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»Wie viele bringst du uns zur Verteidigung?«, fragte Xamtys.

Lorimbas würdigte sie keines Blickes. »Es wird ausreichen, diese Wesen zu vernichten.« Mit Myr auf den Armen, begab er sich in die Mitte seiner Wachen und kehrte in die Reihen seiner Streiter zurück.

Dort, wo er ging, senkten sie die Waffen und Häupter vor der viel zu früh verstorbenen Prinzessin der Dritten.

V

Das Geborgene Land, das Königreich der Ersten,

Ostseite des Roten Gebirges,

6234. Sonnenzyklus, Frühwinter

»Wir bekommen sie nie wieder hier raus, wenn sie sich erst festgesetzt haben. Tausende von Dritten. In meinem Reich.« Xamtys klang immer noch beeindruckt. »Wir hätten sie niemals aufhalten können. Sie hätten jede Schlacht gegen uns gewonnen, denn im Umgang mit den Waffen sind sie besser als wir.«

Sie hatten sich in der Versammlungshalle getroffen, um eine Strategie im Kampf gegen die Avatare zu besprechen. Dass man gegen die Splitter eines Gottes einer besonderen bedurfte, wusste jeder von ihnen, nur welcher, das war nicht einfach zu entscheiden. Bei Bier und einem herzhaften Essen suchten sie nach einer Lösung.

»Ich jedenfalls bete, dass möglichst viele von ihnen gegen Avatare fallen«, sprach Boïndil seine Gedanken laut aus. »Wenn sie auf ein paar hundert zurechtgestutzt werden, sieht es gut für unsere Sicherheit aus.« Er nahm sich einen Humpen und zapfte sich von dem Gebräu, das schwarz aus dem Hahn des Fasses lief und einen sahnigen, weißen Schaum obenauf bildete.

»Es mag euch zu früh erscheinen, doch wir sollten nicht vergessen, auch einen Plan zur Eroberung des Schwarzjochs aufzustellen«, warf Boëndal ein. »Ich gehe davon aus, dass wir die Avatare besiegen. In der Zeit danach müssen wir uns um die geschwächten Dritten kümmern. Es wird selten jemals wieder eine so große Streitmacht aller Zwerge zusammengezogen werden. Sie dürfen die Tunnel des Tafelberges auf keinen Fall besetzt halten.«

Tungdil stimmte ihm zu. »Die Boten sind auf dem Weg zu Gandogar, Glaïmbar und Balendilín; sie werden allerdings einige Sonnenumläufe benötigen, bis sie mit ihren Kriegern bei uns sind. Dieser Übermacht werden dann aber selbst die Dritten nicht widerstehen können. Wir werden eine Einigung erzwingen.« Er betrachtete die Karte des Roten Gebirges, die vor ihm auf dem Tisch lag. »Doch zuerst steht uns der Tanz gegen die Avatare bevor.«

Xamtys nickte. »Ich habe fünftausend Soldaten mitgebracht.«

Tungdil blickte zu Furgas, Narmora und Rodario. »Wie weit seid ihr?«

»Mehr als zaubern kann ich nicht. Dazu bedarf es keiner weiteren Vorbereitung, und ich trage noch genügend Energie in mir«, antwortete die Maga. Es zahlte sich aus, dass sich die Zwerge nicht besonders auf Magie verstanden. Jeder Magus hätte sich gewundert, wie sie sich nach ihrem Einsatz gegen die Dritten den Avataren in den Weg stellen wollte, und das ohne Angst und ohne sich in die Magiefelder zu begeben, um neue Kraft zu schöpfen. Es war der Malachit, der ihr solches ermöglichte.

Furgas hatte Skizzen auf dem Tisch ausgebreitet. »Ich habe die Mehrzahl der Katapulte, die wir gegen die Dritten nicht mehr brauchen, von den Türmen abmontieren und nach West-Eisenwart schaffen lassen. Es gab genügend helfende Hände, sodass es schnell ging. Die Maschinen sind aufgebaut. Wir können den Himmel verdunkeln, wenn wir alle gleichzeitig abfeuern.«

»Sehr gut«, lobte ihn Tungdil. »Rodario? Nein, ich meine Rodario der Unglaubliche?«, verbesserte er sich rasch, ehe Protest aufkam.

»Danke, zu aufmerksam«, bedankte sich der Mime leicht säuerlich und erhob sich von seinem Platz, um eine einstudierte Rednerpose einzunehmen. »Ich bin bereit, als Lockmittel und Magusattrappe zu dienen und mir den Zorn der Avatare zu sichern, damit meine Mentorin, Narmora die Unheimliche, unbemerkt ihre Kraft bündeln und voll entfalten kann, in der die Avatare umkommen.« Er räusperte sich. »An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es mir durchaus eine Ehre ist, ein entbehrliches Mitglied in der Heldenriege zu sein, doch ich betone gleichermaßen, dass ich gern anbiete, meine Funktion an einen anderen abzutreten. Möchte jemand?« Niemand meldete sich. »Dachtʹ ich mirʹs doch«, murmelte er verkniffen und setzte sich. »Eine verdammte Nebenrolle habe ich und werde zudem noch mit dem Tode belohnt. Ich hoffe, dass das Geborgene Land sich meiner erinnert.«

»Du wirst es überleben, Rodario«, grinste Tungdil. »Wir werden dich alle auf der Bühne des Curiosums wieder sehen.«

»Und das Stück wird lauten: Wie Rodario der Unglaubliche die Welt rettete«, frotzelte Ingrimmsch und leerte seinen Humpen.

»Wenn du noch einen guten Witz brauchst, nimm den von dem Ork, der den Zwerg nach dem Weg fragt.«

»Und wie geht der?«, fragte Rodario.

Ihre Lagebesprechung wurde durch die Kunde unterbrochen, dass die Kontingente Lorimbas einrückten. Gemeinsam stiegen sie auf die Galerie, die im oberen Teil der großen Vorhalle verlief, und beobachteten mit gemischten Gefühlen, wie die Krieger der Dritten unter ihnen vorbeimarschierten.

Waffen starrend, in schwere Rüstungen gehüllt, schritten sie vorwärts, schweigend und mit finsteren Mienen. Sie entfachten ein lautes Scheppern, Klirren und Rasseln, begleitet vom dumpfen Geräusch ihrer Stiefel auf dem Fels. Einige der Abteilungen bestanden aus Kriegern mit tätowierten Gesichtern, der Elite der Dritten. Selbst auf die Entfernung spürten die Beobachter, dass sie unzufrieden waren, den Ort zu betreten, ohne ihn im Kampf erobert zu haben.

»Man könnte fast Angst vor ihnen haben«, fand Rodario, ein wenig aus der Fassung gebracht. »Sie sehen so grimmig aus, dass ich mich freiwillig ergeben würde, wäre ich ein Avatar.«

»Wie schade, dass du keiner bist«, meinte Ingrimmsch. Er zog die Nase hoch und spie aus; der Klumpen verfehlte einen der Tätowierten um Barthaaresbreite. »Seht sie euch an, die Zwergenhasser. Es fällt mir nicht leicht, mit ihnen zu kämpfen. Jedenfalls werde ich ihnen niemals den Rücken zuwenden.«

Tungdil riss sich von dem düsteren Anblick los. »Wir gehen auch nach Westen«, entschied er und legte den Zwillingen die Hände auf die Oberarme. »Kommt, Freunde. Bewahren wir das Geborgene Land vor Schaden. Auch ohne die Feuerklinge.«

Sie reisten mit den Loren durch das Reich der Ersten und erreichten nach kurzer Fahrt die Festungsanlage auf der anderen Seite des Roten Gebirges.

West-Eisenwart bildete das exakte Gegenstück zu der Schwesterburg am Osteingang. Xamtys hatte auch ihre Mauern nachträglich verstärken lassen, um sie weniger anfällig für die Last von Schnee und Eis zu machen. Zwei Mauern, neun Türme, ein einziger Zugang in das Rote Gebirge. Davor schlängelte sich eine breite und tiefe Schlucht, in der fünf Wälle als Sperren fungierten.

Es war ein seltsames Bild. Die Freien und Ersten besetzten gemeinsam die Wehrgänge. Wall für Wall gesellten sich die Krieger Lorimbasʹ hinzu.

Unterschiedlicher hätten die drei Zwergengruppen nicht sein können, und dennoch vereinte sie eine Absicht: der Schutz des Geborgenen Landes. Und so erwarteten sie die Ankunft des übermächtigen Feindes.

Tungdil stand wie vor wenigen Sonnenumläufen auf dem höchsten der Türme und überschlug die Zahl der Dritten. Wenn er sich nicht sehr verschätzte, waren es etwas mehr als 20000. Xamtys hatte Recht. Wir hätten sie niemals aufhalten können. Er richtete seine Augen auf die Schlucht und hielt Ausschau, ohne genau zu wissen, worauf er achten sollte.