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Salfalur gab Lorimbas ein knappes Zeichen, er hatte den Rufer sofort erkannt. Der Herrscher der Dritten ballte die Fäuste. »Du bist also Tungdil Goldhand, der Mörder meines Neffen«, sprach er.

»Der nach dem Leben meiner Gemahlin trachtete«, erwiderte Tungdil. »Er wählte sich sein Schicksal selbst, frag den Mörder von Lotrobur an deiner Seite.«

»Ich werde dich bei lebendigem Leib ausweiden«, schrie Lorimbas und zog seine Axt.

»Du darfst es gern versuchen, aber du wirst damit keinen Erfolg haben. Oder siehst du, dass sich die Tore von Eisenwart durch dein Gebrüll öffnen?«, lachte er, stützte die Hände auf die Mauer und zeigte deutlich, dass er in der überlegenen Position war. »Schrei nur, und du wirst den Weißen Tod anlocken. Er rinnt bis zum Grund der Schlucht, bis dorthin, wo du stehst und wie ein haarloser Ork krakeelst.« Er hob den Blick und tat, als sähe er sich um, als spähte er in weite Ferne. »Hast du Angst vor den Bergen, oder warum kommst du mit so vielen Kriegern? Wie viele werden es sein? Fünftausend? Und wo ist die Waffe, die du den Menschen und Elben gegen die Avatare versprochen hast?«

»Das geht dich nichts an! Schere dich aus meiner Festung!«

»Da ich weiß, wie man sie öffnet, ist es wohl meine Festung, Lorimbas. Ich werde dich nicht eher hereinbitten, bis du uns die Waffe gezeigt und erklärt hast.«

Der Herrscher der Dritten richtete die Axtspitze auf ihn. »Du hast das alles ausgeheckt! Du hast damit gegen die Abmachung und das Wort Gandogars verstoßen«, erboste er sich. »Die Könige werden dich...«

»Ich bin ein Dritter«, fiel ihm Tungdil unbeeindruckt ins Wort. »Hast du das vergessen?« Jetzt hob er die Axt und deutete auf Salfalur. »Frag ihn, wenn du mir nicht glauben willst. Er hat meinen Vater und meine Mutter erschlagen; mich warf er in den Abgrund, doch durch Vraccasʹ Hand wurde ich gerettet und stehe heute vor euch, um euren Verrat an dem Geborgenen Land zu verhindern.« Tungdil hielt seine Waffe mit beiden Händen und richtete sich auf. Wie ein Wächter stand er da. »Also, Lorimbas, wo ist die Waffe?«

Salfalur gab den Zwergen mit den Wurfhaken ein Zeichen, und sie stapften auf die Mauer zu.

Tungdil grinste. »Ist es so einfach, die Avatare zu besiegen? Man braucht Zwerge mit Seilen und Klettereisen? Aber falls ihr versuchen wollt, hinaufzugelangen«, zu seiner Linken erschien Boïndil, zu seiner Rechten Boëndal, die Waffen einsatzbereit in den Händen haltend und nicht zu Scherzen aufgelegt, »seid gewarnt: Ich bin nicht allein.«

»Dieses Mal ist es aber Verrat und ein Bruch des Abkommens«, bemerkte Salfalur. »Ich kenne die beiden, sie gehören zu den Zweiten.«

»Nein«, widersprach Ingrimmsch genüsslich; die Beile drehten sich unablässig in seinen Händen, als könnten sie es nicht erwarten, endlich gegen einen Gegner geführt zu werden. »Nicht mehr. Wir haben uns losgesagt, Dicker.«

Gemmil trat ins Blickfeld von Lorimbas. »Sie gehören nun zu uns, den Freien.«

Auf seinen Wink wurde der Wehrgang des ersten Bollwerks mit Zwergen gefüllt, die Schilde, Keulen, Äxte und andere Waffen bereithielten. Hier und da hievten sie große Felsbrocken auf die Zinnen, um sie im Fall eines Angriffs auf die Gegner zu werfen.

»Auf diesem Wall und dem Stück hinter der Mauer warten die Krieger aus Goldhort, dahinter die Krieger aus Gemmenschatz und viele weitere. Du wirst zehntausend Zwerge, fünf Wälle, Ost-Eisenwart mit seinen zwei Festungsmauern und neun Türmen überwinden müssen, um über die Brücke ins Reich der Ersten schreiten zu können.«

»Und mich.« Narmora trat an die Brüstung, über ihrer Robe einen roten Mantel tragend.

»Und mich, Rodario den Unglaublichen«, rief der Mime getragen, darauf achtend, in seinem phantasiereich gestalteten Maguskostüm besonders eindrucksvoll zu wirken, »der fast mit ebensolch schrecklicher Zaubermacht ausgestattet ist wie seine Mentorin, Narmora die Unheimliche.«

Tungdil wirbelte seine Axt um die eigene Achse. »So, mein guter Lorimbas, du kannst angreifen oder dir und deinen Männern das alles ersparen - die Steinkugeln und Bolzen, die magischen Angriffe, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. Zeig uns einfach die Waffe gegen die Avatare und erkläre sie uns.«

Der König ließ den Blick über die vielen Gesichter auf der hohen Mauer huschen. »Wir haben sie nicht dabei«, antwortete er grantig. »Wir wollten zuerst unser Reich besetzen und sichern.«

»Schön. Dann werden du und alle, die zu dir gehören, eben so lange warten müssen, bis wir uns von der Schlagkraft deiner Waffe überzeugt haben. Ich hoffe für euch, dass sie schnell nachfolgt, sonst werdet ihr bald erfroren sein.« Er wies nach rechts. »Da drüben findet ihr eine Höhle, es werden die Hälfte deiner Krieger hineinpassen. Dem Rest wünsche ich, dass er genügend Decken dabei hat.«

»Gelehrter, wie wollen wir erkennen, ob diese Waffe überhaupt etwas taugt?«, erkundigte sich Boïndil leise.

Tungdil grinste. »Siehst du, wie Lorimbas sich windet und mit den Augen rollt? Wie Salfalur am liebsten die Mauer hinaufspringen und mich in Stücke reißen würde?«

»Ja. Und?«, fragte Ingrimmsch begriffsstutzig.

»Was er sagen möchte, Bruder, ist, dass Lorimbas diese rätselhafte Waffe gar nicht besitzt«, übersetzte Boëndal mit der Genugtuung, dass die Entscheidung, Tungdil zu vertrauen und ihm zu folgen, die richtige gewesen war. »Du hattest Recht, Gelehrter. Lorimbas hat die Könige der Menschen, Elben und Zwerge betrogen.«

Unter anderen Umständen wäre ihm zum Jubeln zumute gewesen - wenn seinem Sieg nicht dieser schreckliche Beigeschmack anhaftete. »Das bedeutet, dass wir uns im Kampf gegen die Avatare nur noch auf Narmora verlassen können. Sie muss sie beschäftigen, bis wir unser Heer aus Unschuldigen aufgestellt haben. Wir müssen umgehend Boten zu den Zwergen und den Königshäusern senden, um sie von der neuen Lage zu unterrichten.«

»Die Waffe«, rief Lorimbas zu ihnen, »wird übermorgen da sein. Überstürzt nichts. Euch werden die Augen aufgehen.«

»Wir warten gern, wenn du uns die Rettung bringst«, gab Tungdil zurück und sprach zu seinen Freunden: »Sie werden angreifen, das steht fest. Sie werden die Frist dazu nutzen, eine Gemeinheit auszuhecken. Die Wachen sollen auf der Hut sein. Der Sturm wird kommen.«

Boïndil schlug die Beile aneinander. »Sollen sie kommen! Mein Herz wird schreien, dass ich Zwerge töte und ihr Blut vergieße, aber sie haben es nicht besser verdient. Vraccas wird mir vergeben.«

»Ihr Dritten!«, hallte Lorimbasʹ Stimme durch die kalte Luft. »Ihr Dritten, die ihr euch auf die falsche Seite begeben habt, wie du, Sanda Feuermut, ich beschwöre euch: Kehrt in den Schoß des Stammes zurück, und es werden euch all eure Fehltritte vergeben sein, bevor ihr noch größere Schuld auf euch ladet.«

»Eine neue List, Lorimbas?«, rief Tungdil. »Du wirst damit keinen Erfolg haben.« Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass Sanda unsicher zu Gemmil schaute, danach zu Myr, sich ansonsten aber ruhig verhielt. Er erinnerte sich an die warnenden Worte der Chirurga. »Zwei Sonnenumläufe, Lorimbas. Wir sind alle sehr gespannt, wie die Waffe aussieht, die göttergleiche Wesen zertrümmert.«

Er ging rückwärts, bis er sich sicher war, dass man ihn von unten nicht mehr sehen konnte. Narmora und die Zwerge zogen sich ebenfalls zurück. Er wusste noch immer nicht, ob er sich darüber freuen sollte, mit seinen schlimmsten Vermutungen Recht behalten zu haben. Eigentlich hatte er sich mehr gewünscht, Lorimbas mit einer Maschine zu sehen, die mit einem einzigen Schuss einen Avatar vernichten könnte.

Narmora kam zu ihm, sie schien seine Gedanken lesen zu können. »Was tun wir jetzt, Tungdil? Es sieht danach aus, als müssten wir schon bald an zwei Fronten kämpfen.« Ihre dunklen, fast schwarzen Augen richteten sich nach Westen. »Nach all den Umläufen, in denen sich scheinbar nichts ereignet hat, sind die Zeichen in den letzten Nächten schlimmer geworden. Die Avatare nähern sich.« Sie war froh, dass sie ihre kleine Tochter im Palast von Porista untergebracht hatte. In der Obhut der Amme Rosild war sie sicherer als hier, wenngleich sie und Furgas die Trennung schmerzte. Sehr schmerzte.