus erklärte: »Captain Geary, ich habe mich nie zurückgehalten, den Mund aufzumachen, wenn ich anderer Meinung war als sie. Aber jetzt möchte ich mich für alles entschuldigen, was ich gesagt oder getan haben mag, das Kila und Caligo zu der Überzeugung gebracht hat, dass ihr Handeln gerechtfertigt sein könnte.«
»Vielen Dank, Captain Armus. Ich war nicht immer glücklich über Ihre Einwände, aber ich sehe ihre Notwendigkeit ein und begrüße Ihre Bereitschaft, Ihre Meinung auszusprechen. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf für das, was Kila und Caligo getan haben.« Er schaute sich am Tisch um und konnte seinen Offizieren ansehen, wie erschütternd die Geschehnisse der letzten Minuten auf sie gewirkt hatten. »Etwas Schreckliches ist vorgefallen. Zwei unserer Offiziere haben sich von uns losgesagt und ihren Treueeid verraten. Sie sind womöglich nicht die Einzigen, aber wir haben Beweismaterial, das uns notfalls auch zu anderen Beteiligten führen wird. Mein Vertrauen in Sie alle ist ungebrochen. Ich habe es schon zuvor gesagt, und ich möchte es jetzt wiederholen, dass niemand sich so geehrt fühlen kann wie ich, diese Flotte zu führen und an der Seite so hervorragender Offiziere zu dienen, wie Sie es alle sind. Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit, Ihre Loyalität und alle Opfer, die Sie gebracht haben. Ich werde mein Bestes tun, um der Ehre gerecht zu werden, die mir unter Ihnen zuteil wird.«
Wie sie reagieren würden, vermochte er nicht vorherzusagen, doch einer nach dem anderen stand auf und salutierte wortlos. Geary erwiderte den Salut und fühlte sich schlichtweg überwältigt. »Vielen Dank. Die Ermittlungen werden zwar weitergehen, aber für den Augenblick sollten wir diese hässliche Episode auf sich beruhen lassen, damit wir uns auf die Schlacht bei Atalia vorbereiten können.«
Daraufhin brach allgemeiner Jubel aus, anschließend verschwand ein virtuell Anwesender nach dem anderen, jedoch langsamer als üblich, da alle nach vorne drängten, um sich persönlich von Geary zu verabschieden. Dann erst war er allein im Konferenzraum, lediglich Desjani und die virtuelle Rione waren noch bei ihm.
Desjani salutierte ebenfalls und betrachtete ihn voller Stolz.
»Was ist?«, fragte er.
»Eines Tages werde ich es Ihnen erklären«, erwiderte sie lächelnd. »Wenn ich mich dann entfernen darf, Sir.«
»Aber sicher, Captain Desjani.«
Nachdem sie gegangen war, wandte er sich Rione zu, die dasaß und die Hände vors Gesicht gelegt hatte.
»Stimmt was nicht?«, wollte er wissen.
»Ich habe Sie unterschätzt«, antwortete sie leise.
»Inwiefern?«
Sie nahm die Hände runter. »Sie sind noch gefährlicher, als ich gedacht hatte. Die anderen fressen Ihnen aus der Hand, das konnten Sie gerade eben selbst sehen. Sogar ich begann zu überlegen, was ich tun würde, wenn Sie sich jetzt zum Führer der Allianz erklären würden.«
»Seien Sie nicht albern. Sie wissen genau, was Sie tun würden.«
»Vermutlich ja.« Sie erhob sich von ihrem Platz. Sie müssen unbedingt mit Badaya reden. So schnell wie möglich. Ansonsten könnte die Bewegung, die Sie zum Diktator machen will, nicht mehr aufzuhalten sein.«
»Ich werde mit ihm reden, bevor wir Padronis verlassen.«
»Gut. Es gibt in der Geschichte der Menschheit nur wenige Leute, die eine Macht abgelehnt haben, wie sie für Sie zum Greifen nahe ist, John Geary.«
»Ich lehne sie ab«, beharrte er, »weil ich nicht dafür geeignet bin, mit solcher Macht umzugehen.«
»Und ironischerweise ist es ausgerechnet diese Einstellung, die uns in Versuchung bringt, Ihnen eben diese Macht anzuvertrauen.« Sie beugte sich vor. »Halten Sie an Ihrem Eid fest, Captain Geary. Nur Ihr vorbildliches Verhalten kann die Allianz noch retten.« Dann löste sich auch ihr Bild auf.
Auf dem Weg zurück zu seinem Quartier wurde ihm klar, dass er zwei weitere Entscheidungen zu treffen hatte und dass ihm dafür nicht mehr viel Zeit blieb. Kaum hatte er an seinem Tisch Platz genommen, rief er die Brücke. »Captain Desjani, machen Sie bitte Captain Duellos ausfindig und sagen Sie ihm, er soll sich umgehend bei mir melden.«
Dann lehnte er sich zurück, um erst einmal in Ruhe zu verarbeiten, was sich in den letzten Stunden abgespielt hatte. Er konnte noch immer nicht so ganz glauben, dass die gefährliche Opposition in den eigenen Reihen nicht länger existierte.
Die Türglocke wurde betätigt, und Geary schaute gereizt zur Luke. Kann ich nicht mal fünf Minuten Ruhe haben, um das zu verarbeiten? Aber er wusste nicht, wie wichtig dieser Besucher womöglich sein würde. »Ja, herein.«
Co-Präsidentin Rione trat ein und machte eine fragende Geste. Er verstand, was sie meinte, und aktivierte die höchste Sicherheitsversiegelung seines Quartiers. »Was gibt es?«
»Ich wollte Sie wissen lassen, dass meine Agenten in der Flotte keine Hinweise auf weitere Widersacher gefunden haben. Sie haben die Reaktionen auf die Neuigkeit von Kilas Tod beobachtet. Es gibt keine Anzeichen für weitere Würmer, und niemand hat in irgendeiner Weise Mitgefühl für Kila oder Caligo geäußert.«
»Gut zu wissen.« Sollte er sich tatsächlich nicht länger um derartige Dinge kümmern müssen? Konnte es sein, dass er seine eigenen Offiziere nicht weiterhin im Auge behalten musste, weil sie möglicherweise eine Bedrohung für die Flotte darstellten? »Viel besser werde ich mich allerdings erst fühlen, wenn die Spezialisten von der Valiant die Inspire auf den Kopf gestellt haben.«
»Ja, natürlich.«
Ein beharrliches Summen ließ Geary wissen, dass jemand versuchte, ihn mit Kommandopriorität zu erreichen. »Entschuldigen Sie, Madam Co-Präsidentin, aber das Gespräch werde ich wohl annehmen müssen.« Als er die Leitung öffnete, tauchte auf der Komm-Einheit das Gesicht von Captain Desjani auf.
»Kein Problem«, erklärte Rione. »Ich habe gesagt, was ich sagen wollte. Ich möchte Sie nicht bei Ihrem Rendezvous mit Ihrer besonderen Freundin stören.«
Geary suchte immer noch nach einer angemessenen, besonnenen Erwiderung, doch Rione hatte sein Quartier bereits verlassen.
Desjani machte auf dem Komm-Schirm eine finstere Miene. »Ich schwöre Ihnen, Sir, ich bin so dicht davor, dieser Frau wehzutun!«, zischte sie, während sie Daumen und Zeigefinger nur ein paar Millimeter voneinander entfernt hochhielt.