Der rotäugige Bulle beobachtete das nervöse Pferd lauernd und senkte den Kopf mit der beeindruckenden Kampfmaske. Ondori gab ihm mit einem leichten Schenkeldruck zu verstehen, dass er einen Satz vorwärts machen sollte. Agrass setzte die anderthalb Schritt langen Hörner wie eine Gabel ein und fuhr damit unter Ross und Reiter, ohne sie zu durchbohren. Dann warf er den Nachtmahr so leicht um, als wöge er nicht das Geringste.
»So langsam finde ich ihn nicht«, sagte die Albin genüsslich, als Estugon im Staub landete.
Aufgeregt wiehernd sprang der Mahr wieder auf die Hufe, unter denen die Erde aufglühte; er fletschte die spitzen Zähne und wollte sich für den Angriff rächen. Agrass senkte den Kopf und hielt sich bereit.
Estugon rief sein Reittier zurück. »Ich habe deine Lektion verstanden«, lachte er, während er aufstieg. »Dennoch wäre der Stier in einem Wettreiten unterlegen.«
»Im Kampf brauche ich seine Stärke und Wendigkeit. Als Siegerin muss ich nicht schnell sein, um vom Schlachtfeld zu reiten«, gab sie selbstsicher zurück.
Ondori ließ den Blick über Dsôn schweifen und genoss das von ihr so geliebte geheimnisvolle Funkeln, Schimmern und Leuchten. Lange Zeit würde sie es nicht sehen, und sie bat Samusin und Tion, ihr den Anblick danach nie mehr zu verwehren.
Das Geborgene Land, sieben Meilen
vor dem Reich der Fünften,
6234. Sonnenzyklus, Frühling
Myrmiandas Hände lösten den Verband. Zufrieden besah sie die Wunden, die sich geschlossen hatten. »Du hast es geschafft, Tungdil«, sagte sie, ohne die Augen von den Verletzungen zu nehmen.
»Nein, du hast es geschafft«, widersprach er erleichtert. »Deine Kräuter waren es, welche die Entzündung verhinderten.«
»Aber deine Zähigkeit machte eine Inflammation unmöglich.« Sie tauschte das ausgetrocknete Moos gegen eine neue Lage aus und fixierte sie vorsichtig; der Abfall landete im Lagerfeuer, wo er knisternd verbrannte. »Wenn wir beim Grauen Gebirge angekommen sind, wirst du fast nichts mehr davon spüren«, versprach sie ihm. Jetzt hob sie den Blick. Und lächelte.
Darauf hatte sich Tungdil gefreut, so wie ihn alles freute, was die Zwergin in seine Nähe brachte. Die Wanderung gestaltete sich durch ihre Anwesenheit als äußerst kurzweilig. Myr, wie er sie inzwischen vertrauensvoll nennen durfte, unterhielt sich gern mit ihm; sie redeten über alle möglichen und unmöglichen Dinge, was ihn sehr an die Abende in Lot-Ionans Bibliothek erinnerte.
Es kam viel zu selten vor, dass er Gelegenheit erhielt, mit jemandem Gedanken auszutauschen, der einen ähnlich wissensdurstigen und zugleich wissensbeladenen Verstand besaß wie er. Myrs Körper und Geist ergänzten sich so vollkommen wie Hammer und Amboss.
Er lächelte zurück. »Ich werde dich beim Wort nehmen.« Mit ihrer Hilfe schlüpfte er in sein Lederwams und das Kettenhemd, das ihm Gemmil gegeben hatte, und setzte sich neben das Feuer.
Vraccas schien es gut mit ihm zu meinen, dass er ihm diese Zwergin sandte, um Balyndis zu vergessen. Schon bangte er vor dem Sonnenaufgang, an dem Myr das Graue Gebirge verlassen würde. Auf der anderen Seite durfte er auch nicht ewig in den unterirdischen Gefilden der Geisterzwerge bleiben, da er geschworen hatte, das Reich der Fünften neu aufzubauen. Allerdings hatte er den Grundstock ja gelegt, der Rest war Glaïmbars Angelegenheit.
Was soll ich tun?, grübelte er und betrachtete Myr über die Flammen hinweg, wie sie ihre Verbandstasche packte. Er wunderte sich selbst über die Gefühle, die in ihm tobten.
»Eine kleine Schwärmerei, Gelehrter?«, neckte ihn Boïndil, der ein Stück Käse an einem Stöckchen röstete. »Bewahrt dich dein wacher Verstand nicht davor, dich von einem Rock an den nächsten zu hängen?«
Der Unterton in seiner Stimme machte Tungdil aufmerksam. »Bist du eifersüchtig?«
»Pah, eifersüchtig. Das ist der falsche Ausdruck.« Boïndil kostete vom Käse, brummte unzufrieden und schwenkte ihn wieder übers Feuer. »Ich bin kein Weib, sondern ein Krieger. Weiber sind eifersüchtig, ich bin... enttäuscht.« Er nickte hinüber zu der Zwergin. »Du hast dich die ganze Zeit nur mit ihr unterhalten. Deinen alten Freund hast du ganz allein zwischen den Ausgestoßenen marschieren lassen.« Er fuchtelte mit dem Käse vor seiner Nase herum. »Und die sind alles andere als unterhaltsam, das sei dir gesagt.« Beleidigt biss er vom Käse ab und stopfte Brot hinterher.
»Über was hätten wir denn reden sollen?«
»Über so manches«, gab Boïndil mit vollem Mund zurück. »Über die Albae, die uns angegriffen haben, was das für eine seltsame Kuh war, was nun ohne die Feuerklinge werden soll, wie es Boëndal geht und ob die Schweineschnauzen vor den Toren stehen oder was die Rune der Untergründigen im Jenseitigen Land zu bedeuten hatte«, zählte er auf und wurde dabei immer lauter. »Stattdessen stolzierst du um dieses bleichhäutige Wesen mit den karnickelroten Augen herum, sprichst so gebildet daher, dass sich deine Zunge um die Zähne wickelt, und vergisst beinahe, weshalb wir ausgezogen sind.«
Die leisen Unterhaltungen ihrer Eskorte verstummten. Myr, die bei den Heilern saß und ihnen soeben etwas erklärte, schwieg ebenfalls und blickte herüber.
Tungdil passte nicht, was sich da anbahnte. Ingrimmschs feuriges Wesen brach hervor, er redete sich in Rage und hatte zu lange schon keinen Gegner mehr vor der Klinge gehabt, an dem er den Tod ihrer Begleiter rächen konnte. Außerdem fühlte Tungdil sich jetzt, wo der Zwilling ihm sein Herz ausgeschüttet hatte, tatsächlich ein wenig schuldig.
Boïndil biss herzhaft in den Käse und brach dabei ein Stück Holz mit ab, das er einfach mitkaute, so sehr regte er sich auf. »Ich wundere mich, Tungdil. Ich wundere mich, wie schnell du vergessen kannst.«
»Du hast mir selbst den Rat gegeben«, widersprach er ihm lahm.
»Du solltest vergessen, dass Balyndis deine Gefährtin werden wollte, aber nicht alles andere«, herrschte der Zwilling ihn an und sah überhaupt nicht ein, leiser zu reden. »Es ist deine Pflicht...«
»Meine Pflicht?«, brauste Tungdil auf. »Ich habe es satt, ständig etwas über Pflichten zu hören, Boïndil. Jeder nahm mich in die Pflicht, Lot-Ionan, der alte Großkönig, die Zwerge, das Geborgene Land. Damit ist Schluss! Ich entscheide von heute an, was ich tun will und was ich schwöre, niemand sonst, kein Clan, kein Stamm, keine Familie...«
»Ho, so ist das also? Du warst wohl schon zu lange bei den Mördern und Ausgestoßenen, was? Du hast leicht reden«, redete Ingrimmsch dazwischen. »Du hattest das alles nicht. Du bist kein...« Er biss rasch auf das Stöckchen, um zu verhindern, dass er noch weitere Dummheiten von sich gab. Fest kaute er darauf herum, und es knackte hörbar.
Doch es war zu spät, Tungdil wusste sehr gut, worauf der Krieger hinauswollte. Seine Augen funkelten ihn an. »Sag es doch, Boïndil. Trau dich und sag mir ins Gesicht, was viele andere auch denken.« Als keine Antwort kam, fuhr er fort: »Der Held des Schwarzjochs ist ein Dritter, ein Zwerg, der bei Menschen aufwuchs, eine Absonderlichkeit, die durch merkwürdige Geschicke eine größere Rolle spielte, als es ihr zustand.« Er wandte sich dem Feuer zu. »Ihr vergesst dabei, dass mich der Großkönig und Balen-dílin in die Sache hineingezogen haben. Ohne sie wäre alles ganz anders gekommen. Dann müsstet ihr euch nicht mit mir beschäftigen, und ich wäre heute ein fahrender Zwerg, der seine Schmiedekünste den Menschen gegen Geld anbietet. Oder einer von den Freien!«
Boïndil taten seine Worte Leid. »So habe ich es nicht gemeint«, versuchte er seine unbedachte Äußerung zu erklären. »Ohne dich würde das Geborgene Land Nôdʹonn gehören...« Er rang nach Worten. »Am besten, wir vergessen den Unsinn«, schlug er bittend vor. »Lass uns so tun, als hätte ich nichts gesagt, Gelehrter.«