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»Gut«, begann Bundror von neuem. »Während wir entsandt wurden, um dir und den Menschen gegen die verdammten Spitzohren Inàstes...« - er genoss es sichtlich, die abfällige Bezeichnung zu gebrauchen und sein erlangtes Wissen dabei einfließen zu lassen - »beizustehen, reist er nach Norden. Ins Graue Gebirge.«

»Wie schade«, meinte Shanamil. »Ich hätte ihn gern kennen gelernt. Nun, wenn mein Volk einen Krieger mit einer solch außergewöhnlichen Waffe hätte, würde es ihn auch dorthin schicken, wo er am dringendsten gebraucht würde.«

»Eben.« Gimdur brachte den Tabak mit einem glühenden Span zum Glimmen; dunkelblaue Qualmwolken stiegen in die Luft. »Er wird den Steinernen Torweg schließen und das Reich der Fünften mit neuem Leben füllen.«

»Allein? Dann muss er ein sehr breites Kind des Schmieds sein«, staunte die Elbin, was die Zwerge zum Lachen brachte.

»Aber nein. Die Besten der Zweiten, Ersten und Vierten werden ihn begleiten«, schmatzte Gimdur paffend. »Ihn und seine Freunde.« Die feuchte Spitze der Pfeife zielte auf Shanamils Körpermitte. »Glaub mir, durch das Graue Gebirge wird kein einziges Scheusal mehr gelangen. Unser Volk hält die Wacht.«

Gisgurd stand auf. »Ich will nicht unhöflich sein, Elbin, doch meine Leute müssen nun ruhen.« Er stellte ein Dutzend Zwerge ab, die sich rings um ihr behelfsmäßiges Feldlager verteilten und die Schläfer mit Schilden und Äxten vor Angreifern beschützten. Es hatte ihm gereicht, einmal von den Elben überrascht worden zu sein.

»Sicher, denn es stehen Euch morgen einige Meilen bevor«, stimmte sie unverzüglich zu. »Wir werden, wenn es Euch Recht ist, ebenfalls hier rasten. Von mir aus lasst uns bewachen, sollte Euer Misstrauen uns gegenüber nicht verschwunden sein.« Sie legte sich auf die Seite, das Gesicht zum Feuer gewandt. Eine rasche Bewegung, und ihr Mantel legte sich über ihren Körper und diente ihr als einfache Decke. »Wir sind Kundschafter und gewohnt, auf blanker Erde zu liegen.« Ihre Begleiter bereiteten sich ebenfalls auf den Schlaf vor.

»Sie sind kein bisschen anspruchsvoll«, raunte Bundror ihrem Anführer zu. »Hätte mir einer von unseren Leuten gesagt, dass Elben auf dem nackten Boden schlafen, ich hätte es ihm nicht abgenommen.«

»Und was hast du erwartet?« Gisgurd griente. »Bestickte Brokatdeckchen und duftende Samtkopfkissen?«

»Die haben wir in unserem Lager gelassen«, sagte Shanamil laut, die die gedämpfte Unterhaltung sehr wohl verstanden hatte, und zwinkerte ihnen zu. »Zusammen mit den Himmelbetten.« Sie schloss die Augen, behielt das Lächeln jedoch auf den Lippen.

»Verdammt«, ärgerte sich Bundror. »Ich hatte vergessen, dass sie nicht nur spitze, sondern auch gute Ohren haben.«

*

Stunden vergingen. Der Mond schwebte an seiner höchsten Stelle, beschien die ruhenden Zwerge mit sanftem Schimmer und machte aus ihnen silberne Statuen.

Bundror schreckte aus seinem Schlummer, ein böser Traum raubte ihm den erholsamen Schlaf und ließ ihn stöhnend erwachen.

Die Bilder der Nacht gaukelten ihm vor, in einen Kampf mit den Albae geraten zu sein. Die Übermacht vernichtete einen Freund nach dem anderen; eben noch hatte er einem der Feinde gegenüber gestanden und dessen Schwert auf seinen ungeschützten Hals zurasen sehen, als ihn sein Verstand vor dem eingebildeten Gefühl bewahrte, indem er ihn weckte.

Sein Herz raste; er fuhr sich über die Stirn und das Gesicht, um festzustellen, dass sich Schweiß auf der Haut gesammelt hatte und von dort in seinen dichten Bart sickerte.

Es muss die Nähe zu Dsôn Balsur sein, versuchte er eine Erklärung zu finden, denn zu Hause, im Reich der Vierten, plagten ihn derlei Hirngespinste nicht.

Er schob die Decke von sich und setzte sich auf. Hier und da flackerten die letzten Flämmchen der Feuer, die Zwerge lagen ruhig da und schliefen sich aus. Scheinbar bin ich der Einzige, der unter Albträumen leidet. Bundror erhob sich, nahm seine Axt und stapfte die schmale Gasse zwischen den Leibern entlang, um sein Wasser abzuschlagen.

Einige Schritte vom Lager entfernt suchte er sich einen Busch, an dem er sich erleichtern wollte, und bald plätscherte Zwergenwasser ins Unterholz.

Da überkam ihn ein eigenartiges Gefühl.

Vieles, was man über Zwerge sagte, stimmte nicht, einiges wiederum doch. Wie zum Beispiel, dass sie in tiefstem Schlaf sehr laut atmeten. Was die Menschen Schnarchen nannten und die Elben vermutlich niemals taten, gehörte bei der überwiegenden Mehrheit seines Volkes dazu wie das Schlucken beim Essen.

Er runzelte die Stirn und lauschte, doch außer den Geräuschen seines künstlichen Regens, der gegen die Blätter prasselte, dem ledernen Knarren seiner Stiefel und dem metallischen Reiben des Kettenhemds vernahm er nichts. Kein Husten, kein Schmatzen, nicht einmal das bekannte und vertraute Schnarchen.

Die Falte über seinen Augen wollte nicht mehr schwinden, und sobald er seine Notdurft verrichtet hatte, zog er die Axt und blickte sich aufmerksam um, ob sich etwas entdecken ließe, das ihm die unmögliche Lautlosigkeit erklärte.

Er packte den Stiel fester und pirschte sich nach links, wo er einen der Wächter stehen sah. Der Zwerg beobachtete, leicht vorn übergebeugt, die mondhelle Ebene und bewegte sich nicht; sein offenes Haar wehte im Wind.

»Hast du etwas Ungewöhnliches bemerkt?«, sprach Bundror ihn an. »Die anderen sind so still, dass ich jedes noch so geringe Geräusch höre, als würde es hundertfach verstärkt.« Der Wächter wandte sich nicht zu ihm um. »Es ist schön, dass du deinen Auftrag so ernst nimmst, dennoch ist es mehr als unhöflich, mir den Rücken zu zeigen.« Er umrundete ihn und fuhr mit einem derben Fluch zurück, die Axt in die Höhe reißend.

Der Wächter stand nicht aus eigener Kraft.

Jemand hatte ihm einen dicken Ast unter dem Kettenhemd hindurch in die Brust gerammt und ihn aufgespießt wie ein Huhn. Das blutgetränkte Holz gab dem Leichnam den notwendigen Halt und verhinderte, dass er zu Boden fiel und somit Aufmerksamkeit erregte. Die toten Augen starrten auf die Erde, das Gesicht war eine Grimasse des Schreckens; der Zwerg musste vor seinem Tod Grauenvolles gesehen und erlitten haben.

Da es nicht nach Orks stank, blieb nur eine Möglichkeit: Albae! Bundror packte den Schild und trommelte mit aller Kraft dagegen, um die übrigen Schläfer zu wecken und zu den Waffen zu rufen.

Doch sie blieben liegen und scherten sich nicht um die dröhnenden Töne. Selbst die Elben rührten sich nicht.

»Aufgewacht, ihr...« Das Entsetzen schnürte seine Kehle zu, da ihn eine schreckliche Ahnung befiel.

Er rannte zu dem nächstbesten Zwerg und rüttelte an dessen Schulter, drehte ihn von der Seite auf den Rücken und schrie auf. Der Körper bewegte sich zwar, doch der Schädel des Unglücklichen verharrte sauber abgetrennt auf der Erde; sogar der Bart war mit abgeschnitten worden. Bundror bemerkte die riesige Lache Blut, die im Mondenlicht schwarz wie Pech wirkte.

»Gib dir keine Mühe, Unterirdischer«, hörte er eine wispernde Stimme an seinem linken Ohr. »Du wirst keinen von deinen Freunden auf die Beine bringen. Es sei denn, du kannst Tote zum Leben erwecken.«

Der Zwerg kreiselte herum und schlug aus der Drehung zu; die Schneide traf klingend auf Widerstand. Er sah, dass seine Axt von einem Kampfstab aus schwarzem Metall pariert worden war.

Dessen unteres Ende zuckte unglaublich schnell in die Höhe und hieb gegen den Nasenschutz seines Helms. Hart presste sich das Eisen gegen sein Fleisch, übertrug die Kraft auf den Knochen und brach ihn mit leisem Knacken.

Bundror taumelte nach hinten, die Tränen schossen ihm in die Augen, und warme Flüssigkeit rann ihm über den Mund. Benommen stürzte er rücklings über die Leiche des Zwerges und fiel, ohne seine Axt loszulassen. »Versuch es noch einmal, Alb!«, schrie er wütend und stemmte er sich wieder auf die Beine, suchte festen Stand und hielt Ausschau nach demjenigen, der den Stab führte. »Ich schlage dich in zwei Hälften.«