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Die Berge ragten schneebedeckt in den Himmel; vereinzelt verschwanden Gipfel in den schnell dahinziehenden Nebelwolken, und dort, wo der zarte Schein der Frühlingssonne durch den Dunst stieß und einen Flecken ohne das Weiß fand, glommen die Wände feuerrot auf.

»Sie stehen noch, Königin Xamtys«, sagte Tungdil laut zu ihr. »Es ist ihnen nichts geschehen.«

Sie wandte sich um. »Ich werde Vraccas erst danken, wenn ich mein Reich mit eigenen Augen gesehen habe«, antwortete sie ihm mit Bedenken in der Stimme. »So, wie die Tunnel ausgesehen haben, kann das Beben nicht spurlos an uns vorübergegangen sein.«

Wegen der eingestürzten Stollen bewegte sich der gewaltige Zwergentross oberiridisch voran und benötigte etwa sechzig Sonnenumläufe, um die Strecke zu bewältigen. Zum einen erschwerte der Restschnee ihr Vorwärtskommen, zum anderen behinderten sie die auftauenden Straßen und Landstriche. Die Hufe der Ponys und ihre Stiefel versanken in dem zähen Brei und machten die Beine rasch müde. Tungdil, Balyndis und Boïndil waren an das Laufen auf schlechtem Untergrund zwar gewöhnt, aber die Mehrheit des Zuges nicht.

»Etwas stimmt nicht«, murmelte Ingrimmsch, der sich beharrlich geweigert hatte, wieder auf eines der kleinen Pferde zu steigen, und nun an Tungdils Seite lief. »Die Berge sehen zu friedlich aus, sie gaukeln uns vor, es wäre alles in Ordnung.« Mit lautem Platschen trat sein rechter Fuß in eine Pfütze; fluchend zog er ihn heraus und wischte ihn im grünenden Gras ab. »Ich will wieder einen steinernen Himmel über mir und steinernen Boden unter mir haben«, beschwerte er sich missgelaunt.

»Wir haben es ja bald geschafft, Boïndil.« Balyndis deutete auf den Eingang zu dem schmalen Tal, das sich wie eine Schlange auf einen der Berge zu wand. »Da ist die erste Pforte.«

Grauer Dunst zog auf, umwaberte sie und raubte ihnen die Sicht, je näher sie kamen, als wollte er sie vom Weg abbringen.

Tungdil erinnerte sich an die insgesamt fünf Mauern, die sich wie graue Eisenbolzen quer durch die Biegungen der Klamm schoben und Bollwerke gegen mögliche Angreifer bildeten. Erst dahinter erhob sich die prächtige Bastion des Stammes Borengar mit ihren neun gewaltigen Türmen.

»Ich kann nichts erkennen«, sagte er enttäuscht. »Ich hätte Eisenwart gern in ihrer vollen...« Er verstummte, als er auf dem Boden um sich herum zahlreiche Steinquader aus dem Nebel auftauchen sah. Einige wiesen Brandspuren auf, andere waren gesprungen oder zersplittert.

Xamtys zügelte ihr Pony, das schnaubend zum Stehen kam. »Vraccas sei uns gnädig«, rief sie laut und starrte auf die Reste der ersten Mauer. Einst hatte sie vierzig Schritt in die Höhe geragt. Ein eisernes, runenverziertes Tor hatte demjenigen ein Durchkommen erlaubt, der die Zwergenzeichen lesen und laut aussprechen konnte.

Beides stand nicht mehr.

Drei Schritte vor der Herrscherin tat sich der schwarze Rand eines Kraters auf. Was immer hier eingeschlagen war, es hatte große Teile der Mauer gesprengt und aus dem Tor ein mit brachialer Gewalt verbogenes, durch Hitze verformtes Stück Eisen gemacht.

»Welche Macht vermag so etwas anzurichten?«, raunte Balyndis. Selbst die stärksten Wurfmaschinen, die ihre Ingenieure gegen die gefährlichsten Bestien Tions ersannen, richteten keine derartige Verwüstung an. »Magie? Hat Nôdʹonn vielleicht vor seinem Tod...« Sie erinnerte sich an das, was sie vom Plateau des Schwarzjochs aus gesehen hatten. »Der stürzende Stern! Ist er sein Werk?«

»BOËNDAL!«, schrie Ingrimmsch markerschütternd und rannte in die Dampfschwaden, die merklich den Geruch von Verbranntem in sich trugen, um zum Eingang des Zwergenreichs zu gelangen. Die Sorge um den Zwillingsbruder ließ den heißblütigen Zwerg jegliche Vorsicht vergessen.

»Nein, warte!«, rief ihn die Königin zurück.

Tungdil wusste, dass er nicht auf sie hören würde. Also heftete er sich an die Fersen seines Freundes, um ihm gegen mögliche Gefahren beizustehen, die in dem undurchdringlichen Nebel lauern mochten. Balyndis begleitete ihn, ohne zu zögern.

Sie folgten den Geräuschen, die Boïndil machte. Ein klirrendes Kettenhemd erzeugte zusammen mit einem klappernden Helm in der Stille um sie herum einen infernalischen Lärm, sodass sie nicht einmal sehr genau lauschen mussten.

Was sie unterwegs sahen, ließ ihre Besorgnis wachsen.

Ein Trichter reihte sich an den nächsten, im Durchmesser mal klein wie ein liegendes Wagenrad, dann wieder so riesig, dass acht Ponys hintereinander darin Platz gefunden hätten. Der Boden hatte dem, was eingeschlagen war, nicht genügend Widerstand bieten können und war bis zu sieben Schritt tief eingedrückt worden. Für die Zwerge bedeutete das eine Kletterpartie nach der nächsten. Schnee gab es nicht mehr, etwas hatte ihn vollständig aus dem Tal weggetaut. Selbst das Wasser schien verdampft zu sein, weißlich glitzernde Kristalle hockten auf den Felsen. Es roch widerlich.

Sie liefen und liefen, immer das helle Klimpern der Kettenringe vor sich, bis sie sich der Stelle näherten, an der die eigentliche Festung aufragen sollte.

Nach den nächsten Schritten knirschte plötzlich wieder Schnee unter ihren Sohlen, und der Nebel spie die Gestalt Ingrimmschs aus. Er verharrte regungslos vor einem Berg aus Firn, der steil vor ihm anstieg und sich unüberwindbar auftürmte. Der Dunstschleier löste sich weiter auf und gewährte ihnen einen Ausblick auf das Chaos.

Aus den Schneemassen ragte nur mehr einer von den neun prächtigen Türmen trotzig in die Höhe. Eine Lawine hatte die hölzernen Aufbauten davongerissen und Zinnen abgetragen, aber er war nicht eingestürzt.

Doch von den acht anderen Türmen war nichts mehr zu sehen. Die dicken Doppelmauern, die raffiniert gebauten Aufzüge, die Trümmer und vielleicht die Toten, sie alle lagen unter dem dreckigen Weiß begraben.

Die Schmiedin versuchte, die große Brücke auszumachen, welche den höchsten der Türme mit dem Eingang ins Reich der Nachkommen Borengars verband. »Sie ist weg«, stellte sie entsetzt fest. »Der Weiße Tod hat sie mit sich gerissen.«

Tungdil konnte nicht sprechen, das Grauen hielt ihn gepackt.

Hinter ihnen erklang Hufschlag, der Tross der Zwerge hatte zu ihnen aufgeschlossen. Flüche mischten sich beim Anblick der vollkommenen Zerstörung in erschrockene Ausrufe und kummervolle Worte.

Xamtys stieg ab und trat dicht an die Ausläufer der Lawine heran. Sie streckte den Arm aus, griff in den Schnee und zog einen deformierten Helm hervor, der seinen Träger nicht vor der Macht des weißen Todes hatte schützen können.

»Vraccas, deine Kinder haben teuer für die Rettung des Geborgenen Landes bezahlt«, sagte sie getragen, ohne den Hauch einer Anklage hineinzulegen. »Oder soll es der Auftakt für das sein, was uns noch bevorsteht?« Ihre braunen Augen richteten sich auf den letzten Turm, Tränen rannen ihr über die Wangen in den dunklen Flaum, fielen auf ihre goldene Rüstung. »Ich weine um alle Zwerge, denen das Leben genommen wurde, und schwöre, dass nichts mich daran hindern wird, das Vernichtete aufzubauen. Noch schöner, noch herrlicher. Ich erlaube dem Bösen keinen Triumph, nicht heute, nicht morgen, und wenn ich die Steine ganz allein aufeinander schichten muss.« Zärtlich fuhr sie über den Helm. »Der Stamm der Ersten wird ihrer immer gedenken.« Sie reckte ihren Fund in die Höhe. »Wir sind die Kinder des Schmieds!«

»Wir sind die Kinder des Schmieds!«, schallte es aus hunderten Kehlen, und kaum verhallte ihr Ruf, hörten sie weit über sich ein Signalhorn erklingen.

»Zur Nebenpforte«, übersetzte Balyndis für Tungdil. »Das Signal bedeutet, dass sie uns dort erwarten.«

»Wo ist sie?«, knurrte Ingrimmsch ungeduldig, und Tungdil erkannte den aufflackernden Wahn in seinen Augen. »Ich muss augenblicklich dort hin.« Er packte die Schmiedin grob am Arm. »Los, geh vor.«

Unter anderen Umständen hätte Balyndis ihm sehr unhöfliche Dinge zur Antwort gegeben, doch da sie sein Temperament kannte und den besorgten Blick ihres Gefährten sah, setzte sie sich ohne eine Silbe des Widerspruchs an die Spitze des Zuges und wies Boïndil den Weg.