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DAS ZEHNTE KAPITEL

Die Funkstreife greift ein / Der Kleine Mann wird zum Zaubergesellen befördert / Zum Applaus gehört zweierlei / Galoppinski braucht eine neue Peitsche / Rosa Marzipan fällt dem Professor um den Hals / Mäxchen läßt grüßen.

Der Erfolg war ungeheuer. Der Zirkus beruhigte sich erst, nachdem mit Sirene und blauem Licht eine Funkstreife gekommen war. Sie hatte dann auch den Professor, den Kleinen Mann, die beiden Tauben und Alba, das Kaninchen, in die Mitte genommen und auf Zickzackwegen ins Hotel gebracht. Autos, die ihnen folgen wollten, wurden abgeschüttelt.

Wenig später saßen der Jokus und Mäxchen im Roten Salon des Hotels, bestellten einen Mokka mit Sahne und zwei Löffeln, holten tief Luft, schauten sich an und lächelten.

Der Oberkellner hängte ein Schild mit der Inschrift „Bitte nicht stören!“ an die Türklinke, bevor er den Mokka bestellte. Auch er hatte schon von dem sensationellen Erfolg gehört.

„Nun?“ fragte der Kleine Mann schüchtern. „Warst du mit mir zufrieden?“

Der Professor nickte. „Du hast sehr sauber gearbeitet. Du weißt ja, daß ich eigentlich noch ein paar Monate warten wollte.“

„Aber es mußte doch irgend etwas geschehen“, rief der Kleine Mann. „Wir konnten doch die Blamage mit deinem Zauberfrack nicht auf uns sitzen lassen.“

„So eine Schweinerei!“ knurrte der Professor und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Galoppinski war wie vor den Kopf geschlagen. Und das arme Pferd!“

„Und unser armes Kaninchen!“ sagte Mäxchen. „Ich dachte schon, es fällt vor Schreck tot um.“

„Hast du sehr geschwitzt?“ fragte der Professor lächelnd. „Die Hosenträger waren das schlimmste. Die Metallklemme vorn links wollte und wollte sich nicht öffnen. Zwei Fingernägel hab ich mir abgebrochen. Beim schönen Waldemar geht’s viel leichter.“

„Dafür klappte es mit den Schnürsenkeln um so besser“, meinte der Professor. „Das war Maßarbeit. Auch der Trick mit der Krawatte funktionierte.“

„Es ging wie geschmiert“, erzählte Mäxchen. „Der Knoten saß ganz locker. Schwupp, und schon war ich drin.“

„Ja, Foulardseide ist geschmeidig. Damit hatten wir Glück. Glück gehört zum Geschäft.“

Der Kleine Mann runzelte die Stirn. „Ich muß dich etwas fragen, und du darfst nicht mogeln.“

„Einverstanden. Schieß los!“

„Ich wüßte es für mein Leben gern.“

„Was denn?“

„Ob du jetzt glaubst, ich könnte eines Tages ein richtiger Artist werden.“

„Eines Tages?“ fragte der Professor. „Du bist es doch

schon! Du hast heute abend deine Gesellenprüfung bestanden!“

„Oh“, flüsterte Mäxchen. Das war alles. Mehr brachte er nicht heraus.

„Du bist jetzt mein Zaubergeselle. Punktum.“

„Die Leute haben bestimmt nicht nur geklatscht, weil ich so klein bin?“

„Nein, Söhnchen. Aber solche Dinge spielen natürlich eine Rolle. Wenn sich der Elefant Jumbo auf einen Podest setzt und die Vorderbeine hochhebt, klatschen die Leute. Warum? Weil er etwas kann und weil er so groß ist. Wenn er nur groß wäre und nichts gelernt hätte, lägen sie lieber daheim auf dem Sofa. Ist das klar?“

„Ziemlich.“

„Zum Applaus gehört zweierlei“, dozierte der Professor. „Nehmen wir ein anderes Beispieclass="underline" Wenn die drei Schwestern Marzipan von ihrem Trampolin fünf Meter hoch in die Luft springen und Saltos drehen, klatscht das Publikum begeistert. Warum? Weil sie etwas können und weil sie so hübsch aussehen.“

„Vor allem Fräulein Rosa“, meinte Mäxchen vorlaut.

„Wären die drei Mädchen häßlich, dann gefielen sie dem Publikum nur halb so gut, sogar wenn sie noch zwei Meter höher hüpften.“

„Bei den Clowns gehört auch zweierlei dazu?“

„Freilich! Wenn sie keine dicken roten Nasen hätten und keine viel zu weiten Hosen und keine Schuhe wie Entenschnäbel, wären ihre Späße nicht halb so komisch. So ist es immer.“

„Auch bei dir?“ fragte der Kleine Mann neugierig. „Du bist nicht so groß wie Jumbo und nicht so klein wie ich. Du hast

keine rote Nase und bist nicht so schön wie die Marzipanfräuleins. Was ist denn nun dein Zweierlei?“

Der Professor lachte. „Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich.

„Aber ich weiß es!“ rief der Kleine Mann triumphierend. „Erstens bist du ein gewaltiger Zauberkünstler ...“

„Und zweitens?“

„Heb mich hoch, und ich sage dir’s ins Ohr!“

Der Professor hob den Kleinen Mann hoch.

„Zweitens“, flüsterte Mäxchen, „zweitens bist du der beste Mensch, den es gibt.“

Erst war es ein Weilchen still. Dann hustete der Professor verlegen und sagte: „So, so. Na ja, irgendeiner muß es schließlich sein.“

Mäxchen lachte leise. Doch gleich darauf seufzte er. „Weißt du, manchmal möchte ich genauso groß sein wie normale Leute. Zum Beispiel in dieser Minute.“

„Warum denn gerade jetzt? Hm?“

„Dann hätte ich richtig lange Arme und könnte sie um deinen Hals legen.“

„Mein lieber Junge“, sagte der Professor.

Und Mäxchen flüsterte: „Mein lieber, lieber Jokus.“

Dann brachte der Oberkellner endlich den Mokka mit zwei Löffeln. „Einen schönen Gruß von der Kaffeeköchin, und den kleinen Löffel schenkt sie dem Kleinen Mann. Es war der kleinste Löffel, den sie in der Küche auftreiben konnte.“

„Und warum kriege ich ihn geschenkt?“ fragte Mäxchen verwundert.

Der Oberkellner machte eine tiefe Verbeugung. „Zur bleibenden Erinnerung an den Tag, an dem du berühmt geworden

bist. Die Kaffeeköchin hat das heutige Datum mit einer Spicknadel im Löffel eingeritzt.“

„Mit der Spicknadel?“ fragte der Kleine Mann.

„Ganz recht“, erwiderte der Oberkellner. „Sie dient sonst zum Spicken von Hasen- und Rehrücken. Die Köchin fand nichts Spitzeres.“

„Vielen, vielen Dank“, sagte Mäxchen. „Und die Kaffeeköchin glaubt, ich bin jetzt berühmt?“

„Das denkt nicht nur die Kaffeeköchin!“ rief da eine Frauenstimme. Die übermütige Stimme gehörte dem Fräulein Rosa Marzipan. „Da bin ich!“ erklärte das Marzipanmädchen. „Draußen vorm Hotel lauern schon die ersten Journalisten und Fotografen und Onkels vom Rundfunk. Aber der Portier läßt sie nicht herein.“

„Sein Glück!“ knurrte der Professor. „Und wieso hat er dich hereingelassen?“

„Ich weiß es ganz genau!“ rief der Kleine Mann und rieb sich die Hände. „Sie hat ihn angesehen und mit den Augen geklimpert!“

„Erraten!“ sagte Fräulein Rosa. „Er schmolz wie Schokoladeneis auf der Zentralheizung. Die Putzfrau mußte kommen und den Rest wegwischen.“ Dann gab sie Mäxchen einen kleinen Kuß, weil er so klein war, und dem Jokus einen noch kleineren, weil er so groß war. „Und jetzt habe ich Appetit“, erklärte sie energisch.

„Auf einen Kuß von uns?“ fragte der Professor.

„Nein, auf Rehrücken“, antwortete sie. „Auf gespickten Rehrücken mit Kartoffelkroketten und Preiselbeeren. Und ihr dürft kosten.“

Da nahm der Oberkellner die Beine unter den Arm.

Nach dem Essen sagte sie: „So ist das Leben, meine Herren

Freunde. Mir hat es geschmeckt, ihr seid berühmt, und Meister Galoppinski braucht eine neue Reitpeitsche.“

„Warum denn?“ fragte Mäxchen wißbegierig.

„Weil die alte in Stücke ging“, berichtete das Fräulein. „Sie kam einige Minuten mit dem Clown Fernando in Tuchfühlung. Das war für die arme Peitsche zuviel. Für Fernando übrigens auch.“

„Wegen der vertauschten Fräcke?“

Rosa nickte. „Ganz recht. Dabei wollte der Clown ja gar nicht den Reiter und das Pferd blamieren, sondern einen gewissen Jokus.“