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Sie umrundeten die Ausläufer der Lawine und liefen auf eine nach außen hin massive Seitenwand der Klamm zu.

»Sie wurde eingerichtet, um dem Gegner bei einer Belagerung überraschend in die Flanke fallen zu können«, erklärte die Schmiedin. »Wir haben sie noch nie benötigt.«

»Heute zeigt sich ihr Nutzen.« Tungdil beobachtete, wie der Stein plötzlich Risse in Form eines rechteckigen Durchlasses aufwies und vor ihnen in vier Schritt Breite und vier Schritt Höhe aufschwang. Dahinter erschien ein Dutzend Zwerge, welche die Ankommenden erwarteten. Tungdil betrachtete Boïndil abschätzend. Vraccas, du hast deinen schützenden Schild hoffentlich über seinen Bruder gehalten, oder er wird das, was der Weiße Tod nicht zerstört hat, in seinem Schmerz in Stücke schlagen.

Ingrimmsch öffnete den Mund. »Wo ist Boëndal?«, verlangte er zu wissen, und als die Zwerge, deren Aufmerksamkeit sich verständlicherweise auf ihre Königin richtete, nicht schnell genug antworteten, packte er einen von ihnen am Kragen des Lederwamses und schüttelte ihn. »Wo ist mein Bruder?«, schrie er und presste so fest zu, dass sein Gegenüber einen roten Kopf bekam.

Tungdil fiel ihm in den Arm. »Boïndil, beruhige dich!«

»Er... liegt im Bett«, stieß der malträtierte Zwerg hervor. »Wir haben ihn aus dem Schnee geborgen und ihn...«

»Aber?«, unterbrach ihn der Zwilling hart, ließ das Leder jedoch los. »Ich höre ganz deutlich ein Aber in dem, was du stotterst!«

»Er ist nicht mehr aufgewacht. Sein Körper ist kalt wie Eis, und sein Herz schlägt so langsam, dass wir fürchten, es könne jeden Moment stehen bleiben.« Schnell machte er einen Schritt zurück und achtete darauf, aus der Reichweite des aufgebrachten Zwerges zu gelangen.

Ingrimmschs Brauen wurden zu einem durchgehenden Strich. »Wo ist er?«, wollte er leise wissen.

Xamtys sah über sein Fehlverhalten hinweg und wies den Zwerg aus ihrem Stamm an, den besorgten Boïndil zu seinem Bruder zu bringen, um einen heftigeren Ausbruch zu verhindern. Tungdil und Balyndis begleiteten den Krieger, während die Königin sich mit den Zwergen besprach, die ihr einen ersten Bericht über die Verluste gaben.

Die vier durchquerten schmucklose Korridore, deren Zweck einzig und allein in der Verbindung der Festung mit der Ausfallpforte lag. Da die Ersten für ihre Schmiedekunst und nicht wie die Zweiten für ihre Steinmetzarbeiten gerühmt wurden, hielten sie sich mit dem Verzieren eines Nebengangs nicht weiter auf.

»Das Beben hat schwere Schäden angerichtet«, berichtete der Zwerg, der sie führte, als sie nach den Geschehnissen fragten. »Wir nehmen an, dass es der gefallene Stern war. Aus seinem Schweif regneten glühende Bocken, die Eisenwart beinahe bis auf die Grundmauern beschädigt haben. Was sie nicht vollends eingerissen haben, hat der Weiße Tod vernichtet.«

»Wie viele von uns sind gestorben?«, wollte Balyndis wissen. »Wie steht es um den Clan der Eisenfinger?«

»Zu manchen Gebieten, die weiter westwärts und damit näher an der Einschlagstelle des Sterns liegen, gibt es keine Verbindung, aber deinem Clan geht es gut, soweit wir wissen.« Ihr Führer geleitete sie bis zu einem hölzernen Fahrstuhl, der ihnen das Erklimmen von vielen hundert Stufen ersparte; in ihm schossen sie in die Höhe und gelangten in den östlichen Teil der Festung. »Es ist gut, dass Xamtys wieder bei uns ist. Sie wird uns die Zuversicht geben, die viele von uns verloren haben. Mehr als vierhundert fanden bei dem Unglück den Tod.«

In diesem Teil der Festung sahen sie sogleich, was der Zwerg mit Schäden meinte. An einigen Stellen zeigten sich Risse in den Wänden, mal dünn wie ein Barthaar, mal so dick wie ein Zwergenfinger, und sogar die stabilen Stahlbrücken, die sich über Schluchten spannten, wiesen Verformungen auf.

»Eine Höhle ist vollständig eingebrochen, den Thronsaal mussten wir abstützen, sonst hätte die Decke die Schätze unter sich begraben«, erklärte er ihnen. »Es ist schlimm.«

Sie erklommen die nächsten Treppen, und nun erreichten sie den Flügel, in dem sie Boëndal wegen seinen schweren Verletzungen notgedrungen zurückgelassen hatten. In demselben Zimmer, auf einem steinernen Lager zwischen dicken Decken und auf einem weichen Unterbett ruhend, fanden sie ihn wieder.

Boïndil warf sich auf ihn, schlang die Arme um ihn und legte den Kopf auf seine Brust, um nach dem Herzen zu lauschen. »Er ist kalt wie ein Fisch«, sagte er leise, »und wenn ich nicht wüsste, dass er...« Er horchte, ein Lächeln ging über seine tieftraurigen Züge. »Da! Da war ein Schlag, ein kräftiger, lauter Schlag...« Die Fröhlichkeit erlosch. »Nur ein einzelner...«

»Wie ich es euch gesagt habe«, wisperte ihr Führer. »Es scheint, als wäre sein Blut eingefroren und zwänge sein Herz, Eis durch die Adern zu pumpen.«

Eine Heilkundige trat zu ihnen ins Zimmer, sie hatte ein Tablett mit einer Kanne dampfendem Sud bei sich. »Die meisten, die wir aus dem Schnee geholt haben, hatten nicht dieses Glück.«

»Glück?« Tungdil schüttelte den Kopf. »Wenn sich sein Zustand nicht ändert, würde ich es kaum Glück nennen.«

»Wir haben Leiber geborgen, die derartig zermalmt waren, als wären sie zwischen einen gewaltigen Schmiedehammer und einen Amboss geraten. Die Mehrzahl aber ist einfach unter den weißen Massen erstickt. Er hat überlebt. So gesehen hatte er sehr viel göttlichen Beistand.«

Die Zwergin trat an das Bett, füllte einen Lederschlauch mit dem heißen Getränk und wollte das vordere dünne Ende in den halb geöffneten Mund Boëndals zwängen, als Boïndil eingriff und den Schlauch mit eisernem Griff packte. »Was tust du?«

»Ich flöße ihm Kräutersud ein, der seine Innereien auftauen soll«, antwortete sie ihm und wollte weitermachen, was ihr Ingrimmsch jedoch nicht gestattete.

»Sud? Gib ihm heißes Bier, das wird ihn eher aus seiner Starre reißen als dieses Zeug.«

»Nein«, widersprach die Heilkundige. »Es sind Kräuter, die in heißem Wasser ihre Wirkung entfalten.«

»Wäre ein Bad nicht sinnvoller?«, mischte sich Tungdil ein. Er erinnerte sich, bei seinem alten Mentor und Ziehvater Lot-Ionan gelesen zu haben, wie man unterkühlte Menschen nach einem Sturz in einen Wintersee vor dem inneren Eis bewahrte. Es sollte auch bei Zwergen gelingen.

»Ein guter Vorschlag, den wir bereits versucht haben. Es hat nicht geholfen.« Sie entriss Boïndil den Schlauch. »Lass mich meine Arbeit tun, Krieger. Ich verstehe mein Handwerk. Ich würde es mir niemals anmaßen, dir erklären zu wollen, wie man eine Axt führt.« Ingrimmsch kam widerwillig ihrer Aufforderung nach, wich jedoch nicht von der Seite seines Bruders. »Alles, was ich in den Aufzeichnungen gefunden habe, war die Erwähnung des Krauts. Es soll Hilfe bringen, wenn... alles andere versagt.«

Tungdil hatte den Eindruck, dass sie noch etwas anfügen wollte, es sich allerdings anders überlegte. »Und was hast du noch gefunden?«, verlangte er zu wissen. »Ich verdanke ihm mein Leben, ich werde alles für ihn tun. Sag es bitte.«

Die Zwergin vermied es, ihm in die Augen zu schauen. »Es ist eine Legende.«

»Rede«, forderte Ingrimmsch barsch, als verhöre er einen gegnerischen Spion. »Rede auf der Stelle! Bei Vraccas, ich werde nichts unversucht lassen, um die Lebensesse meines Bruders so hell und heiß lodern zu lassen, wie sie es zuvor tat.« Die braunen Augen versprühten Entschlossenheit, die Legende zu erfahren, kostete es, was es wolle.

»In den ältesten Aufzeichnungen, die unsere Vorfahren noch in Stein meißelten und die tausende von Sonnenumläufen überdauerten«, erzählte die Heilerin, »steht, dass man Erfrorene, die noch einen glimmenden Funken in sich tragen, mit einem weiteren weiß glühenden Funken zum Leben bringen kann.«