Balyndis flog auf den größten, stattlichsten der Soldaten zu und schloss ihn in die Arme; er legte mit einem sonoren Lachen die Hände um ihr Gesicht. »Ah, meine wagemutige Tochter«, begrüßte er sie. »Wir haben schon vernommen, dass du am Schwarzjoch gegen die Horden Nôdʹonns gekämpft hast. Ich bin Vraccas dankbar, dich gesund und munter zu sehen.«
Bei aller tiefen Herzlichkeit, die in der Wiedersehensfreude lag, blieben er und seine Tochter beherrscht, würdevoll; ausgelassene Fröhlichkeit und laute Freude, wie Tungdil sie bei vielen Menschen erlebt hatte, schickten sich unter Zwergen nicht. Und es bedurfte ihrer wohl auch nicht: die Blicke und das Leuchten in den Augen sprachen Bände.
»Sind alle wohlauf?«, wollte Balyndis wissen, und ihre Wiedersehensfreude wurde durch die Angst vor der Antwort getrübt. »Die Beben...«
»... haben uns nichts anhaben können«, nickte ihr Vater. »Vraccas sei Dank, er ließ die Steine rechts und links neben uns einschlagen, aber uns geschah nichts. Ein paar Räume haben unter dem Gerüttel gelitten. Aber wir haben noch andere gute Neuigkeiten, die wir dir unbedingt verkünden wollen, bevor wir deinen Erzählungen vom Schwarzjoch lauschen.«
»Noch mehr gute Neuigkeiten? Dann ist meine größte Sorge dahin.« Balyndis setzte ihre Begrüßung durch die Reihen ihres Clans fort, bis sie sich zu Tungdil wandte und ihn herbeiwinkte. »Vater, das ist Tungdil Goldhand, mit dem ich auszog, um die Feuerklinge zu schaffen und gegen das Böse zu bestehen.« Sie fasste seine Hand. »In ihm habe ich einen Freund und Gefährten gefunden.«
Tungdil reckte die Hand, er wich den forschenden Augen nicht aus. »Ich bin Tungdil Goldhand, ein Kind des Schmieds...«
»... und Angehöriger der Dritten«, fiel ihr Vater ihm ins Wort; die ausgestreckte Hand kümmerte ihn nicht. »Ich bin Bulingar Eisenfinger aus dem Clan der Starkfinger vom Stamm der Ersten, und ich habe nicht vor, meine Tochter jemandem anzuvertrauen, der denen entspringt, die unser Volk mit brennendem Hass verfolgen. Ich weiß, dass du Ehrenhaftes am Schwarzjoch geleistet hast und ein Held bist. Dennoch darf deine Leistung mich nicht über deine Abstammung hinwegtäuschen.«
Ein Hieb mit einer Keule, ein Stich ins Herz, der Aufprall auf Granit nach langem Sturz hätte Tungdil nicht härter treffen können. Seine Eingeweide zogen sich zu einem Klumpen zusammen. Die Farben all der schönen Bilder, die er und Balyndis sich von einer gemeinsamen Zukunft gemalt hatten, verliefen und rannen als braune Brühe zu Boden.
»Ich versichere dir, dass nichts von dem in mir wohnt, für das mein Stamm berüchtigt ist«, bemühte er sich, die Bedenken zu mildern. »Niemals in meinen Leben habe ich den Drang verspürt, einem Zwerg...«
»Leben? Du bist nicht sehr alt, wie ich hörte, kaum mehr als sechzig Zyklen hast du bei Menschen verbracht. Wie sollte da Abneigung gegen uns entstehen können? Und wer sagt mir, dass sie nicht in dir erwächst, je länger du mit Zwergen zusammen bist?«, unterbrach ihn Bulingar wieder. »Deine wahre Natur könnte sich nach außen bohren wie ein Meißel durch einen Stein. Unter deiner Schicht aus Gold mag ein wertloser Kern aus Blei liegen.«
Balyndis fixierte ihren Vater aufgebracht. »Seine Taten sprechen für ihn, nicht seine Herkunft. Hätte er sich solche Mühe gegeben und die Entbehrungen auf sich genommen, wenn sein Herz nach der Vernichtung unserer Stämme trachtete?«, fragte sie mühsam beherrscht. »Ich...«
»Schluss damit!«, donnerte Bulingar. »Es ist müßig, über ihn zu reden. Wir sind hier, um dich zu begrüßen und dir deinen neuen Gemahl vorzustellen.«
Balyndis wich einen Schritt zurück; ihr Gesicht verlor die Röte, die ihr eben noch hineingeschossen war. »Meinen... Gemahl?«, wiederholte sie stammelnd und blickte zu Tungdil. Schrecken und Entschuldigung zugleich standen in ihren Zügen.
»Kind, beruhige dich«, sagte eine ältere Zwergin, welche die Schmiedin zuvor als Muhme begrüßt hatte. »Du hast deinen Verlobten verloren; dachtest du, wir blieben untätig? Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, einen würdigen Gatten zu finden.«
Sie klatschte in die Hände, und aus dem Seitengang trat ein Zwerg, der unmittelbar einem Kriegerhymnus entsprungen zu sein schien. Groß und kräftig gewachsen, zierten ihn ein dichter, schwarzer Bart und eine Rüstung, die ihm der zweitbeste Schmied der Ersten angefertigt haben musste, so eindrucksvoll wirkte sie auf Tungdil.
Geh weg, wünschte er voller Inbrunst, und seine Fäuste ballten sich.
Der andere tat ihm nicht den Gefallen, sondern kam mit feierlicher Miene auf Balyndis zu. »Ich bin Glaïmbar Scharfklinge aus dem Clan der Eisendrücker vom Stamm des Ersten, Borengar. Was ich an Eisen und Stahl trage, habe ich selbst geschmiedet, und dies«, er öffnete die Faust, in der ein wunderschöner goldener Ring mit Vraccasiumintarsien aufblitzte, »ist mein Geschenk an dich. Ich fühle mich geehrt, dass ich gut genug für deinen Clan bin, mit dir den Ehernen Bund eingehen zu dürfen.« Seine braunen Augen ruhten abwartend und dennoch bang auf ihr.
In Tungdil schrie alles durcheinander. Sein Mut wollte den Rivalen auf der Stelle herausfordern, sein Verstand riet ihm davon ab, um die Angelegenheit für Balyndis nicht noch schwerer zu machen und sich vor Bulingar nicht am Ende noch die Blöße zu geben, doch ein Zwergenhasser zu sein. Sein Herz stimmte ein Klagelied an, und seine Seele sang dazu die Melodie von ewiger Pein.
Sie muss zustimmen, ihr bleibt keine andere Wahl. Die Gesetze der Clans galten als ebenso heilig wie die Gesetze des Zwergenvolkes, denn der Clan stand nach den Blutsverwandten an oberster Stelle. Dennoch wünschte er sich, dass über ihre Lippen ein vernehmbares Nein käme.
Ihm wäre es leicht gefallen, er kannte solche Bande nicht.
Bei ihr verhielt es sich anders. Sie war in einer Familie, in einem Clan, in einer riesigen Gemeinschaft aufgewachsen, die sie beschützte, sie ernährte, sie im Kampf und im Handwerk 35 Zyklen lang unterrichtet hatte. Für diese Sorge durfte der Clan die gleiche Loyalität von ihr verlangen. Zeigte sie diese Dankbarkeit nicht, so war sie eine Ausgestoßene, eine Zwergin ohne Familie, ein versprengter Stein abseits des Gebirges, einsam und unvereinbar verloren.
Balyndis wandte sich Tungdil zu. Tränen schimmerten in ihren Augen, rannen die Wangen hinab und sammelten sich am Kinn zu einem einzigen großen, diamantgleich funkelnden Tropfen. »Dein auf ewig«, formten ihre Lippen lautlos, dann drehte sie sich zu Glaïmbar und nahm mit zitternder Hand das Geschenk an. Damit war es besiegelt: Balyndis würde mit ihm den Ehernen Bund eingehen.
»Du bist im besten Alter, bist stark und hast einen gesunden Körper, der unserem Clan Nachwuchs schenken und ihn erhalten wird«, sagte ihr Vater, dessen Erleichterung deutlich zu hören war. »Und du, Glaïmbar Scharfklinge aus dem Clan der Eisendrücker, sei willkommen in unserer Familie und in unserem Clan. Die Ältesten werden dich alsbald aufnehmen, wenn sie von der freudigen Entscheidung meiner Tochter erfahren.« Er stellte sich zwischen die beiden, legte ihnen die Hände auf den Rücken und schob sie vorwärts, weg von Tungdil. »Kommt, wir essen gemeinsam und bereden, wie wir das Fest zu Ehren eures Bundes gestalten wollen. Es soll schließlich einer Heldin gerecht werden.«
Balyndis schritt durch die Gasse, die ihre Familie und ihr Clan bildeten. Sie schaute sich ein letztes Mal um, dann schob sich der breite Helm eines Verwandten vor sie, die Schneise schloss sich und versperrte Tungdil den Blick auf seine Gefährtin. Kurz darauf verschwanden sie um die Ecke des Ganges, und das Echo ihrer Stiefel und das Klirren der Panzerhemden erstarben.
Tungdil verharrte wie erstarrte Schlacke. Er versuchte, sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen oder wenigstens zu ordnen, was ihm nicht gelang.
Hoffnungslos zerstreut machte er sich auf den Weg, streifte ziellos durch die Korridore und Gänge der Ersten, ohne die kunstvollen Runenverzierungen und Darstellungen auf den Platten an den Wänden zu sehen. Balyndis Gesicht vor Augen, schritt er über Hängebrücken, durch Höhlen und Hallen. Rastlos taumelte er mehr, als dass er ging, wie im Fieber bewegte er sich vorwärts, ohne zu wissen, wo er sich befand und wem er unterwegs begegnete. Er verlor jegliches Zeitgefühl.