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»Nein. Wie auch? Aber wir werden es nachholen.«

Er kratzte sich am Bart. »Es wird ihnen nichts ausmachen?« Tungdil sah sich unversehens mit Gesetzen ihres Volkes konfrontiert, auf die er bislang hatte verzichten können.

»Das ist eine andere Frage«, räumte sie ein und verspeiste mit Hingabe ein Stück Knolle. »Es ist nicht üblich, dass eine junge Zwergin wie ich sich ihren Mann selbst auswählt. Die Witwen dürfen es, und ich bin, wenn überhaupt, nur so etwas wie eine halbe Witwe.«

Tungdil häufte sich Pilzragout in die Schüssel, um ihr zu zeigen, dass er es mochte. Eine schreckliche Vorstellung marterte ihn, die nun aus ihm herausbrach: »Was machen wir, wenn deine Familie nicht einverstanden ist?«

Balyndis versenkte den Löffel im Ragout und streichelte seine Hand. »Ich werde dir ins Graue Gebirge folgen, Tungdil, ganz gleich, was der Clan zu mir sagt.« Ihr Blick wurde ernst. »Wenn er mir den Bund mit dir verbietet, kann ich ihn jedoch nicht eingehen. Diese Schande darf ich nicht über ihn bringen.«

»Was hieße das?«

»Ich könnte dir nicht mehr sein als eine gute Freundin.«

Um ein Haar wäre der Pilz in seiner Kehle stecken geblieben; sprechen, Luft holen und essen vertrugen sich nicht. Es wird verzwickter als ich dachte.

In seinen schlimmsten Ängsten malte er sich aus, dass sie Sonnenumlauf für Sonnenumlauf in seiner Nähe wäre, er sie aber niemals mehr, für den ganzen Rest seines Lebens nicht, berühren dürfte. Nicht mal mehr so wie jetzt.

Mehr als ein Händeschütteln, eine freundliche Umarmung wäre ihm dann nicht mehr vergönnt, ihre weichen Lippen hätte er für immer verloren. Allein schon der Gedanke, dass ein fremder Mann an seine Stelle träte, und zwar im Gegensatz zu ihm mit allen Rechten, die der Bund zwischen Zwergin und Zwerg beinhaltete, ließ ihn erzittern. Welch eine Qual.

Diese Vorstellung verdrängte sogar die Sorge um Boëndal, um den Zustand des Grauen Gebirges und um sämtliche Ungeheuer, die ihnen Tion entgegenstellen konnte. Einsilbig aß er vom Pilzragout.

»Was ist? Habe ich dir mit meinen Worten die gute Laune verdorben?«, erkundigte sie sich und umfasste seine Hand. »Das wollte ich nicht.«

Er hob den Kopf, freute sich über ihren Anblick, und die Sorgen wichen wie Kälte dem Feuer. »Es ist schon wieder vorbei«, beruhigte er sie. »Wir werden ein schönes Paar sein, viele Kinder haben und ihnen zeigen, wie man die wundervollsten Dinge schmiedet.« Er küsste ihren Handrücken, sie fuhr ihm durch das Haar. Die Schreckenvisionen waren verschwunden.

Schließlich pochte der Bote der Königin an ihre Tür und führte sie zum Thronsaal. Durch das große Portal gelangten sie in einen achteckigen Raum, der sie mit dem warmen Schimmer des Blattgoldes begrüßte, das an sämtlichen Wänden haftete.

Das Beben hatte selbst in dieser ehrwürdigen Halle seine Spuren hinterlassen; klaffende Lücken machten den Zwergen deutlich, dass es Gewalten gab, denen sich der härteste Fels beugen musste.

Tungdil erkannte sogleich die neuen Säulen, die nicht zum Schmuck, sondern zum Erhalt aufgestellt worden waren. Die Erbauer hatten sich zwar Mühe gegeben, sie in die Schönheit ringsum einzubetten, hatten sie in kostbarer Weise verziert und mit Einlagen aus Gold, Silber, Vraccasium und weiteren wertvollen Metallen versehen, aber dennoch blieben sie Fremdkörper. Auch die Mosaiken an der hohen Decke hatten bei dem Beben Schaden genommen, und einige der Plättchen waren abgeplatzt.

Xamtys erwartete sie auf ihrem stählernen Thron. »Es gibt bei uns viel zu verbessern«, kommentierte sie die Blicke ihres Gastes.

Ehrerbietig verneigten er und Balyndis sich vor der Herrscherin, die sie mit einem Wink aufhielt, ehe sie auf die Knie niedersanken. »Verschieben wir die Formalitäten, Tungdil. Wir müssen uns besprechen.« Diener brachten ihnen Hocker, damit sie nicht die ganze Zeit über stehen mussten. »Vermutlich ist es besser, wenn du rasch ins Graue Gebirge aufbrichst. Je eher sich der Steinerne Torweg schließt und je mehr von uns zu seiner Verteidigung bereit stehen, desto besser ist es für das Geborgene Land. Wenn das Beben dort auch nur entfernt so zerstörerisch gewirkt hat wie bei uns, haben du und deine Freiwilligen einiges an Arbeit vor sich. Was die Orks beschädigt haben, könnte durch den Einschlag des Gestirns nun vollständig zerstört sein.«

»Ähnliche Gedanken beschäftigen auch mich«, gab er zu. »Doch von dir jetzt zu verlangen, mir die Freiwilligen aus dem Stamm Borengar zu überlassen, wo du jede helfende Hand benötigst, wäre anmaßend. Sende sie mir nach, wenn es die Lage erlaubt.«

Sie blickte ihn an; das Licht der Kohlebecken brachte die Ringe ihres goldenen Kettenhemds zum Strahlen, und der Widerschein fiel auf ihr rundliches, aber ernstes Gesicht. »Es ist edel, dass du zuerst an die anderen denkst. Dennoch lasse ich diejenigen ziehen, die dich begleiten möchten. Es ist besser so.« Ihre Augen richteten sich auf Balyndis. »Einige Angehörige deines Clans sind bei uns eingetroffen, die Kunde aus dem Westen meines Reiches brachten. Das, was vom Himmel stürzte, flog noch weiter in den Westen und schlug hinter den letzten Gebirgsausläufern ein. Seitdem sehen die Wachmannschaften, die das Rote Portal bewachen, jede Nacht Feuerschein am Horizont, so als stünde das Jenseitige Land in Flammen.« Sie schaute zwischen den beiden hin und her. »Ich habe Botschaften an die Menschen und Elben gesandt, auch Andôkai wird in den kommenden Umläufen von unseren Entdeckungen erfahren. Was wir wissen, ist jedoch nicht viel.«

Tungdil sinnierte, wie sich das Gehörte mit Nôdʹonns Behauptung über die Bedrohung in Einklang bringen ließ. »Wenn die Gefahr aus dem Westen kommt, brauchen wir alle Kräfte«, hatte der Magus zu Andôkai gesagt und immer wieder betont, er strebe nach dem Schutz des Geborgenen Landes. »Wenn ich mir überlege, welche Auswirkungen die Trümmer des Sterns hatten«, überlegte Tungdil laut und dachte dabei an die erschreckenden Krater und Einschlagstrichter, durch die sie gelaufen waren, »möchte ich mir nicht ausmalen, wie der Ort aussieht, an dem er selbst niederging. Was dort gelebt hat, wird durch die Wucht und das Feuer, das er mit sich brachte, völlig vernichtet sein.«

»Du fragst dich, wie aus diesem Inferno eine Bedrohung hervorgehen soll?«, vollendete Balyndis seinen Gedankengang.

Tungdil nickte. »Ich kann es mir nicht vorstellen. Zudem ist es müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, auch wenn ich es dennoch tun werde. Der Weg ins Graue Gebirge ist leider sehr weit.« Er dachte nach. »Du, Königin, könntest vorschlagen, einen Rat einzuberufen, der sich aus den Gelehrten sämtlicher Völker zusammensetzt«, unterbreitete er Xamtys seinen Einfall. »Die klugen Geister werden die Antworten schneller finden als wir.« Er lächelte. »Und es macht sich ausgezeichnet, dass eine Zwergin die Eingebung hatte, die beschworene Gemeinschaft von Elben, Menschen und Zwergen einer ersten gemeinsamen Prüfung zu unterziehen, von der alle einen Nutzen haben.«

Xamtys erwiderte sein Lächeln. »Du machst deinem heimlichen Beinamen ›Gelehrter‹ alle Ehre, Tungdil Goldhand. Das Reich Eisenauges wird durch dich schnell zu neuem Glanz finden, daran zweifle ich nicht. Geht nun, der Clan der Eisenfinger möchte euch sehen.«

Sie verneigten sich und gingen hinaus, wo sie bereits von der Abordnung der Familie der Schmiedin erwartet wurden.

Tungdil sah eine Gruppe Zwerge, darunter auch vier Frauen, die die typische braune Leder- und Wollgewandung trugen. Ein Teil der Abordnung hatte massive Kettenhemden angelegt und führte Waffen mit sich; scheinbar gehörten sie zu den Kriegern des Clans und zeigten voller Stolz, wozu sie von Vraccas berufen worden waren, um in der Gemeinschaft zu dienen. Und obwohl sie Tungdil schwerlich übersehen konnten, würdigten sie ihn keines Blickes.