»Du meinst, seine Rüstung hat ihn vor der Magie bewahrt?«, hakte Boëndal nach. Er hatte es zur gleichen Zeit wie Narmora verstanden, das konnte man am Gesicht der Maga ablesen. »Dann hatte Andôkai doch ein Mittel gegen ihre Macht gefunden?«
Narmora schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Warum hat sie es niemandem gesagt? Warum sollte sie es für sich behalten?«
»Um uns nicht zu enttäuschen, falls es nicht so gewesen wäre?«, schlug Rodario vor. »Es könnte doch sein, dass sie unseren Ritter absichtlich ausschickte, um mit ihm eine Probe zu unternehmen, bevor sie uns davon berichtete.«
»Du kanntest die Maga schlecht. Niemals hätte sie Djerůns Leben leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Er geriet durch eine Fügung in die Hände der Avatare, nicht weil es sein Auftrag war«, widersprach Narmora. Sie bedeutete Tungdil, von ihrem Leibwächter zurückzutreten, dann hob sie die Arme und bereitete einen Zauber vor. »Wir werden gleich sehen, ob es die Rüstung war, die ihn vor ihrer Macht bewahrte.« Sie gab einen kurzen Laut von sich, um Djerůn auf das Kommende vorzubereiten, und öffnete den Mund.
»Ho, du wirst doch nicht hier im Zelt...«, wollte Ingrimmsch protestieren, doch sie scherte sich nicht um Widersprüche.
Ein Flämmchen aus dem Leuchter über dem Kartentisch löste sich vom Docht, flog in ihre geöffneten Hände und färbte sich darin rubinrot. Es wuchs und vergrößerte sich, bis es den Umfang eines Kopfes erreichte, dann zischte es gegen die breite gepanzerte Brust.
Zischend zerbarst es daran und hüllte Djerůns Oberkörper in Feuer; gleichzeitig glühten die Runen auf, und das Inferno erlosch auf der Stelle. Djerůn wankte nicht einmal.
»Nun mit etwas mehr Macht«, murmelte sie und hob den rechten Arm, woraufhin sich sämtliche Flammen im Zelt zwischen ihren Fingern sammelten und zu einem heißen Feuerball vereinigten, den sie gegen ihn schleuderte.
Wieder verschwand der Koloss in dem Angriff, dieses Mal ging er durch die Wucht des Aufpralls in die Knie, doch nachdem die Lohe erstarb, erhob er sich und knurrte etwas.
»Er sagt, er spürt die Wärme, doch sie vermag ihm nichts anzuhaben«, übersetzte sie, völlig außer Fassung geraten. Ein Zeichen ihres Fingers genügte, und die Dochte entfachten sich von selbst, das Licht kehrte ins Zelt zurück. »Damit niemand denkt, ich hätte ihn geschont, sei euch allen gesagt, dass ich mit diesem Feuer Eisen zum Schmelzen bekomme.« Narmora trat zu ihm, betrachtete kopfschüttelnd seinen Harnisch und legte die Hand darauf. »Er ist warm, mehr nicht. Und die Runen schimmern ein wenig nach.« Sie wandte sich an die Zwerge. »Ich bin mir sicher: Balyndis hat ihm einen Panzer angefertigt, der nicht nur gegen herkömmliche Waffen taugt.«
Tungdil stieß erleichtert die Luft aus. »Vraccas, einmal mehr gibt uns die Kunst, die du in unser Blut legtest, die Möglichkeit, das Geborgene Land zu schützen. Wir danken dir.« Er ließ sich auf Knie herab und bedankte sich mit einem lauten Gebet; die anderen Zwerge bis auf Lorimbas fielen ein.
Er wird aber nicht erscheinen, um euch vor mir zu retten. Abschätzig glitten die dunkelbraunen Augen des Dritten über die geneigten Häupter, die er am liebsten von den Hälsen geschlagen hätte, doch das durfte er nicht. Noch nicht.
Tungdil erhob sich als Erster. »Wir müssen Balyndis herschaffen, so schnell wie möglich«, sagte er laut und erleichtert, einen Hoffnungsschimmer gefunden zu haben. »Senden wir ihr eine Nachricht, dass wir die Rezeptur von Djerůns Rüstung benötigen.« Es scheint mein Fluch zu sein, ihr immer wieder begegnen zu müssen.
»Am besten schmieden wir gleich zehntausend Stück davon, um uns vor den Avataren zu schützen«, sagte Boëndal, die Hand auf seinen Krähenschnabel gestützt. »Ich bin gewiss kein Feigling, doch ich denke, dass wir ohne diesen Schutz erst gar nicht gegen sie ins Feld ziehen brauchen. Bedenkt, wie viele Überlebende es bislang gab.«
Tungdil sandte sogleich vier Boten in Richtung des Grauen Gebirges, damit Balyndis ihre Nachricht auch sicher erhielt. »Wir sehen uns morgen das Schwarzjoch an, danach entscheiden wir, was wir tun«, empfahl er. »Mir wäre es auch lieber, wenn wir die Rüstungen schon hätten, doch unter Umständen müssen wir vorher angreifen.« Er deutete auf die Karte, auf der Dsôn Balsur drohend mit dicken, schwarzen Strichen eingezeichnet war. »Wenn sie die Albae vernichten, wächst ihre Kraft, weil sie ihre Macht aus dem Bösen ziehen, das sie vernichten. Wer weiß, ob die Rüstungen dann noch halten.«
»Aber es gibt Hoffnung«, freute sich Ingrimmsch. »Ho, was werde ich den Avataren meine Beile um die Ohren dreschen, wenn ich erst einmal in dem feinen Eisenkleid stecke! Die ersten zehn gehören mir, damit das klar ist.«
»Es sind nur elf Avatare«, machte ihn sein Bruder aufmerksam, und die anderen lachten.
Boïndil bleckte die Zähne und prostete ihm zu. »Na und? Ich kann nichts dafür, dass sie nicht für alle reichen.«
Die gute Laune des Abends wollte angesichts des Tafelbergs, den sie am Nachmittag des folgenden Sonnenumlaufs erreichten, nicht lange vorhalten.
Als sie sich dem Schwarzjoch auf Sichtweite näherten, sahen sie, dass die dunklen Wolken am grauen Winterhimmel keine Schneewolken, sondern Rauchschwaden waren. Und woher sie kamen, war bald offensichtlich.
Der Berg mit dem abgeschnittenen Gipfel brannte lichterloh.
Das Feuer schlug nicht aus einzelnen Spalten oder Öffnungen, nein, der ganze Fels stand in Flammen. Der Qualm verdunkelte die Sonne, trübte die helle Scheibe und machte den Tag zum Abend. Krachend platzten große Stücke des Jochs ab und stürzten in den Staub; rund um den Berg war die einst winterliche Erde ausgedörrt. Die Lohen schossen höher und höher und schienen die Sonne selbst entzünden zu wollen.
»Ich hätte niemals geglaubt«, presste Xamtys hervor, »dass ich so etwas sehe.«
»Wie geht das an, Maga?«, fragte Ingrimmsch ungläubig. »Haben die Avatare den Granit in Kohle verwandelt?«
Narmoras Augen wurden schmal. »Es ist eine Warnung«, sagte sie. »Eine Warnung an alle, die ihnen folgen. Eine Zurschaustellung ihrer Kräfte.«
»Wie soll ich das auf der Bühne hinbekommen?«, seufzte Rodario, und Furgas zuckte mit den Achseln.
Tungdil schulterte seine Axt. »Sehen wir uns aus der Nähe an, was sie angerichtet haben.«
Und die Avatare hatten Gewaltiges angerichtet.
Im Umkreis von 500 Schritten um den Tafelberg ging der Schnee in Matsch über. Nach weiteren 300 Schritten wurde der Boden trockener, so wie an einem Sommertag, und die Füße des Zwergenheeres wirbelten Staub auf.
Näher als 250 Schritte gelangten sie nicht an das Schwarzjoch heran, denn einem herabstürzenden Felsen war auf die kurze Entfernung nicht mehr auszuweichen. Gelegentlich entdeckten sie in dem Staub die Reste von Äxten und Keulen, hier und da lagen verbrannte Gebeine und zu verformten Klumpen gewordene Rüstungsteile, in denen die verkohlten Überreste ihrer Träger eingebacken waren. Mehr war von den Bewachern des Tafelberges nicht geblieben.
Lorimbas hatte den Blick auf die unvorstellbare Zerstörung gerichtet, Tränen funkelten in seinen Augen. »Für euch mögen es nur Dritte gewesen sein, die im Feuer umkamen«, sprach er leise, mühsam beherrscht. »Für mich aber sind Freunde gestorben, deren Tod nach Rache verlangt.« Der Kampf gegen die Avatare bekam für ihn und seine Krieger unversehens eine schrecklichere, persönliche Dimension. Die Flammen des Schwarzjochs setzten die Herzen der Dritten in Brand.
»Aussichtslos«, murmelte Rodario und scharrte mit der Stiefelspitze im pudrig grauen Staub. »Ohne die Rüstungen hat es keinen Sinn, gegen sie zu ziehen. Oder sieht das jemand anders?«
»Es wird uns vielleicht keine Wahl bleiben, um sie zu beschäftigen«, antwortete Lorimbas düster und besah sich die breite Spur, welche die Avatare auf ihrem Weg nach Norden hinterlassen hatten. Ein 100 Schritt breiter, schneefreier Streifen aufgewühlter Erde wies ihm und den anderen die Richtung, in die sich die Eindringlinge gewandt hatten. Dann bückte er sich und hob einen Axtkopf auf; die Reste des verbrannten Stiels steckten noch darin. »Goldhand hat Recht. Wir müssen sie aufhalten, ehe sie Dsôn Balsur erreichen und die Albae vernichten. Noch mehr Macht dürfen wir ihnen nicht geben.«