Krummhörner ertönten und spielten heitere Melodien, dazu wurden Trommeln geschlagen, und der Rhythmus fuhr selbst Ingrimmsch in die Beine. Mit leuchtenden Augen und einem Humpen Bier in der Hand verfolgte er das ausgelassene Treiben. Es tat ihm gut, einmal nicht an den Kampf oder seinen Bruder im fernen Roten Gebirge zu denken, auch wenn die Ablenkung nur kurz währen würde.
»Sie tanzen sich die düsteren Erlebnisse von der Seele«, sagte eine Stimme neben Tungdil, der sich gerade mit Balyndis unterhalten wollte. Er erkannte Balendilín neben sich.
»Es sei ihnen gegönnt, findest du nicht?« Das Gesicht des neuen und doch alten Königs der Zweiten wies viele Falten und Furchen auf, und die braunen Augen blickten voller Sorge. »Dir täte es auch gut«, empfahl Tungdil.
Balendilín lachte leise und fuhr sich durch den Bart. »Ja, in der Tat. Und da mir die Orks nur einen Arm und kein Bein genommen haben, suche ich mir später eine Zwergin und werde wie ein Jungzwerg bei seiner Volljährigkeitsfeier herumspringen.«
»Was bedrückt dich?«, erkundigte sich Tungdil. »Gibt es Nachrichten, die uns die Freude verleiden?«
»Es gibt keine Nachrichten«, seufzte er und schaute zu Boïndil, darauf achtend, dass der Zwilling nichts von ihrem Gespräch mitbekam. »Das ist es, was mich beunruhigt. Wir haben seit einigen Umläufen keine Botschaft mehr aus dem Roten Gebirge erhalten. Das kann an den eingestürzten Tunneln liegen.«
Ein unausgesprochenes »aber«, die verschwiegene Möglichkeit, dass es etwas anderes sein könnte, schwang in seinem Tonfall mit.
Balyndis vernahm die Worte sehr genau, und da sie zu den Ersten gehörte, wurde sie unruhig.
»Ich weiß, was du meinst. Du denkst daran, dass Nôdʹonn vor einer Gefahr aus dem Westen warnte.« Sie schaute abwechselnd in die Gesichter der beiden Zwerge. »Aber West-Eisenwart ist sicher. Nichts kann die Tore passieren, wenn unsere Clans es nicht wollen«, sagte sie, auch um die Ängste um ihre Familie zu beschwichtigen.
Tungdils ungutes Gefühl flammte auf, er fasste ihre Hand. »Du hast Recht. Die Ersten sind auf jede Bedrohung vorbereitet.« Sie wusste, dass er log, und war ihm dennoch dankbar dafür.
Alle drei schwiegen und dachten daran, wie sehr der abtrünnige Magus, der über eine Macht wie sonst niemand in allen Elben-, Menschen- und Zwergenreichen verfügt hatte, der sämtliche Zauberkundigen bis auf Andôkai vernichtet hatte und sich lediglich der Feuerklinge hatte beugen müssen, sich vor der drohenden Gefahr aus dem Westen gefürchtet hatte.
»Königin Xamtys wird morgen zurückreisen«, erzählte Balendilín ihnen. »Ihre Sorge ist ebenso groß wie die meine.«
»Dann heißt es für uns morgen gleichermaßen Abschied nehmen«, entschied Tungdil und drückte die Finger der Zwergin, um sie zu beruhigen. »Wir begleiten sie. Je eher wir bei den Ersten sind und die Clanführer, die von dort mit uns nach Norden ziehen wollen, ihr Leute versammeln, desto besser.«
Seine Erklärung war ein Vorwand. Die Feuerklinge leistete gegen Nôdʹonn hervorragende Dienste, und er rechnete fest damit, dass die diamantenbesetzte Schneide auch gegen andere Ausgeburten des Bösen wirkte. Sollte sich das Zwergenreich von Xamtys wirklich in Bedrängnis befinden, wären er und seine Axt genau an der passenden Stelle.
Balyndis gab ihm einen verstohlenen Kuss, ihre braunen Augen sprachen Bände.
»Ich weiß, worüber ihr redet.« Ingrimmsch gesellte sich zu ihnen. »Es geht etwas im Westen vor. Und erzähle mir keiner, ihr denkt nicht genauso.«
»Woher willst du denn...«, begann die Schmiedin, doch Ingrimmsch fiel ihr ins Wort.
»Es war dieses... Ding, das vom Himmel stürzte.« Er nahm einen Schluck Bier; dunkel rann ein Tropfen von seinen Lippen in den staubigen Bart und gesellte sich zu dem Schmutz der Reise. »Seit jenem Abend am Schwarzjoch habe ich das seltsame Gefühl, dass etwas mit meinem Bruder geschehen ist.« Er redete so leise, dass sie ihn wegen des Lärms und der Musik kaum verstanden. »Wir sind Zwillinge. Jeder von uns fühlt, wie es dem anderen ergeht.«
Balyndis wollte nicht fragen, aber ihre Lippen bewegten sich von selbst, sie hörte sich selbst sprechen und verfluchte ihre Neugier. »Und was fühlst du seit diesem Abend?«
Ingrimmsch spülte sich die Kehle mit einem tiefen Schluck frei. »Es ging ihm lange Zeit gut, im Roten Gebirge muss er zu Kräften gekommen sein.« Er stellte den leeren Humpen ab und fuhr sich über den Mund, um den weißen Schaum mit dem Handrücken abzuwischen. »Aber seit der Stern fiel, spüre ich nichts mehr.« Er schluckte. »Nichts außer Kälte.«
»Bei Vraccas!«, entfuhr es ihr erschrocken.
Tungdil packte den Krieger bei den Schultern, die Finger legten sich auf das kühle Kettenhemd. »Aber warum hast mir davon nicht eher berichtet?« Er machte sich Vorwürfe, nicht bei der Anspielung des Freundes nach der Schlacht aufgehorcht zu haben.
»Was hätte es gebracht? Wir mussten zuerst die Schweineschnauzen vernichten, auch wenn jede Faser in mir nach Boëndal schrie. Wir haben unsere Aufgabe erfüllt, und deshalb kann ich dir jetzt sagen, was mir schlaflose Nächte und finstere Umläufe bereitet.« Er zog die Mundwinkel nach unten. »Schon bald werden wir sehen, was mein Gefühl zu bedeuten hat.« Er nahm den Humpen, nickte ihnen zu und verschwand in der Menge, um sich ein frisches Bier zu holen, mit dem er seine Sorgen ertränken könnte.
Balendilín sah ihm hinterher. »Nicht immer ist Gewissheit das Bessere. Hoffen wir, dass sich seine Sinne täuschen«, sagte er leise und legte Tungdil die Hand auf den Arm. »Wenn ihr noch etwas braucht, so lasst es mich wissen. Die Orks haben nicht all unsere Vorräte plündern können, und wir finden sicherlich noch genügend getrocknete Pharupilze, eingelegtes Kamla-Moos und Käse, um eure Mägen unterwegs zu versorgen.« Er warf Balyndis einen aufmunternden Blick aus seinen braunen Augen zu.
Tungdil zögerte nun nicht länger, Balendilín und der Zwergin vom Entseelten Wald zu erzählen. »Die Orks verschwanden darin«, schloss er seinen Bericht. »Womöglich übt das Tote Land seine Anziehungskraft auf sie aus und sammelt so die letzten Treuen.«
»Um was zu tun?«, rätselte der König der Zweiten. »Sie müssten sich ein besseres Versteck suchen, wie die Höhlen Toboribors. Du hast den Wald als recht klein beschrieben. Wo finden sie Nahrung? Und wenn sie aus dem Schutz der Stämme treten, werden sie von König Brurons Männern empfangen.«
»Schon«, räumte Tungdil ein. »Ich weiß auch nicht, was sie dort tun, außer dem Wahnsinn anheim zu fallen. Ich würde das Geheimnis erkunden, aber das Graue Gebirge erwartet mich.«
Balendilín nickte und wandte sich zum Gehen. »Lass die Menschen die Orks vernichten. Sie sind der Aufgabe gewachsen, und deine duldet keinen weiteren Aufschub mehr.« Der Zwerg verließ sie.
Balyndis seufzte. »Weißt du, ich habe geglaubt, dass mit dem Tod des Magus das Böse geschlagen sei, doch es scheint, als wollte uns Vraccas ein weiteres Mal prüfen.«
Tungdil lächelte, seine Linke fuhr ihr zärtlich über die Wange. Er spürte die feinen Härchen, wie sie alle Zwerginnen im Gesicht trugen, und die mit dem Alter immer dunkler und deutlicher zu erkennen waren. »Ich bin sehr glücklich, dich zu sehen. Ich habe von dir geträumt, als wir unterwegs waren. Jede Nacht. Jeden Sonnenumlauf.« Er bemerkte, dass sie eine neue Kette um den Hals trug. Sie bestand aus kunstvoll geschmiedeten Eisenplättchen, die mit winzigen Goldkügelchen besetzt waren. Es gab keinen Zweifel daran, dass sie den Schmuck selbst hergestellt hatte.
»Oh, dann warst du nicht so erschöpft wie ich«, grinste sie und beobachtete das Dutzend Zwerge, die einen sehr würdevollen, langsamen Tanz darboten, der die harte Arbeit in den Minen darstellen sollte. »Mir blieb keine Gelegenheit, um von dir zu träumen. Kaum legte ich mich zur Ruhe, schlief ich ein. Wir haben die Essen angefeuert und von morgens bis abends geschmiedet. Meine Arme müssen doppelt so dick geworden sein. Die Orks haben so viele Dinge beschädigt, dass ich die nächsten einhundert Zyklen an den Hochöfen und Ambossen der Zweiten verbringen könnte.«