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Die Bäume unten retteten sie. Sie schlitterten nämlich bis zum Rand eines Kiefernwaldes, der von den tief unten gelegenen, dunklen Talwäldern bis zum Steilabfall hinaufreichte. Einige fanden Halt an den Stämmen und schwangen sich in die unteren Zweige, andere (wie der kleine Hobbit) fanden hinter einem Baum Schutz gegen den Steinschlag. Bald war die Gefahr vorbei, der Bergrutsch hatte aufgehört, und es war nur noch ein letztes, schwaches Aufkrachen zu vernehmen, wenn die schwersten Brocken des aufgestörten Gesteins durch das Farnkraut und über die Kiefernwurzeln tief unten bumsten und wirbelten.

»Schön, das hat uns ein gutes Stück weitergebracht«, sagte Gandalf. »Und selbst Orks, die hinter uns her sind, dürften Mühe haben, hier leise herunterzukommen.«

»Das nehme ich auch an«, brummte Bombur. »Aber sie werden es nicht schwer finden, uns ein paar Bumser auf den Kopf fallen zu lassen.«

Die Zwerge (und mit ihnen Bilbo) fühlten sich keineswegs wohl. Sie rieben ihre zerschundenen und zerschlagenen Beine und Füße.

»Unsinn! Wir müssen uns sofort seitwärts wenden, weg vom Steinschlag, und wir müssen uns beeilen.«

Die Sonne war längst hinter den Bergen verschwunden.

Schon wurden die Schatten tief, obgleich man durch die Bäume und über die Wipfel der tiefer stehenden Kiefern hinweg weit in der Ferne den Abendschein auf den Ebenen jenseits sehen konnte.

So rasch es ihnen möglich war, humpelten sie die sanften Hänge eines Kiefernwaldes hinunter, einen schräglaufenden Pfad entlang, der geradewegs nach Süden führte. Zuweilen durchquerten sie ein richtiges Meer von Farnkräutern, deren hohe Wedel bis über Bilbos Kopf ragten, zuweilen wanderten sie völlig lautlos über einen dicken Teppich von Kiefernnadeln. Und während der ganzen Zeit wurde die Waldesdämmerung immer schwerer und die Waldesstille immer tiefer. An diesem Abend wehte kein Lüftchen, so daß nicht mal das leiseste Seufzen in den Baumkronen zu hören war.

»Müssen wir immer noch weiter?« fragte Bilbo, als es so dunkel geworden war, daß er gerade noch Thorins Bart neben sich fliegen sah, und so still, daß ihm das Atmen der Zwerge wie ein lautes Blasen vorkam. »Meine Zehen sind wund und krumm, meine Beine tun weh, und mein Magen beutelt sich wie ein leerer Sack.«

»Noch ein bißchen weiter«, sagte Gandalf Das bißchen kam ihnen wie ein halbes Weltalter vor, aber dann gelangten sie plötzlich an einen offenen Fleck, wo keine Bäume wuchsen. Der Mond war aufgegangen und schien auf die Lichtung herab. Irgendwie kam es allen vor, als ob es kein guter Platz wäre, obgleich nichts Verdächtiges zu sehen war.

Plötzlich hörten sie unten am Hügel ein Heulen, ein langes, schauerliches Heulen. Es wurde von einem andern Geheul an ihrer rechten Seite beantwortet, ihnen schon ein gutes Stück näher gerückt, und dann von einem, das von links und ganz aus der Nähe kam. Es waren Wölfe, die den Mond anheulten, Wölfe, die sich versammelten!

Zu Hause, in der Nähe von Mister Beutlins Höhle, gab es keine Wölfe. Aber Bilbo kannte das Heulen.

Er hatte es oft genug in Geschichten beschrieben gefunden. Einer seiner älteren Vettern (einer von der Tukseite), der ein großer Weltreisender war, ahmte es zuweilen nach, um ihn zu erschrecken. Es aber aus dem finsteren Wald unter dem weißen Mondlicht zu hören – das war zuviel für Bilbo. Selbst Zauberringe nützen nicht viel bei Wölfen, besonders nicht bei jenem üblen Pack, das im Schatten des von Orks besetzten Gebirges lebte, jenseits der Einödgrenze an den Ufern des Unbekannten. Wölfe dieser Art wittern schärfer als Orks. Um euch zu fangen, brauchen sie euch nicht erst zu sehen!

»Was sollen wir machen, was sollen wir bloß machen!« schrie Bilbo. »Den Orks entwischt, um von den Wölfen geschnappt zu werden!« rief er, und es wurde zu einem Sprichwort, obgleich wir heute bei ähnlich unangenehmen Situationen sagen: Raus aus der Bratpfanne, rein ins Feuer!

»Hinauf in die Bäume, rasch befahl Gandalf, und sie rannten zu jenen Bäumen am Rand der Lichtung, die niedrige Äste besaßen oder so schlank waren, daß man sie leicht erklettern konnte. Sie fanden sie schneller als jemals sonst, das könnt ihr euch vorstellen, und sie kletterten so hoch hinauf, wie sie es den Ästen gerade noch zumuten konnten. Ihr würdet laut gelacht haben (aus sicherer Entfernung), wenn ihr die Zwerge mit ihren herabbaumelnden Bärten in den Bäumen hättet hocken sehen, wie alte übergeschnappte Herren, die Schulbuben spielten. Fili und Kili saßen in der Krone einer hohen Lärche, die wie ein enormer Weihnachtsbaum aussah. Dori, Nori, Ori, Oin und Gloin saßen ein wenig bequemer in einer stämmigen Kiefer mit regelmäßigen, in Zwischenräumen wie Speichen herausragenden Ästen. Bifur, Bofur, Bombur und Thorin saßen in einer anderen Kiefer. Dwalin und Balin hatten eine hohe Fichte erklettert, die nur wenige Äste besaß, und nun versuchten sie, einen Sitzplatz im Grün des Wipfels zu finden.

Gandalf, der ein gutes Stück größer war als alle anderen, hatte einen Baum gefunden, in den keiner hätte klettern können, eine mächtige Kiefer, die genau am Rand der Lichtung stand. Er war fast ganz verborgen im Astwerk. Aber als er nun herausspähte, hättet ihr sehen können, wie seine Augen im Mondlicht schimmerten.

Und Bilbo? Er konnte überhaupt auf keinen Baum hinauf und hüpfte von Stamm zu Stamm wie ein Kaninchen, das sein Loch verloren hat und hinter dem ein Hund her ist.

»Ihr habt schon wieder den Meisterdieb verloren«, sagte Nori zu Dori und schaute hinab.

»Auf meinem Rücken kann ich nicht immer Meisterdiebe spazierentragen«, erwiderte Dori. »Stollen hinunter und Bäume hinauf! Für wen haltet Ihr mich eigentlich? Bin ich Gepäckträger?«

»Er wird gefressen, wenn wir nichts unternehmen«, sagte Thorin, denn das Heulen kam jetzt von allen Seiten näher und näher. »Dori rief er, denn Dori saß zuunterst in dem besten Kletterbaum, rasch gebt Mister Beutlin die Hand.«

In Wirklichkeit war Dori trotz seiner Brummerei ein prächtiger Bursche. Doch der arme Bilbo konnte seine Hand nicht erreichen, selbst als Dori bis zum untersten Ast geklettert war und seinen Arm, so weit es nur irgend ging, hinunterstreckte. Dori kletterte also ganz vom Baum herunter und ließ Bilbo sich auf seine Schultern stellen.

Gerade in diesem Augenblick jagten die Wölfe heulend auf die Lichtung. Hunderte von Augen starrten unsere. Gesellschaft mit einem Mal an. Aber Dori ließ Bilbo nicht im Stich. Er wartete, bis der Hobbit von seinen Schultern in die Zweige geklettert war, und dann sprang er hinterher. Gerade zur rechten Zeit! Ein Wolf schnappte nach seinem Mantel, als er sich aufschwang, und beinahe hätte er ihn erwischt. Es verging keine Minute, da lungerte auch schon das ganze Pack jaulend um den Baum, sprang am Stamm hoch, die Augen glühten, und die Zungen hingen heraus.

Aber selbst die wilden Warge (so wurden die üblen Wölfe an dieser Seite der Einöde genannt) können nicht auf Bäume klettern. Eine Zeitlang war man in Sicherheit. Glücklicherweise war es warm und nicht windig. Es ist nicht sehr angenehm, wenn man längere Zeit in einem Baum sitzen muß. Aber in Kälte und Wind erst, mit Wölfen, die unten rund herum auf einen warten, sind Bäume eine ganz besonders unangenehme Sitzgelegenheit.

Diese Lichtung war augenscheinlich ein Versammlungsplatz der Wölfe. Immer noch kamen neue an.

Sie ließen Wachen am Fuß des Baumes zurück, in dem Dori und Bilbo saßen. Dann schnüffelten sie umher, bis sie alle anderen Baumverstecke ausgemacht hatten. Diese bewachten sie ebenfalls, während der Rest (Hunderte und Hunderte Wölfe schienen es zu sein) abzog und sich zu einem großen Kreis in der Lichtung niederkauerte. Genau in der Mitte des Kreises lag ein mächtiger Grauwolf Er sprach zu ihnen in der furchtbaren Sprache der Warge. Gandalf verstand sie. Bilbo verstand nichts, aber es schauderte ihn, denn es klang, als ob es sich um nichts als tückische Grausamkeiten handelte – was es in Wirklichkeit ja auch war.

Dann und wann antworteten im Kreis alle Warge ihrem grauen Anführer, und ihr schreckliches Geschrei ließ den Hobbit fast aus seiner Kiefer fallen.