Tungdil lächelte traurig und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Es war kein Unsinn, Boïndil. Du hast wahr gesprochen. So wahr wie ich.« Er stemmte sich in die Höhe und ging weg vom Feuer. Der Zwilling wollte ihm nach, doch Myrmianda gab ihm ein Zeichen, dass er bleiben und sie gehen lassen sollte.
Sie fand ihn unter einem Baum, er spielte mit einem Kiesel, den er gefunden hatte. »Es scheint nicht leicht zu sein, ein Held zu sein«, sagte sie und setzte sich neben ihn. »Du hattest eine Gefährtin, die du nicht an deiner Seite haben durftest, habe ich das richtig verstanden?«
Er seufzte. Jetzt wird sie alles falsch verstehen. »Ja, Myr, es stimmt. Sie heißt Balyndis Eisenfinger, und bis vor wenigen Sonnenumläufen habe ich geglaubt, mit ihr den Ehernen Bund einzugehen und bis zum Ende aller Sonnenaufgänge im Grauen Gebirge zu leben«, gestand er ihr.
»Aber sie folgte den Traditionen und beugte sich dem Willen des Clans«, erahnte sie. »Dein Herz wird den Kummer überstehen, Tungdil.« Ihre Hand langte nach dem Kiesel, wie zufällig berührten sich ihre Finger. »Wenn ich ihm dabei helfen kann, lass es mich wissen«, raunte sie, erst dann löste sie ihre Finger von den seinen.
»Myr... ich...« Tungdil fühlte das gleiche Kribbeln im Magen, wie es sich einstellte, wenn die Loren in den Tunneln eine steile Bahn hinabschossen und der Fahrtwind durch die Eingeweide zog.
Sie hockte sich vor ihn, legte den schlanken Zeigefinger auf seine Lippen. »Ich bin niemandem versprochen, Tungdil, ich bin frei in meiner Entscheidung, und ich habe keinen Zwerg kennen gelernt, der ein solches Wissen hat wie du. Du fesselst mich mit deiner Art, ganz gleich, was es mit deiner Vergangenheit auf sich hat. Ich kenne genügend Dritte, die sich nichts zuschulden kommen ließen, solange sie in unserer Gemeinschaft lebten.« Im Licht des Mondes sahen ihre roten Augen geheimnisvoll aus, seine Strahlen brachten ihre weißen Haare und den Gesichtsflaum zum Leuchten. »Dein Herz trauert. Das soll es auch. Eine Wunde muss ausbluten, damit in ihr nichts zurückbleibt, was sich entzünden kann.« Ihr Mund näherte sich seinem Gesicht, sie küsste ihn sanft auf die Stirn. »Wenn dein Herz bereit ist und du dir sicher bist, was du für mich empfindest, und wenn es mehr als ein Strohfeuer oder die Rache an Balyndis ist, dann sag es mir. Ich werde dein Herz verbinden und es heilen.« Sie setzte sich wieder neben ihn.
Stumm betrachteten sie die Gestirne, die über dem Grauen Gebirge funkelten. »Danke«, sagte Tungdil irgendwann.
»Danke wofür?«, wollte sie wissen. »Ich habe dir nur gesagt, was ich empfinde.«
»Für dein Verständnis. Für deine Gegenwart. Für alles, was du mir in den letzten Sonnenumläufen beschert hast«, antwortete er ihr ergriffen.
»Es war auch mir ein Vergnügen«, erwiderte sie leise lachend, und es klang bezaubernd. »Wann trifft man schon einen Zwerg wie dich, gebildet, noch dazu ein Krieger und gut aussehend?« Er senkte den Kopf. »Entschuldige, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen. Sollen wir über etwas anderes reden? Über Dinge, wie sie dein Freund verlangte? Oder über das Jenseitige Land? Ihr scheint dort gewesen zu sein. Wie ist es da?«
»Neblig.« Tungdil grinste schief, aber kaum rief er sich das Bild aus seinem Gedächtnis wieder vor Augen und beschrieb Myr die Abenteuer in der unbekannten, unwirklichen Umgebung außerhalb des Zwergenreichs, überfiel ihn ein Schauder.
Sie zog die Schultern hoch, als fröstelte auch sie. »Es ist ein unheimlicher Ort, an dem ich nicht sein wollte. Ich wäre schreiend durch den Nebel gelaufen und vermutlich in eine Spalte in den Tod gestürzt. Wie schade, dass es keine Aufzeichnungen über die Zwerge dort gibt. Wie nanntest du sie noch gleich... die... Untergründigen...«
»Es ist schwierig, etwas über sie herauszufinden.« Tungdil sah sie nachdenklich an. »Wie alt bist du, Myr? Woher stammt deine Bildung?«
Sie grinste. »Ich bin noch jung, kaum mehr als einhundertvier Zyklen. Meine Eltern starben kurz nach meiner Geburt bei einem Stolleneinsturz, sodass ich von Zwergen aufgezogen wurde, die frisch in unser Reich gelangten und Bücher mit sich brachten. Durch ein Wunder überstanden sie das Bad im Weiher, und ich las sie. Alle. Wieder und immer wieder, bis ich jede Zeile, jede Rune auswendig kannte.«
»So kamst du zu deinem Wissen?«
»Nein, aber so fing es an«, lächelte sie. »Ich machte mich auf die Suche nach Büchern, ich glaube, ich habe an jede Tür geklopft und gefragt. So kam ich zu meinem Wissen. Vor lauter Lesen vergaß ich, dass man als Zwerg schmieden und kämpfen sollte.« Sie zwinkerte ihm zu. »Da, schaut, die magere Myr! Sie schleppt Bücher...«, sagte sie mit verstellter Stimme und rempelte ihn in die Seite. »Du glaubst nicht, welchen Spaß es macht, den spottenden Jungzwergen von damals einige Zyklen später die Wunden zu vernähen und die Nadel langsam durch die Haut zu ziehen.« Sie ahmte die Bewegung nach. »Gaaanz laangsam.«
»Wie grausam«, lachte Tungdil. »Waren deine Eltern auch beide...« Er suchte nach der passenden Bezeichnung.
Sie verstand. »Weiß wie Schnee und mit karnickelroten Augen, oder wie hat dein Freund sich vorhin ausgedrückt? Ja. Sie lebten wie ihre Vorfahren bei den Freien. Ich denke, die Veränderung stellt sich ein...«
»... wenn man niemals an die Sonne geht«, vollendete er aufgeregt, weil er seine Theorie bestätigt sah. »Es ist wie bei den Molchen!« Um die missverständliche Äußerung nicht einfach so stehen zu lassen, erklärte er ihr seine Gedanken rasch, ehe sie ihn aus Ärger über den Vergleich noch schlug.
»So wird es wohl sein«, stimmte sie ihm nicht weniger lebhaft zu. »Wozu sollten sie auch an die Sonne? Das Reich ist riesig«, schwärmte sie. »Und unsere Bauwerke müssen anders sein als diejenigen, die du kennst. Mir fehlt der Vergleich nicht mehr lange, ich bin gespannt, wie es bei den Fünften aussieht.«
»Unfertig«, brachte es Tungdil auf den Punkt und spürte die Neugier in sich brodeln. »Ihr lebt also anders?«
»Wir haben Städte in gewaltigen Höhlen errichtet, mehrstöckige Felshäuser, über denen ein steinerner Himmel schwebt und an dem Edelsteine funkeln«, berichtete sie. »Wenn es dich zum Wasser zieht, kannst du an einem See bauen; hast du Hunger, reicht es, die Rute aus dem Fenster zu werfen. Die Fische beißen von selbst an.«
Er versuchte sich die Städte vorzustellen, doch es fiel ihm schwer. Eines war gewiss: Myr hatte in der Mehrzahl gesprochen, demnach gab es mehr als eine Siedlung der Freien. »Ich wüsste gern, wie viele...«
Sie lachte, stand auf und streckte ihm die Hand hin. »Ich habe dir schon viel zu viel von unseren Geheimnissen enthüllt. Komm, wir gehen zurück. Die anderen machen sich sicher Sorgen. Du wirst es bald selbst sehen.«
Tungdil fasste ihre Hand und ließ sich von ihr aufhelfen. Überrascht stellte er fest, dass sie mehr Kraft besaß, als es den Anschein hatte. Wer Bücher schleppt, kann so schwach nicht sein.
Als sie ans Feuer traten, nickte ihnen Boïndil zu, der Wache hielt.
Tungdil ging zu ihm und schloss ihn kurz, aber kräftig in die Arme. Der Krieger klopfte ihm erleichtert auf die Schulter und freute sich, dass ihm seine Worte verziehen waren. »Wenn ich den Käse gegessen habe, rede ich dummes Zeug«, brummte er. »Siehst du mich den Käse kauen, gib nichts auf das, was ich anschließend sage.«
Tungdil lachte. »Ich merke es mir, Boïndil. Vergeben und vergessen.« Er legte sich neben dem Feuer zur Ruhe und schaute zu Myrmianda, die ihn durch die Flammen hindurch beobachtete und ihm ein Lächeln zuwarf, wie es Balyndis vor nicht allzu langer Zeit getan hatte.
Das Geborgene Land, das Graue Gebirge
vor dem Reich der Fünften,
6234. Sonnenzyklus, Frühling