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Raistlin sagte nichts, aber seine Gedanken ertönten so deutlich in Crysanias Geist, als ob er sie gesprochen hätte. »Du hast den Königspriester gehört. Du hast selbst gesagt, daß du seine Fehler kennst. Paladin begünstigt dich. Selbst an diesem finsteren Ort hört er deine Gebete. Du bist seine Auserwählte. Du wirst erfolgreich sein, wo der Königspriester versagt hat. Komm mit mir, Crysania!«

»Ich habe Angst«, sagte Crysania und löste behutsam Caramons Hände von ihren Armen. »Und ich bin wirklich gerührt über deine Sorge. Aber meine Angst ist eine Schwäche, die ich bekämpfen muß. Mit Paladins Hilfe werde ich sie überwinden – bevor ich mit deinem Bruder das Portal durchschreite.«

»So soll es sein«, sagte Caramon mit schwerer Stimme und drehte sich um.

Raistlin lächelte; es war ein dunkles, geheimes Lächeln, das sich weder in seinen Augen noch in seiner Stimme zeigte. »Und jetzt, Caramon«, sagte er sarkastisch, »wenn du damit fertig bist, dich in Sachen einzumischen, die du nicht verstehst, bereitest du dich am besten auf deine Reise vor. Jetzt haben wir Vormittag. Die Märkte – wie es in diesen düsteren Zeiten der Fall ist – haben gerade geöffnet.« Er griff in eine Tasche in seinen schwarzen Roben, holte einige Münzen hervor und warf sie seinem Bruder zu. »Das sollte für unsere Bedürfnisse ausreichen.«

Caramon fing die Münzen auf, ohne zu denken. Dann starrte er seinen Bruder mit dem gleichen Blick an, den Crysania auch im Tempel von Istar gesehen hatte, und sie erinnerte sich, gedacht zu haben: Welch schrecklicher Haß, welch schreckliche Liebe!

Schließlich senkte Caramon den Blick, stopfte das Geld in seinen Gürtel.

»Komm her zu mir, Caramon«, sagte Raistlin sanft.

»Warum?« brummte Caramon, plötzlich argwöhnisch.

»Nun, da ist das Eisenband um deinen Hals. Willst du mit dem Zeichen der Sklaverei durch die Straßen laufen? Und dann ist da noch der Zauber.« Raistlin sprach mit unendlicher Geduld. Als er Caramon immer noch zögern sah, fügte er hinzu: »Ich würde dir nicht empfehlen, das Zimmer ohne den Zauber zu verlassen. Aber es ist deine Entscheidung...«

Caramon warf den blassen Gesichtern, die immer noch im Schatten lauerten, einen Blick zu, dann ging er zu seinem Bruder und stellte sich vor ihm auf, seine Arme über der Brust verschränkt. »Was nun?« knurrte er.

»Knie vor mir nieder!«

Caramons Augen funkelten vor Zorn. Ein Fluch brannte auf seinen Lippen, seine Augen huschten verstohlen zu Crysania, er unterdrückte jedoch die Worte und verschluckte sie.

Raistlins blasses Gesicht wirkte plötzlich traurig. Er seufzte. »Ich bin erschöpft, Caramon. Ich habe nicht die Kraft, mich zu erheben. Bitte...«

Caramon ging langsam auf die Knie.

Raistlin sagte leise ein Wort. Das Eisenband zerbrach, fiel von Caramons Hals und landete klappernd auf dem Boden.

»Komm näher«, sagte Raistlin.

Seinen Hals reibend, kam Caramon dem Befehl nach. »Ich mache das für Crysania«, sagte er mit angespannter Stimme. »Wenn es nur mich und dich beträfe, würde ich dich an diesem üblen Platz verrotten lassen!«

Raistlin streckte beide Hände aus und legte sie sanft, fast liebkosend, an Caramons Kopf. »Würdest du das, mein Bruder?« fragte er so leise, daß es nicht lauter als ein Atemzug war.

»Würdest du mich verlassen? Dort in Istar – hättest du mich da wirklich getötet?«

Caramon starrte ihn an, unfähig zu antworten. Dann beugte sich Raistlin vor und küßte seinen Bruder auf die Stirn. Caramon zuckte zusammen, als ob er mit einem rotglühenden Eisen in Berührung gekommen wäre.

Raistlin löste seinen Griff.

Caramon starrte ihn voller Schmerz an. »Ich weiß es nicht!« murmelte er gebrochen. »Die Götter sollen mir helfen – ich weiß es nicht!« Mit einem Schluchzen bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen. Sein Kopf sank in den Schoß seines Bruders.

Raistlin streichelte über das braune, lockige Haar seines Bruders. »Nun, nun, Caramon«, sagte er sanft. »Ich habe dir einen Zauber gegeben. Die Dinge der Dunkelheit können dir nichts antun, solange ich hier bin.«

5

Caramon stand in der Türöffnung des Arbeitszimmers und spähte in die Dunkelheit des Korridors – eine Dunkelheit, die von Geflüster und Augen belebt war. Neben ihm war Raistlin, eine Hand ruhte auf dem Arm seines Bruders, die andere hielt den Stab des Magus.

»Es wird alles gut, mein Bruder«, sagte Raistlin leise. »Vertrau mir.«

Caramon sah seinen Bruder aus einem Augenwinkel an.

Raistlin lächelte daraufhin sarkastisch. »Einer von ihnen wird dich begleiten«, fuhr er fort.

»Lieber nicht!« brummte Caramon finster, als ein Paar körperloser Augen, das sich in seiner Nähe aufhielt, näher kam.

»Begleitet ihn«, befahl Raistlin den Augen. »Er steht unter meinem Schutz. Erkennt ihr mich? Ihr wißt, wer ich bin?«

Die Augen senkten sich ehrfürchtig, dann richteten sie ihren kalten, geisterhaften Blick auf Caramon. Der große Krieger erschauerte und sah Raistlin zum letzten Mal an.

»Die Wächter werden dich sicher durch den Eichenwald führen. Du wirst jedoch bei weitem mehr zu fürchten haben, wenn du ihn hinter dir gelassen hast. Sei vorsichtig, mein Bruder! Diese Stadt ist nicht der wunderschöne, friedliche Ort, wie es in zweihundert Jahren der Fall sein wird. Nun ist sie von Flüchtlingen voll, die in den Straßen, wo immer sie können, leben. Jeden Morgen rollen Karren über das Pflaster, um die Körper jener zu entfernen, die in der Nacht gestorben sind. Männer sind unterwegs, die dich wegen deiner Stiefel umbringen würden. Kauf dir zuerst ein Schwert und trag es offen in der Hand!«

»Ich werde mir schon Gedanken über die Stadt machen«, sagte Caramon. Er ging in den Korridor davon und versuchte dabei, ohne viel Erfolg, die blassen, glühenden Augen zu übersehen, die dicht an seiner Schulter schwebten.

Raistlin blieb stehen und beobachtete seinen Bruder und den Wächter, bis sie aus dem magischen Lichtkreis des Stabes verschwunden und von der Dunkelheit verschluckt waren. Er wartete noch, bis sich das Echo der schweren Schritte seines Bruders verlor, dann kehrte er in das Arbeitszimmer zurück.

Crysania saß auf einem Stuhl und versuchte erfolglos, mit den Fingern ihr wirres Haar zu kämmen. Raistlin ging lautlos über den Boden, um neben sie zu treten, ohne daß sie es merkte, griff in eine Tasche seiner Roben und zog eine Handvoll feinen weißen Sand hervor. Als er hinter ihr stand, hob er die Hand und ließ den Sand über das dunkle Haar der Frau rieseln.

»Ast tasark simiralan krynawi«, flüsterte Raistlin, und fast unverzüglich ließ Crysania den Kopf sinken, ihre Augen schlossen sich, und sie sank in einen tiefen magischen Schlaf. Er stellte sich vor sie und starrte sie lange an.

Obgleich sie ihr tränen- und blutverschmiertes Gesicht gewaschen hatte, waren die Zeichen der Reise durch die Dunkelheit an den Schatten unter ihren langen Wimpern, an einem Schnitt an ihrer Lippe und an ihrer blassen Hautfarbe sichtbar. Raistlin streckte die Hand aus und strich behutsam das Haar zurück, das in dunklen Strähnen über ihre Augen fiel.

Crysania hatte, als das Zimmer von dem Feuer erwärmt war, den Samtvorhang zur Seite geworfen, den sie als Decke benutzt hatte. Ihre weißen Roben, zerrissen und blutbeschmiert, hatten sich um ihren Hals gelöst.

Raistlin konnte die weichen Kurven ihres Busens unter dem weißen Stoff sehen. »Wäre ich wie andere Männer, würde sie mir gehören«, sagte er leise. Seine Hand verweilte dicht an ihrem Gesicht, ihr dunkles, lockiges Haar kräuselte sich um seine Finger. »Aber ich bin nicht wie andere Männer«, murmelte er und zog den Samtvorhang um ihre Schultern.

Crysania lächelte im Traum.

Als Raistlins Hand über die glatte Haut ihres Gesichtes strich, kamen ihm lebhafte Erinnerungen. Er begann zu zittern. Am liebsten hätte er den Schlafzauber rückgängig gemacht, sie in seine Arme genommen, sie gehalten, so wie er sie gehalten hatte, als er den Zeitreisezauber geworfen hatte, der sie zu diesem Ort gebracht hatte. Sie wären eine Stunde allein gewesen, bevor Caramon zurückkehrte... »Ich bin nicht wie andere Männer!« knurrte er und ging davon; sein mürrischer Blick begegnete den wachsamen Augen der Wächter. »Wacht über sie, während ich fort bin«, sagte er zu mehreren halb unsichtbaren, schwebenden Geistern, die im Schatten einer Ecke des Arbeitszimmers lauerten. »Ihr zwei«, befahl er den beiden, die bei ihm gewesen waren, als er wach wurde, »begleitet mich.«