Moreau öffnete die hintere Außentüre des Karzers und schloss sie hinter sich sofort wieder. Er stieg zwanzig Kellerstufen hinab und betrat einen von Wandfackeln erhellten Raum. Darin standen vier vermauerte, knapp mannshohe Öfen, von denen zwei in Betrieb gehalten wurden. Feuerschein drang ebenso heraus wie ein Glucksen und Brummen.
»Und?«
Moreau winkte ab. »Alles in Ordnung. Sie macht es bis morgen früh.«
»Dauert es so lange?«, fragte Henri de Roslin enttäuscht, denn er war einer der beiden Arbeiter an den Öfen.
Uthman drehte sich um, schweißüberströmt, das Gesicht gerötet. »Es ist schon gut. Bis dahin sind wir mit der Masse so weit. Ich brauche noch Holz.«
»Herrgott, braucht unser Amalgam denn Sonnenstrahlen?! Du benötigst immer noch mehr Hitze.«
»So viel wie möglich. Sonst geht es uns so, wie der Minnesänger Heinrich von Toledo einst sang – er hat lang gechalemaiet und viel verthan!« Uthman ließ lachend den Blasebalg ins Feuer fauchen, die inneren Silberbleche des Ofens glühten selbst wie Feuer. »Die erste Rötung färbt bald!«, rief er.
Während der dicke Kerkermeister Holzscheite herantrug und in die untere Feueröffnung warf, trat Henri näher. Hinter dem kleinen Sichtglas im kegelförmigen Ofendach aus gebranntem Ton schimmerte roter Wachs. Als Uthman um den Ofen herumging und einen Hahn aufdrehte, verließ eine ölig fließende, aber kristallklare, wässrigrote Flüssigkeit den Ofen. Uthman fing sie in einer Silberschüssel auf und trug sie zu einem Destilliergerät im Hintergrund. Es wurde noch einmal erhitzt.
Als ein Fackelschein auf die Glasphiole fiel, in die es tropfte, leuchtete die Flüssigkeit wie ein roter Edelstein. »Es dringt in jedes andere Metall ohne Schmelzen ein«, sagte Uthman ehrfürchtig. »Und wie ein unsichtbares Gift in den Leib.«
Henri schüttelte sich leicht. Das ganze Brimborium im Keller war ihm höchst zuwider, es widersprach seiner ethischen Erziehung von Ehre und Gewissen zutiefst. Aber er wusste ja, wozu Uthman es anstellte. Er sagte: »Brauchen wir dann überhaupt noch das flüssige Eisenkraut der Hexe?«
»Ja. Nur mit diesem Zusatz verdampft es uns nicht, und nur damit kann es getrocknet und zu Pulver verrührt werden – sonst bleibt es eine unstete Menge, die zu viel Quecksilber enthält und zu zähen Schwefel.«
»Ich bewundere deine Kenntnisse, Uthman. Was würde ich ohne dich anfangen!«
»Ich arbeite weiter. Wir brauchen noch viel Flüssigkeit, denn es fällt auf unglaubliche Weise in sich zusammen und wird in feinste und kleinste Teilchen zerlegt, wenn es mit Verbena officinalis zusammentrifft. Jedenfalls spricht mein schlaues Büchlein so.«
Erst gegen Morgen hörte Uthman auf zu arbeiten. Sein Gesicht war aufgequollen, mit verbrannten Stellen, die Augen tränten. Henri schreckte, sitzend an die Wand gelehnt, empor, er war eingenickt. Es klopfte an der Tür.
Jetzt kam auch der Kerkermeister von der anderen Seite hereingeschlurft, er schlief in einer der leeren Zellen. Er gähnte wie ein Löwe und öffnete. Die Hexe stürmte in den Keller und stellte dann ganz vorsichtig ein rotes Pulver auf den abgewetzten, schmutzigen Holztisch.
Ehrfürchtig betrachteten es die drei anderen.
Henri sagte: »Ist es…?«
»Ja«, antwortete sie schnell.
Uthman nahm das Fläschchen, ging zum Destilliergerät und füllte es ein. In der oberen, bauchigen Flasche, dem so genannten Mohrenkopf, begann es zu fauchen und zu schäumen. Als die Männer schon befürchteten, das Glas könnte zerspringen, fiel die Masse in sich zusammen. Es begann zu dampfen. Nach einer Weile schneite im Glaskolben ein farbloses Pulver herab, zwar nur ein kleines Häufchen, aber die Hexe hob den Finger.
»Gebt Acht! Wenn es ein gutes Werk war, dann reicht schon die bloße Berührung, um einen friedlichen Abschied zu feiern! Allerdings geschieht das erst Tage später – aber so wolltet Ihr es ja.« Sie lachte ein wohltönendes Lachen, das ganz im Gegensatz stand zu einem Hexenlachen, wie Henri es sich vorstellte.
»Jetzt müssten wir es noch ausprobieren können«, meinte Henri. »Aber ich möchte nicht, dass irgendeine Kreatur leidet, auch keine nichtswürdige Ratte. Alles ist für Clemens bestimmt.«
»Ich wusste es!«, meinte die Frau von Chalois.
Der Kerkermeister bekreuzigte sich. Henri de Roslin hätte in den Boden versinken können vor Scham darüber, dass er ihr Ziel verraten hatte. Mit dem Instinkt des Tempelritters wollte er zum Knauf seines Schwertes greifen, aber ein schneller Blick auf die Frau und Moreau belehrte ihn darüber, dass sie das Geheimnis hüten würden. Moreau nickte leise vor sich hin.
Uthman wischte sich die Stirn. »Der Dank Allahs und mein eigener bescheidener Dank seien Euch gewiss, liebe Helfer!«, sagte er. »Wir haben nun, was wir brauchen. Und deshalb ziehen wir sogleich weiter. Ein Dank auch den Alchemisten, die hier früher gearbeitet haben – übrigens, was wurde aus ihnen?«
»Brave Goldschmiede im Osten des Landes.«
»Geschah das freiwillig?«
Der Kerkermeister lachte bitter. »Seht es, wie Ihr es sehen wollt. Man warf sie in den weißen Turm und zeigte ihnen die Folterwerkzeuge.«
Uthman meinte: »Die Öfen sind jedenfalls herrlich!«
Sie entlohnten die beiden Zurückbleibenden fürstlich. Uthman wusch sich anschließend, auch Henri tauchte den Kopf lange in einen Waschzuber und erblickte danach auf der zitternden Wasseroberfläche sein sonnengebräuntes, noch junges Gesicht, das noch immer einen Bart zierte, der ihm durchaus vorteilhaft stand. Er beschloss, sich nicht eher zu rasieren, als bis Clemens vergiftet am Boden lag.
Eine Stunde später verließen sie Montfaucon.
Das Château von Roquemaure war der bedeutendste Stützpunkt der königlichen Ritterschaft in der Grafschaft Cote du Rhone. Die Herren waren in der vorletzten Generation noch Raubritter gewesen, jetzt frönten sie nur mehr der Jagd mit abgerichteten Falken. In den dicken Mauern der alles überragenden königlichen Festung fühlte sich der Papst so wohl, dass er öfter hier als in Avignon weilte.
Als hätte er jedoch eine Vorahnung kommenden Unheils besessen, war der Papst von Gnaden des französischen Königs auf der Rückreise von Avignon bei seinem alten Freund, dem Ritter Guillaume Ricard, abgestiegen. Hier, am Rand der Stadt Roquemaure, verfügte er einen Zusatz zu seinem schon zwei Jahre zuvor verfassten Testament. Er fühlte sich unwohl. Seine Ärzte scharten sich um ihn und ließen ihn zur Ader. Außer diesen bekam ihn in diesen Tagen nur Ricard zu Gesicht.
Henri und Uthman hörten davon, als sie in dem winzigen Ort Saint-Laurent-des-Arbres abstiegen. Ihr Wirt war ein zum Christentum konvertierter Maure aus Granada und zeigte sich so erfreut, mit Uthman arabisch sprechen zu können, dass er die Grenzen des Schicklichen vergaß. Bei der Abendmahlzeit, die aus geräuchertem Wildbret und Würzwein bestand, redete er auf den Sarazenen ein. Der erhielt mehr Informationen, als ihm lieb war.
Als die beiden Gefährten endlich, es war schon fast Mitternacht, in einer gemeinsamen Stube auf ihren Strohsäcken lagen und sich ausruhten, sagte Uthman:
»Es ist, als spiele Clemens Katz und Maus. Was geht da vor? Er versteckt sich, reist kreuz und quer, verschwindet hinter dicken Mauern.«
»Sein leitender Stern, nach dem er sich richtet, ist allein seine Krankheit«, mutmaßte Henri. »Natürlich ist das undurchsichtig und kommt uns wie die Bewegung eines Narren vor. Aber er macht sein Leiden zum Gradmesser seiner Aufenthaltsorte und seiner Taten.«
»Ich denke, es ist gleich. Wir müssen handeln.«
»Wie wollen wir vorgehen?«
»Ich werde bei diesem Herrn Guillaume Ricard vorstellig werden. Habe ich eine Gelegenheit, an einer gemeinsamen Mahlzeit teilzunehmen, nutze ich sie.«