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Wenn sie bis zum Frühling durchhielten, dann würde er aus diesem Sauhaufen eine richtige Armee machen, dessen war Volker sich sicher. Doch vielleicht blieb ihnen nicht so viel Zeit. Der Spielmann hatte Kundschafter ausgeschickt, um über Ricchars Vorbereitungen für das nächste Frühjahr informiert zu werden. Doch keiner der Waldläufer, den er geschickt hatte, war zurückgekehrt. Es gab Gerüchte, daß der Graf irgendwo an der oberen Mosel war und Truppen sammelte.

Fast zwanzig Männer hatte Volker in den letzten beiden Wochen als Späher ausgeschickt. Sie alle waren verschwunden. Angeblich hatte Ricchar sächsische Söldner angeworben... Es gab auch Gerüchte, daß er eine Streitmacht von fast tausend Mann gesammelt hatte. Doch das konnte nicht stimmen. Er würde niemals mitten im Winter eine Armee aufstellen. Das verstieß gegen alle Regeln der Kriegskunst. Man konnte im Winter keinen Feldzug führen! Wenn es allerdings einen Feldherrn auf dieser Welt gab, der dieses Risiko einging, dann war es Ricchar. Deshalb mußte Volker wissen, was der Frankenfürst unternahm. Das war der Grund, warum der Spielmann sich auf den Weg zum Bergdorf des Ebers gemacht hatte. Der Gesetzlose und seine Truppe verwegener Halsabschneider waren die einzigen, von denen er noch hoffte, daß sie ihm Kunde über Ricchar verschaffen konnten.

Volker fluchte leise. Er hätte sich nicht allein auf den Weg zum Eber machen sollen. Es gab genug Männer, die sich hier in den Bergen auskannten. Aber um seiner Legende willen hatte er die Einsamkeit gesucht. Die ersten zwei Tage waren auch ganz gut gelaufen. Doch heute morgen hatte er im hohen Schnee den Weg verloren. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Die Sicht reichte kaum dreißig Schritt weit. Er stand inmitten eines Waldes, umgeben von kahlen schwarzen Bäumen, deren Äste unter der Last des Schnees knarrten. Alle Pfade, von denen man ihm erzählt hatte, lagen unter der Schneedecke verborgen, und der graue, wolkenverhangene Himmel machte es unmöglich, sich zu orientieren.

Volker trug eine Fellweste und pelzgefütterte Stiefel. Seine Hände steckten in Fäustlingen aus Leder, unter denen er noch wollene Handschuhe angezogen hatte. Doch nichts mochte die eisige Kälte der Berge zu bannen. Der Winter nagte an seinen Kräften. Langsam hatte der Frost sich durch all diese Kleidungsschichten hindurchgefressen. Wie ein Widergänger raubte die Kälte ihm die Kräfte. Nicht mehr lange, und es wäre vorbei...

Er mußte sich zwingen, noch weiter zu gehen. Bei jedem Schritt sank er fast bis zu den Knien durch die verharschte Schneedecke. Wie einfach wäre, es sich fallen zu lassen. Er war müde. Der Schnee wirkte wie ein großes, sauberes Leintuch... Wenn er sich nur für ein paar Augenblicke hinstrecken würde, um auszuruhen, dann würden seine Kräfte wiederkehren. Er würde sicher schnell einschlafen, so erschöpft, wie er war. Wenn er dann erwachte, wäre er erholt und könnte seinen Weg fortsetzen, um...

»Sei kein Narr!« Seine Stimme hallte von den Bergen auf der anderen Seite des Tals wider, so laut hatte er in die Einsamkeit geschrien. Er durfte sich nicht solch trügerischen Tagträumen hingeben! Wenn er sich hier schlafen legte, würde er nie wieder erwachen. Er mußte sich wach halten! Vielleicht sollte er eines seiner alten Lieder singen. Als er noch sehr jung war, hatte er einmal etwas über die Heldentaten Theoderichs gedichtet. Wenn er sich anstrengte, konnte er sich vielleicht noch erinnern. Stockend begann er die Verse aufzusagen.

»Da suchte der Herr Dietrich selbst seine Rüstung.

Ihm half Meister Hildebrand, sich zu waffnen.

Da klagte der kraftvolle Mann so sehr...«

Volker versagte die Stimme. Deutlich erinnerte er sich jetzt an den Tag, an dem er diese Verse gedichtet hatte. Es war nach einem Traum gewesen, von einer großen Halle, in der Flammen nach gewappneten Helden leckten. Gunther war dort gewesen und auch Hagen. Und er selbst. Ein alter Mann mit grimmigen Augen war ihm entgegengetreten...

»Du bist es also, der sich einen Narren nennt! Wohl gesprochen, Volker!«

Erschrocken blickte der Spielmann auf. Er hatte immer einen Fuß vor den anderen gesetzt, ohne noch darauf zu achten, wohin sein Weg ihn führte. Der Wald endete vor einer Klippe, die knapp fünf Schritt hoch sein mochte. Wie eine Mauer zog sie sich um die Bergflanke. Fast genau über ihm, am Rand des Felsens stand eine Gestalt in schwarzem Umhang und mit bleichem Gesicht.

Die Morrigan! Das mußte die Stunde seines Todes sein, und sie war gekommen, um ihn zu sich zu holen. Er kniff die Augen zusammen. Dann blickte er wieder nach oben, um sicher zu sein, daß er in seiner Erschöpfung nicht schon Trugbilder sah. Die Gestalt stand noch immer am Rand der Klippe. Eine Locke roten Haares lugte unter ihrer Kapuze hervor.

»Du?« Er traute seinen Augen kaum. »Wie kann das sein? Weiche von mir, du Teufel, der du mir erschienen bist, um meine Seele zu verwirren!«

»Mit Worten allein wirst du mich diesmal nicht vertreiben! Ich bin hier, um dir deine Toten zu zeigen. Narr hast du selbst dich genannt. Und es ist wahr, du bist ein Narr! Gehe fünfzig Schritt nach links! Dort wirst du eine Felsspalte finden, in der ein Weg hier hinaufführt. Versuche nicht noch einmal, deinem Schicksal davonzulaufen. Es ist dir bestimmt, der Auserwählte zu sein, auch wenn dein Herz kälter als der grimme Winterfrost ist!« Die Gestalt trat zurück und verschwand aus Volkers Gesichtsfeld.

Diese verfluchte Bardin! Was machte sie hier? Und was sollte dieser Auftritt. »Komm heraus und zeige dich! Belliesa! Wie kommst du hierher?«

Wütend stampfte der Spielmann die Klippe entlang, bis er die Felsspalte erreichte. Der Weg hinauf war steil und vereist. Immer wieder rutschte er ab und schlitterte hinunter. Es waren nur ein paar Schritt, und doch schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis es ihm endlich gelang, sich bis nach oben zu kämpfen.

Suchend blickte er sich um. Die Bardin war nirgends mehr zu sehen. Es war, als habe sie der Erdboden verschluckt.

»Belliesa!«

»Belliesa... Belliesa...« Fast höhnisch klang das Echo, das die Berge zurückwarfen. Dann war es wieder still. Dort, wo die Bardin gestanden hatte, war ein Loch in der Schneedecke. Der Wind, der über das Felssims wehte, verhinderte, das der Schnee hier höher als nur ein paar Zoll lag.

Etwas hatte den Schnee schmelzen lassen. Es gab keine Asche. Ein Feuer hatte hier nicht gebrannt! Das Schmelzwasser war am Grund der flachen Mulde wieder zu Eis erstarrt und...

Volker kniete nieder. Inmitten des Eises schimmerte es rot. Er zog seinen Dolch und begann wie von Sinnen auf die spiegelnde Fläche einzustechen, bis er endlich in Händen hielt, was dort im Eis gefangen war. Eine leuchtend rote Feder! Der Feuervogel! Er war hiergewesen. Er war...

Volker hatte das Gefühl, ein faustgroßer Stein rutsche seine Kehle hinab. Der Feuervogel! Der Schnee hatte die Eisfläche noch nicht wieder zugeweht. Es mochten höchstens ein oder zwei Stunden vergangen sein, seit der Vogel dort gelandet war. Und er... Er hatte ihn verpaßt. Das konnte nicht sein. Warum...

Er schluchzte leise. »Belliesa...« Was hatte die Bardin damit gemeint, sie wolle ihm seine Toten zeigen?

Direkt hinter dem Eis waren Spuren von schmalen Füßen im Schnee. Sie war hier gewesen! Die Sängerin mußte die Feder gesehen haben. War der Feuervogel vielleicht ihretwegen gekommen? Und wohin waren die zwei jetzt?

Suchend sah Volker sich um. Ein paar Schritt hinter der Klippe erhob sich ein sanft ansteigender Berghang. Graue Buchenstämme ragten dort zum Himmel, und mitten zwischen ihnen klaffte ein finsteres Loch. Eine Höhle! Ob Belliesa dorthin gegangen war? Funkelnde Eiszapfen hingen am Eingang hinab. Fast wie die Reißzähne eines Raubtieres!