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»Nein, bitte«, lehnte er bitter ab. »Du machst es schlimmer für mich, als es ohnehin schon ist.«

Die Gefühle schnürten Tungdil die Kehle zu, er wandte sich ab und lief hinaus, wo ihm Boïndil begegnete. Der Krieger brachte die Ersten des Zwergenzugs und den eisigen Leib seines Bruders mit.

Froh, sich mit einer Aufgabe von seinen trüben Gedanken ablenken zu können, teilte Tungdil die Zwerge in Gruppen ein und ließ sie die zahlreichen Gänge entlang patrouillieren, bis sie sich sicher sein konnten, dass es keine Orks in ihrer unmittelbaren Umgebung gab.

Boëndal war den langen Marsch über auf einer Liege entweder hinter einem Pony hergezogen oder bei zu schlechtem Gelände von vier Zwergen getragen worden. Nun schafften sie ihn auf dieser Liege ganz nahe an die heller und heißer werdenden Flammen der Esse.

»Und jetzt?« Ingrimmsch sah auf das bleiche Gesicht seines Zwillings. »Erwacht er gleich?«

Tungdil legte eine Hand auf Boëndals Stirn. Kalt, trocken. »Es hat sich nichts verändert. Die Esse hat ihre Temperatur noch lange nicht erreicht, es wird dauern, bis wir das weiße Feuer zu sehen bekommen.«

»Ja, aber was machen wir dann?«, drängelte Ingrimmsch, nahm die Hand des Kranken und hielt sie fürsorglich fest. »Heißes Bier! Man muss das Bier bestimmt mit einer glühenden Kohle aus der Esse erhitzen und es ihm einflößen«, bot er eine verzweifelte Lösung für das Rätsel an.

»Ich kann es dir nicht sagen, doch ich verspreche, dass wir so bald wie nur möglich nach den Archiven der Fünften und dort nach einem Hinweis suchen.« Er stand auf und winkte die Heilkundige zu sich, damit sie auf den Zwerg Obacht gab, dann klopfte er Boïndil aufmunternd auf das breite Kreuz. »Komm, wir haben noch zu tun.«

Gemeinsam verließen sie die Schmiede. Balyndis blickte ihnen bekümmert hinterher.

In den nachfolgenden Umläufen begann die friedliche Einnahme des Zwergenreiches.

Die Steinmetzen, die aus dem Stamm der Zweiten mitgereist waren, machten sich sogleich an die Ausbesserungsarbeiten in den mitunter stark beschädigten Räumen, und alle packten mit an.

Die Schmiede der Ersten befeuerten die Hochöfen und schufen aus dem glühenden Eisen Beschläge und Platten, um die Eingänge zu sichern oder Verteidigungsvorrichtungen zu schaffen. Das unablässige Klirren der Hämmer durchdrang das Gebirge und erinnerte den Felsen daran, wie lebendig es vor mehr als 6000 Sonnenzyklen in seinem Innern gewesen war.

Die Kunst der Vierten, das Schleifen und Schneiden von Gemmen und Edelsteinen aller Art, wurde noch nicht benötigt, also machten sie sich überall dort nützlich, wo hilfreiche Hände gebraucht wurden, und erforschten mit jedem neuen Sonnenumlauf mehr von den Gängen, Sälen, Hallen und Kavernen.

Doch so sehr Tungdil und die anderen suchten, es fand sich keine Steintafel und kein Pergament, auf dem ein Heilmittel für Boëndal oder auch nur die Legende um die Wirkung des Drachenbrodems geschrieben stand. So verbrachte der eiskalte Zwerg seine Tage und Nächte auf der Liege neben der Esse, ohne dass sich sein Zustand veränderte.

Die Zeit verging dabei wie im Flug, täglich entdeckten sie Vergessenes und staunten über die hohe Handwerkskunst der Fünften, wann immer es um die Bearbeitung von Schätzen ging. Die Ersten, die sich bislang für meisterlich im Umgang mit Gold und anderen Edelmetallen gehalten hatten, gestanden neidlos die Überlegenheit der Zwerge ein, durch deren Gänge sie nun schritten.

Tungdil kam zu dem Entschluss, dass sie hier in den Gängen nichts finden würden, was dem erstarrten Zwilling helfen könnte. So führte er den Trupp an, der in den Norden vordrang, um nach dem Steinernen Torweg und weiteren Geheimnissen zu sehen.

Um genau zu sein, war es auch seine Art der Flucht vor Balyndis, ihrem unwiderstehlichen Lachen, ihrer ganzen freundlichen Art und nicht zuletzt ihrem anziehenden Äußeren.

Allein die Vorstellung, dass Glaïmbar Scharfklinge aus dem Clan der Eisendrücker vom Stamm Borengars Seite an Seite mit Balyndis leben würde, stürzte seine Laune augenblicklich in bodenlose Abgründe der Verzweiflung und schürte ein Gefühl, das ihm nicht geheuer war: Er wünschte dem Zwerg den Tod.

Und kaum dachte er daran, flüsterte ihm ein böser, unsichtbarer Dämon etwas ein. Sein Tod wäre eine feine Sache. Balyndis wäre in einem solchen Fall Witwe und frei in ihrer Entscheidung, wer ihr nächster Gemahl sein sollte.

Tungdil horchte auf. Dass Balyndisʹ Wahl auf ihn fiele, stand außer Frage.

Das ist bestens, nicht wahr?, raunte der Dämon und verschwand vorerst aus seinem Kopf. Tungdil erschrak vor sich selbst.

Das verschlossene Gesicht seines Freundes entging Ingrimmsch selbstverständlich nicht, der darauf bestanden hatte, ihn zu begleiten.

»Nun erfährst du eine weitere Seite des Lebens als Zwerg«, sprach er ihn an, während sie rasteten und er sich eine Pfeife stopfte. Sie saßen etwas abseits von der fünfzig-köpfigen Gruppe und am steinernen Ufer eines unterirdischen Bachs, niemand konnte sie hören, und von daher wagte er es, offen zu sprechen. »Ich bin kein guter Redner, Gelehrter, im Gegensatz zu dir.« Er paffte schnell, und der glimmende Span setzte den Tabak in Brand. »Aber ein guter Zuhörer. Dabei muss man nicht zu viel denken.« Die Arme vor der Brust gekreuzt, lehnte er sich gegen den Fels und wartete. »Los. Rede es dir von der Seele.«

»Was denn?«

»Das, was dich bedrückt.« Er tippte mit dem Mundstück gegen Tungdils Kettenhemd. »Raus damit, oder soll ich so lange ihren Namen schreien, bis du den Mund aufmachst?«

Tungdil atmete hörbar aus und schnitt sich von dem getrockneten Pilz und dem Käse ab. »Es ist ungerecht«, lautete sein erster Satz, gefolgt von einer wahren Flut aus Worten, in denen er dem Freund seine inneren Qualen offenbarte. »Ich dachte, ich könnte es ertragen, sie lediglich als Freundin zu haben«, schloss er. »Aber es geht nicht.« Er legte sein Essen hin, der Hunger war ihm gründlich vergangen. Stattdessen nahm er einen tiefen Schluck aus dem Weinschlauch.

»Du wirst ein Säufer, weißt du das?« Boïndil zog schmatzend an der Pfeife. »Du wärst nicht der Erste, der wegen der Liebe im Branntwein ertrinkt«, hielt er ihm das warnende Bild vor Augen. »Ich frage mich, ob mein Bruder und ich nicht Schuld an dem tragen, was du durchleidest.«

»Ihr?« Tungdil wischte sich die dunklen Tropfen, die daneben geronnen waren, aus dem Bart.

Ingrimmsch nickte ernst. »Wir hatten viel Zeit, dich unterwegs, als wir dich ins Reich der Zweiten brachten, auf unser Volk und die Gesetze vorzubereiten. Es scheint, als hätten wir die wichtigsten vergessen oder nicht genügend erklärt. Der Erhalt des Stammes steht an erster Stelle, dann kommt der Clan, dann die Gemeinschaft der Familie. Die Gesetze erhalten... die Ordnung, die uns Geborgenheit und... Sicherheit gibt...«

»Wenn sie gebrochen werden, zerfällt alles«, half ihm Tungdil seufzend, als er die aufkommende Sprachlosigkeit Boïndils bemerkte.

»Genau. Balyndis durfte also nicht anders handeln, verstehst du das?«

»Ich bin bei Menschen aufgewachsen...«

»Auch bei ihnen gibt es sicher von den Familien verabredete Hochzeiten«, brummte Ingrimmsch.

»Mag sein, doch bei den Menschen, die ich kannte, war nur die Liebe entscheidend. Daher dachte ich, es wäre auch bei unserem Volk so.« Er lehnte sich ebenfalls gegen den Stein. »Boïndil, ist es besser, wenn ein anderer die Fünften anführt?«