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Shanamil deutete eine Verbeugung in seine Richtung an. »Meinen Dank für Eure Tat, Herr Zwerg. Einst hättet Ihr auf dem Leichnam eines Elben getanzt, anstatt seinen Tod zu rächen.« Ihre grauen Augen blickten ihn auf eine solch grundehrliche Weise an, dass er nicht anders konnte, als die Waffe zu senken.

»Es sind Elben aus Âlandur«, sagte er leise zu Gisgurd. »Ich täusche mich nicht.« Sie betrachteten die ledernen Rüstungen, die Waffen, die schlanken, allzu schönen Gesichter, auf denen sich kein Hinweis auf eine Lüge fand, und entspannten sich.

»Gut, ihr seid von Liútasil geschickt«, ließ sich schließlich auch Gisgurd überzeugen. »Aber ihr werdet nicht vermeiden können, dass sich unser Misstrauen erst legt, wenn die ersten Strahlen der Sonne über die Ebene wandern und wir an euren Augen erkennen, ob ihr zweifelsfrei Elben und keiner eurer schrecklichen Verwandten seid.«

Die Elbin blieb gelassen. »Ich nehme es Euch nicht übel, dass Ihr mich so behandelt. Ich würde den Albae eine solche List zutrauen. Sie würden sich in Euer Vertrauen schleichen, Euch in Sicherheit wiegen und Euch dann heimlich, einem nach dem anderen, die Kehlen aufschlitzen.« Sie winkte ihre Begleiter herbei, die sich rings um sie niederließen. »Nein, ich nehme es Euch wahrlich nicht übel. Es wird Zeit, dass wir die Albae restlos vernichten und der letzte Funke des Zweifels bei einem nächtlichen Zusammentreffen mit Elben in Zukunft nicht mehr notwendig sein muss.« Ihre Hände wanderten an die Trinkflasche. »Ihr wusstet, wohin Ihr geht?«

Gisgurd setzte sich, Bundror und Gimdur taten es ihm nach. »Wir wussten, dass wir das Heer finden, wenn wir in die Richtung gehen, wo die Sonne am höchsten steht. Sind wir richtig gelaufen? Sich in einem Stollen zurechtzufinden ist einfacher.«

»Sperrt mich unter der Erde ein, und ich würde den Ausgang niemals finden«, lächelte sie ihn an und zeigte ihm weiße, ebenmäßige Zähne.

Für ihn war sie so hübsch, dass es seinen Widerwillen erregte; es tat ihm in den Augen weh, und so fand er sie beinahe abstoßend. Das rührte vermutlich daher, dass ihre Göttin neben Tau und reiner Erde auch Licht verwendet hatte, um sie zu erschaffen. Helles Licht und Zwerge passten nicht zusammen. Nein, Freundschaft würde er niemals mit den Elben schließen. Aber wenigstens machte sie auf ihn keinen allzu überheblichen Eindruck wie andere ihrer Rasse, was er ihr denn auch unverblümt sagte.

»Nun, ich versuche, mich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Um ehrlich zu sein«, sie packte ein Stück Brot aus ihrer Vorratstasche am Gürtel und aß davon, »ich habe damit gerechnet, eine Horde stinkender, besoffener Unterirdischer vorzufinden, aber stattdessen stoße ich auf eine Abteilung disziplinierter Krieger, die äußerst wachsam sind.« Shanamil zwinkerte. »Auch wenn Ihr keine Posten aufgestellt habt.« Sie verzehrte ihre Ration, und auch ihre Begleiter stärkten sich. »Wer ist eigentlich Balyndis Eisenfinger?«, fragte sie plötzlich. »Ihr seid es gewiss nicht, Herr Zwerg.«

Bundror prustete los. »Nein, er ist sie nicht«, meinte er und erzählte, wie die Gruppe um Tungdil Goldhand mitsamt den Kriegerzwillingen ausgezogen war, um unter großen Strapazen die Feuerklinge im Grauen Gebirge inmitten von grimmigen Feinden zu schmieden.

»Haben sie dabei auch gegen Albae gekämpft?«, hakte sie nach.

»Von Anfang an«, nickte der Zwerg und berichtete in ausschmückenden Worten, wie Tungdil und seine Freunde in Grünhain, noch bevor der Zug gen Norden begann, die erste Albin besiegt und später auch ihre Erzfeinde Sinthoras und Caphalor getötet hatten. »Es müssen die gefährlichsten Albae Dsôn Balsurs gewesen sein«, schloss er seine Erzählung.

Die Elbin applaudierte, und die Zwerge um sie herum, die den Worten Bundrors gebannt gelauscht hatten, fielen mit ein. »Ihr seid ein hervorragender Erzähler«, lobte sie ihn. »Es wird nicht mehr lange dauern, und die Kämpfe gegen die Albae gehören der Vergangenheit an.«

»Schade«, murmelte Gisgurd und erntete damit leises Gelächter seiner Begleiter.

Gimdur kratzte sich in seinem dichten, schwarzen Haar. »Wo wir gerade bei der Märchenstunde sind... Kannst du uns sagen, wie die Albae entstanden sind?«

Shanamil nickte, schlug die Beine übereinander und betrachtete der Reihe nach die Zwerge, die ihr trotz des hohen Alters, der Bärte und der zerfurchten Gesichter wie kleine Kinder vorkamen. Dann hob sie an zu erzählen.

»Elria die Hilfreiche, die Göttin des Wassers, hatte eine Tochter, Inàste.

Inàste sah, welch schöne Pracht Sitalia aus Licht, reiner Erde und Morgentau entwarf, und wollte es ihr gleichtun. Daher nahm auch sie Morgentau, Licht und reine Erde, um eine neue Art Elben zu schaffen.

Aber Palandiell, die Mutter von Sitalia, nahm diese neuen Elben an sich, um sie zu vernichten, damit nichts die Schöpfung ihrer Tochter übertraf.

Inàste beschwor ihre Mutter Elria, dies zu verhindern, aber sie tat nichts dagegen. Daraufhin kam es zu einem Streit. Inàste schwor Palandiell und Elria ewigen Ungehorsam und vermählte sich mit Samusin.

Sie gebar einen wunderschönen Sohn, der einem Elb vollkommen glich, doch er trug die gleiche Wut und den gleichen Hass gegen Palandiell und Elria in sich, den Inàste noch immer verspürte.

Sie nannte ihn Alb, gab ihm Waffen und ließ ihn mitten unter die Elben.

Er wütete so sehr gegen unser Volk, dass Palandiell ihn packte und über die Berghänge des Nordpasses warf, wo er sich mit den Geschöpfen Tions verbündete und vermehrte.

Dort wartete er geduldig auf den Sonnenaufgang, an dem er zurückkehren und gegen die Elben kämpfen durfte. Und so wurden er und seine Nachkommen zu den innigsten Dienern des Toten Landes, beseelt von dem Wunsch, die Elben zu vernichten.«

Niemand klatschte.

Nicht, weil den Zwergen die Geschichte nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil. Die Worte der Elbin hatten sie zusammen mit der singenden, sanften Stimme völlig in den Bann gezogen; sie schwiegen und warteten, dass Shanamil weitersprach, was sie aber nicht tat. Sie senkte den Kopf und schwieg ebenfalls.

»Dann«, sagte Gisgurd schließlich und räusperte sich, »sind Inàste und Samusin schuld, dass dieses Übel in die Welt gesetzt wurde.«

»Oder alle, die an dem Zwist beteiligt waren.« Bundror schüttelte den Kopf, dass der Bart hin und her flog. »So hätte Vraccas sich niemals benommen. Er hätte gewusst, dass Schlechtes aus einem Streit erwächst.«

»Es ist nur eine Legende«, erinnerte sie Gimdur. »Auch wenn sie schön anzuhören ist, haben die Albae vermutlich eine ganz andere Erklärung, die alle Schuld an dem Hass auf die Elben abwälzt.« Er blickte zu ihren Gästen. »Oder?«

Shanamil blieb ungerührt. »Es ist die Legende, wie sie mein Volk erzählt, und ich glaube sie, so wie Ihr daran glaubt, dass Vraccas Euch aus dem härtesten Granit schlug«, erwiderte sie. »Es ist richtig, dass Ihr so erschaffen wurdet. Eure Kampfkraft und Ausdauer werden wir gut gebrauchen können«, fuhr sie fort, um weitere Streitgespräche gar nicht erst aufkommen zu lassen. »Habt Ihr denn vielleicht die Helden in Euren Reihen, von denen Ihr berichtet habt?«

»Tungdil?« Bundror lachte auf. »Nein, er hat Wichtigeres zu tun, als den finsteren Spitzohren...« Er verstummte, weil er das Schmähwort benutzt hatte, kniff die Augen zusammen und betrachtete das Antlitz der Elbin. »Hast du was dagegen, wenn ich die Albae Spitzohren nenne?«, erkundigte er sich und verstand ihr Grinsen als Ermunterung.

Gimdur brummte. »Na, so weit geht der Neuanfang nicht, als dass ich meine Feinde schon nicht mehr beleidigen dürfte, weil sie zufällig verwandt mit unseren Verbündeten sind«, grummelte er vor sich hin und suchte seine Pfeife, um sie zu stopfen.