Narmora wirkte nicht weniger irritiert. »Ich... sprach keine Formel. Das Ding sollte vergehen, mehr habe ich nicht gedacht, meine ganzen Gedanken richteten sich auf die Vorstellung... und...« Sie verstummte und hob die Hände vor die Augen. »Dann ist es einfach geschehen. Einfach so«, flüsterte sie beinahe ängstlich.
Andôkai schüttelte die Verblüffung ab, und an deren Stelle traten Erregung und Hoffnung. »Narmora, weißt du, was es bedeutet?« Sie packte die Schultern der Frau. »Ich habe jemanden gefunden, den ich unterrichten kann!«, redete sie begeistert auf sie ein. »Es wird nicht lange dauern, und ich habe dich zu einer...«
»Nein.«
Die ablehnende Antwort kam mit solcher Härte und Wucht über die Lippen Narmoras, dass Andôkai sie losließ und zwei Schritte zurück trat. »Nein?«, wiederholte sie verständnislos und suchte Narmoras Blick. »Das kannst du nicht tun.«
»Ich kann.« Die Halbalbin reckte sich zu ihrer vollen Größe. Sie fürchtete sich nicht vor der Wut der Maga, die sie treffen könnte. »Es gibt sicherlich bessere Anwärter als mich, wir müssen sie nur finden. Ich werde nicht Eure Famula.« Sie erkannte die Frage im Gesicht der blonden Frau. »Ich habe es Furgas geschworen: keine Abenteuer mehr«, erklärte sie. »Wir sind am Schwarzjoch beinahe gestorben, er und ich. Und nachdem Ihr ihn gebeten habt, mit nach Porista zu kommen, um den Aufbau der wichtigen Stadt mit seinem Wissen um Maschinen und Technik zu beschleunigen, bin ich ihm gefolgt, weil ich ihn nie wieder verlassen werde... Ihr versteht es noch immer nicht? Nun, ich werde es Euch erklären.« Sie setzte sich auf eine der umherliegenden Säulen und senkte die Stimme. »Ich will mit Furgas alt werden, Kinder und Enkel haben und zusehen, wie sie aufwachsen. Das kann ich nicht, wenn ich eine Maga bin und mich erneut in die Schlacht stürze. Ich habe Frieden und Liebe gefunden.« Ihre Finger hoben die locker sitzende Rüstung, strichen liebevoll über ihren gewölbten Bauch. »Und ich erwarte ein Kind. In etwa neunzig Sonnenumläufen dürfte es soweit sein.«
Andôkai schnaubte aufgebracht, schwieg jedoch.
Narmora sah, dass ihre Freude nicht geteilt wurde. Sie atmete tief ein. »Verzeiht, es ist spät. Ich möchte sehen, wie weit Furgas gekommen ist«, entschuldigte sie sich, erhob sich und ging auf den Ausgang zu.
»Kann ich dich wirklich nicht überreden?«, traf sie die Frage der hartnäckigen Maga in den Rücken. »Was muss geschehen, damit du es dir anders überlegst?«
Sie schaute über die Schulter nach hinten, sah die Silhouette der Frau im Licht des aufgehenden Mondes. »Es gibt nichts, was mich dazu bringen könnte, meinen Schwur zu brechen«, antwortete sie mit fester Stimme, ehe sie ihren Weg hinaus fortsetzte.
Die Maga seufzte, ihre Schritte führten sie zu der Statue, die einst ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen war. »Armer Freund. Wie sehr brauchte ich deine Unterstützung«, hauchte sie gedankenverloren, während ihre Finger über den kalten Stein glitten, jede Falte des Umhangs ertastend. Tot. Tot wie Turgur der Schöne, Sabora die Schweigsame und Maira die Hüterin.
Sie wandte sich traurig ab, ihre Augen schweiften durch die Ratshalle.
Narmora war eine Närrin, sich von ihren Gefühlen und der Liebe zu einem Mann Schranken zu Größerem setzen zu lassen.
Das Geborgene Land, im Südosten Gauragars,
Hauptstadt Richemark,
6234. Sonnenzyklus, Frühling
König Bruron stand vor den Toren der gewaltigen Kornspeicher, durch die seit den frühen Morgenstunden schwer beladene Fuhrwerke rollten. Um ihn herum standen sieben Leibgardisten und zwei der Lagerverwalter, die sorgfältig Buch darüber führten, welche Art von Getreide und wie viel Malter davon die Hauptstadt verließen.
Ihr Weg führte sie nach Norden, dorthin, wo das Tote Land schwere Spuren hinterlassen hatte. Die Wiesen und Äcker erholten sich von dem Einfluss der finsteren Macht, sodass im Sommer vielleicht gesunde Halme aus der Erde brechen würden, aber die Menschen, die dort lebten, benötigten zuerst das Saatgut - und etwas zu essen.
Die Hand mit dem Griffel, der eine weitere Zahl in die dünne Wachsschicht kratzte, deutete auf einen Karren, der an ihnen vorüberzog. »Mein König, unsere Vorräte neigen sich beträchtlich dem Ende zu.«
»Ich weiß, dass unsere Speicher bald leer sind.« Bruron, in die unauffällige dunkelbraune Tracht eines Gutsverwalters gehüllt, beobachtete die hüpfenden Fässer auf den Ladeflächen, die sein letztes Korn aus der Stadt schafften. »Es macht nichts. König Nâte erhielt gestern eine Bestellung über 5000 Fass Getreide, das für den Norden meines Reiches bestimmt ist. Und wir bekommen Nachschub aus Idoslân.« Er schlug seinem Beamten lachend auf die Schulter. »Ich rechne mit. Meine Untertanen werden nicht darben müssen. Es sind nochmals 5000 Fass auf dem Weg zu uns.«
Einer seiner Gardisten machte ihn auf den Zug von dreißig Personen aufmerksam, der auf den Durchlass ins Innere des Stadtkontors zuhielt und aus Menschen sowie drei Zwergen bestand. Ihre Mienen ließen nichts Gutes ahnen.
Brurons Lippen wurden schmal. Mit diesem Besuch hatte er gerechnet und sich nicht unbedingt darauf gefreut. Dummerweise gab es für ihn kein Entrinnen, er würde sich den unerquicklichen Fragen seiner unangenehmen Gäste stellen müssen.
Prinz Mallen zügelte sein Pferd und rutschte aus dem Sattel. Sogleich eilten Diener herbei, die sich um sein Reittier kümmerten. Seine Soldaten blieben im Sattel, die Zwerge stellten sich an die Seite des Ido. »Ich grüße Euch, König Bruron«, sagte der Prinz und deutete eine Verbeugung an.
»Und ich grüße Euch, Prinz Mallen«, erwiderte der König freundlich. »Ich hörte von den Triumphen, die Ihr und Eure Reiterei gegen die Orks errungen habt.« Er nickte den Zwergen zu. »Natürlich mit der tatkräftigen Unterstützung Eures Volkes. Meine Untertanen wissen sehr zu schätzen, dass Ihr sie von der grün- und schwarzhäutigen Pest befreit.« Seine mit Ringen geschmückte Hand legte sich in Herzhöhe auf die Brust. »Und ich weiß es ebenso. Mein Dank ist grenzenlos.«
Einer der Zwerge stampfte wütend mit der Axt auf den Boden. »Ein schöner Dank ist das! Unserem ärgsten Feind die Festung Schwarzjoch zu überlassen, während wir im Norden für dich kämpfen, das ist arglistig und keinesfalls das, was wir uns von den Menschen versprochen haben.«
Bruron zog eine leidende Miene. »Ihr trefft mich tief, Herr Zwerg. Und Ihr unterstellt mir Dinge, die nicht stimmen. Es war keinesfalls Arglist, sondern ein folgenschwerer Vertrag, der mich dazu zwang, den Tafelberg zu räumen, kurz nachdem meine Soldaten dort die Wache übernahmen, damit Ihr nach Dsôn Balsur gehen konntet...«
Das Gesicht des Unterhändlers wurde noch zerfurchter. »Es war arglistig«, bestand er.
Prinz Mallen betrachtete die vorüberziehenden Wagen. »Von welchem Vertrag sprecht Ihr?«
»Meine Ahnen schlossen vor langer, langer Zeit eine Vereinbarung mit den Dritten, die ihnen das Schwarzjoch zum Eigentum machte. Auf ewig und ohne Einschränkung.«
»Kann es ein Betrug sein?«, hakte Mallen ein, doch Bruron schüttelte das ergraute Haupt.
»Ich habe meine Archivare in die tiefsten Gewölbe und höchsten Türme gejagt, doch leider kehrten sie mit der Bestätigung der Übereinkunft zurück. Es war der Lohn für die Dritten, die meinen Vorfahren beim Abtragen des Wolkenberges halfen.« Er wandte sich den Zwergen zu. »Es gibt nichts daran zu rütteln«, entschuldigte er sich. »Es gehört den Dritten.«
»Du hättest nein sagen können«, konterte der Zwerg augenblicklich.
»Ich bin an das Wort meiner Ahnen gebunden, und gerade Ihr, die Ihr für unerschütterliche Traditionen steht, solltet Verständnis für meine Lage haben«, gab er zurück. Sein Ton änderte sich nun hörbar, klang schärfer und ungehaltener. Alles war gesagt worden. »Es ist nicht mehr zu ändern, Herr Zwerg. Mir schmeckt es ebenfalls nicht, aber das Wort eines Königs ist das Wort eines Königs.«