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»Was kann damit gemeint sein?«, wunderte sich Balyndis. »Wie soll echtes Feuer die Lebensesse zum Lodern bringen?« Sie schaute zu Tungdil. »Es kann doch nicht bedeuten, dass man seinen Leib öffnen und sein Herz mit Funken wärmen soll?«

»Er würde an der Wunde sterben.« Tungdil überlegte. Er hatte ein unbestimmtes Bild im Hinterkopf, bekam es aber nicht richtig zu fassen.

»Woher stammt diese Weisheit? Hat sich ein Schmied dazu berufen gefühlt, Ratschläge zu erteilen?«, erboste sich Boïndil. »Soll mein Bruder denn Feuer fressen oder sich kochendes Gestein in die Adern gießen?«

Die Heilerin funkelte ihn wütend an. »Die Steintafel wurde aus dem Reich der Fünften zu uns gebracht. Ich weiß nicht mehr, als ich darauf lesen kann. Und ich habe dir vorher gesagt, dass es eine Legende sei.«

Balyndis wollte die Hoffnung nicht aufgeben, so abstrus der Ratschlag klang. »In den Legenden unseres Volkes steckte stets ein wahrer Kern«, hielt sie dagegen. »Du hast es mit Bädern versucht, du flößt ihm Heißes ein, und dennoch springt die Hitze nicht über. Was kannst du noch tun?«, richtete sie sich an die Heilerin.

»Ich?« Die Zwergin schlug die Augen nieder. »Außer den Gebeten an Vraccas und dem, was ich ohnehin tue, nichts weiter.«

»Nichts weiter?« Ingrimmsch stand kurz davor, in seinen Wahn zu verfallen, so sehr regte ihn das Schicksal seines Zwillings auf. »Gibt es denn kein verdammtes Wunderkraut in all diesen Höhlen, um ihn...«

»Drachenbrodem...« Tungdil verstand nach langem Nachdenken den möglichen Zusammenhang zwischen dem weißen Funken und dem Reich der Fünften. »Aber natürlich! Die Legende meint die heißeste Esse, die im Geborgenen Land brennt!« Er schaute in die fragenden Gesichter seiner Freunde. »Es ist möglich, dass sie über besondere Kräfte verfügt. Wisst ihr noch? Sie wurde mit dem Odem des Großen Drachen Branbausíl entfacht.«

Tungdil und Balyndis erinnerten sich genau an die enorme Hitze der Esse; keiner von ihnen hatte etwas Vergleichbares zuvor gespürt, obwohl sie beide in ihren Leben viele Stunden am Amboss verbracht hatten. Die weiße Glut schmolz alles, vom schwarzen Tionium, das von Gott Tion erschaffen worden war, bis zum reinen, weißen Palandium der Göttin Palandiell oder dem Vraccasium des Zwergengottes. Kein Metall, keine Legierung vermochte ihr zu widerstehen.

»Ich sehe den Sinn in deinen Worten, aber was ist zu tun?« Die Heilerin setzte den Schlauch ab und fühlte nach der Stirn des unterkühlten Zwerges. »Wenn es eine Anleitung zur Behandlung eines Kranken sein soll, erkenne ich sie nicht.«

»Die Steintafel stammt aus den Hallen der Fünften, und unser Weg führt ebenso dorthin.« Tungdil schaute den wie tot daliegenden Boëndal an. »Wir nehmen ihn mit. Nur dort können wir seinen Zustand verändern, hier ist alles für ihn getan worden«, entschied er. Er gesellte sich an Ingrimmschs Seite und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. »Vertreibe deinen Kummer. Vraccas ließ nicht zu, dass die Pfeile eines Albs ihn töteten und er dem Weißen Tod zum Opfer fiel, also erlauben wir nicht, dass er bis zum Ersterben seiner Lebensglut in einem Bett liegen muss. Ich werde die Gänge des Grauen Gebirges so lange durchsuchen, bis ich einen Hinweis gefunden habe, wie wir ihn mit Hilfe der Esse wieder zu dem machen können, den wir lieben und zurücksehnen.«

Boïndil fasste seine Hand und drückte sie ergriffen. »Es ist gut, auf einen gelehrten Freund wie dich vertrauen zu können.« Er ließ die Hand wieder los und fuhr seinem Bruder zärtlich über die Wange, danach schob er sich einen Schemel neben das Lager, hockte sich darauf und verharrte.

»Du solltest dich ausruhen«, empfahl ihm Tungdil, der zusammen mit Balyndis auf dem Weg nach draußen war.

»Du auch«, sagte die Schmiedin zu ihrem Gefährten. Sie bat die Heilerin darum, Ingrimmsch etwas zu essen zu bringen und ihm bei Bedarf eine Unterkunft zu geben. »Komm, wir essen und legen uns hin.«

»Aber die Königin...«, begehrte Tungdil auf, doch sie schüttelte energisch den Kopf, dass die braunen Zöpfe flogen.

»Die Königin wird uns rufen, wenn sie uns braucht. Sie wird sich erst berichten lassen, wie es um unser Reich steht, dann wird sie ebenfalls zu Bett gehen und alles Weitere auf Morgen verschieben.« Sie führte ihn durch den Gang zu ihrem Quartier, das er zum ersten Mal, seit sie sich kannten, betrat.

Es war sauber und ordentlich, jemand hatte in der Zeit ihrer Abwesenheit dafür gesorgt, dass sich kein Staub ansammelte. Sie nahm ein paar Decken aus dem Schrank und warf sie über das Unterbett.

Gemeinsam beteten sie vor dem kleinen Vraccas-Heiligtum, das Balyndis in einer Ecke des Raumes aufgebaut hatte, für die Genesung Boëndals, streiften die schweren Kettenhemden ab und sanken in ihren Unterkleidern auf das Bett.

Balyndis wandte den Blick nicht von Tungdils Gesicht, sie betrachtete ihn voller Zuneigung und Freude. Er erwiderte die unausgesprochene, tief empfundene Liebe mit seinen Augen und küsste sie sanft auf den Mund.

»Weißt du, dass man über uns redet?«, lächelte sie müde.

»Warum auch nicht? Wir sind Helden.«

Sie lachte auf. »Nein, nicht deswegen. Wegen unserer Liebe, die wir zeigen.« Sie erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass er ihr nicht zu folgen vermochte. »Kann es sein, dass dir die Zwillinge einige Dinge über unser Volk verheimlicht haben? Wir beide sind allein stehend, Tungdil. Es schickt sich nicht, dass wir unsere Zuneigung offen zeigen und Zärtlichkeiten austauschen, solange wir den Bund nicht eingegangen sind. Jede Berührung, die über Freundschaft hinausgeht, und auch das, was wir gerade tun, verstößt gegen den Moralcodex.«

Er grinste breit. »Wir sind Helden, Balyndis. Für uns zählt das nicht. Außerdem sind wir bald ein Paar.«

Balyndis wirkte keinesfalls so gelöst wie er. »Auch die Helden müssen sich an den Codex halten. Das ist das Gesetz der Zwerge, und deshalb reden einige über uns. Auch Paare nehmen sich zurück, wenn sie nicht allein sind.«

»Nein, das haben mir die Zwillinge nicht gesagt.« Tungdil rutschte näher zu ihr. »Sollen sie reden. Bald haben sie keinen Grund mehr.«

Eng umschlungen schliefen sie ein.

*

Es kam wirklich so, wie Balyndis es ihm vorhergesagt hatte.

Königin Xamtys II. ließ ihnen den erholsamen Schlaf und bestellte sie erst nach einem vollen Sonnenumlauf zu sich.

Die Zeit bis dahin nutzten die beiden, um ausgiebig zu baden, natürlich streng durch eine Holzwand voneinander getrennt, denn noch waren sie den Ehernen Bund nicht eingegangen. Auch wenn Tungdil nichts auf das Geschwätz anderer gab, tat er Balyndis den Gefallen und gab sich Mühe, sich mehr daran zu halten.

Staunend vernahm er beim gemeinsamen Essen die Tatsache, dass es ein großes Glück bedeutete, dass sie noch nicht vergeben war. Der Zwerg, den ihr Clan für sie erwählt hatte, war im Kampf gefallen, bevor sie den Bund hatten schließen können. Aus dem Ehernen Bund führte kein Weg hinaus, außer er wurde freiwillig von beiden gelöst. Aber Balyndis konnte sich nicht erinnern, dass so etwas schon einmal vorgekommen wäre.

»Dann erschienst du, Tungdil, und hast mein Herz erobert«, gestand sie ihm und machte sich ans Kochen. Nach den Trockenrationen genoss es Balyndis sichtlich, endlich wieder echte Zwergennahrung zu sich zu nehmen. Sie kochte dampfende Knollen mit Pilzragout, dazu gab es geröstete Fudipilzscheiben, auf die eine dicke Lage Moosbeerenkompott gestrichen wurde. Tungdil aß mit leidlichem Appetit, was sie sehr wohl bemerkte. »Ist es dir zu schwach gewürzt?«

»Ich bin noch immer die Küche der Menschen gewohnt, so wie ich viele ihrer Angewohnheiten habe«, entschuldigte er sich. »Es schmeckt ausgezeichnet.« Er schaute sich um. »Hast du etwas von dem Käse, den die Zwillinge...«

Ungläubig schaute sie ihn an. »Das stinkende Zeug? Der schmeckt strenger als er riecht.«

»Ich mag ihn«, verteidigte er sich und war ein wenig beleidigt, dass sie ausgerechnet das bisschen an zwergischer Nahrung, das ihm inzwischen zusagte, nicht ausstehen mochte. Um keinen Streit aufkommen zu lassen, lenkte er die Unterhaltung wieder in andere Bahnen. »Dann weiß dein Clan noch gar nicht, dass wir...«