Der Ork sprang über einen Felsquader in Deckung, streckte die flache Nase in den Wind, der von Norden her über die Berge wehte, und witterte lautstark in Richtung des großen Durchgangs.
Die Brise trug ihm nichts zu, wovor er sich fürchten musste.
Er hob den Kopf weiter und lugte über die Kante des Brockens. Die Flügel des Portals standen einladend offen, weit und breit war nichts von einer Wachmannschaft zu sehen, die sich ihm in den Weg stellen oder bei seinem Auftauchen Alarm schlagen könnte.
Grunzend erhob er sich und ging zwischen Felsen und Mauertrümmern hindurch, geradewegs auf das riesige Tor zu, das den einfacheren Weg in das Reich der Unterirdischen bot.
Weil ihr Fürst Ushnotz den bekannten Pfad zum Steinernen Torweg über den Pass verschmähte, hatten sie eine zweite Möglichkeit gesucht, und er war als Erster von allen Spähern fündig geworden. Er ging auf den Eingang zu; achtlos trat er in die Schmelzwasserpfützen, die sich überall auf dem Untergrund gebildet hatten, und schnupperte vorsichtig hinein, ob er nun eine frische Spur von Unterirdischen roch.
Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Er nahm sein Rufhorn, wandte sich um und blies fest hinein, damit man sein Signal noch in weiter Ferne hörte.
Es wurde sogleich beantwortet. Ushnotz gab ihm den Auftrag, auf sein Eintreffen zu warten und den Eingang weiter zu sichern.
Der Ork dachte nicht daran, auf seine verdiente Rast zu verzichten. Schließlich war er der Glückliche, der dem Heer einen schweren Aufstieg und einen Marsch durch Schneefelder und über Gletscher hinweg bis zum Tor ersparte.
Zufrieden quiekend setzte er sich auf einen Stein, der im Schatten des Grauen Gebirges lag, und wühlte in seinem Rucksack herum, bis er das grobe Jutetuch fand. Darin hatte er die Reste des Fleischlings eingewickelt, den er unterwegs bei einer zufälligen Begegnung erschlagen hatte. Da der Mann recht groß gewesen war und er ihn nicht an einem Stück hatte verspeisen wollen, hatte er sich die Unterschenkel als Proviant mitgenommen. Dass das Fleisch bereits stank, störte ihn nicht weiter. Es machte den Geschmack sogar noch besser.
Seine Hauer gruben sich in die Beute und rissen einen großen Fetzen heraus. Genießerisch grunzend kaute er darauf herum und schlang ihn hinunter.
Dabei erinnerte er sich noch einmal an die Schlacht, die sie gegen die Menschen in Gauragar geschlagen hatten. Das Schwarze Wasser hatte ihn und seine Freunde unbesiegbar werden lassen, das hatten die Soldaten, die sich ihnen in den Weg gestellt hatten, ganz schnell erfahren. Es war ein Leichtes gewesen, über die Barrikaden der Rotbluter zu gelangen, ihre Reihen aufzubrechen und sie zu vernichten. Seit langem hatte es genug Essen für das ganze Heer gegeben.
Wieder biss er in den Unterschenkel, doch die Gier war zu groß. Das nächste Stück steckte in seinem Schlund fest, alles Trommeln auf die Brust half nichts, es wollte nicht in den Magen rutschen. Würgend und fluchend suchte er nach seinem Trinkschlauch, während ihm mehr und mehr der Atem ausging. Der Schlauch glitt durch seine Finger und rollte über den abschüssigen Boden. Der Ork hopste in grotesken Sprüngen hinterher, bis er es aufgab und zum Becken lief, in dem sich das klare Nass des Wasserfalls sammelte.
Er legte sich auf den Bauch und streckte den Hals, um an das Wasser zu kommen; kühl rann es durch seine Kehle und spülte das quälende Stück Fleisch hinunter.
Beim Trinken entdeckte er, dass er auf einem flachen Felsstück lag, unter dem sich ein Kanal von einem halben Schritt Breite verbarg, durch den das Wasser abfloss.
Die alte Vorrichtung der Unterirdischen kümmerte ihn nicht weiter, er ging auf die Knie und wollte sich mehr Wasser schöpfen, wobei seine Augen auf den Wasserspiegel blickten. Er staunte nicht schlecht: Er sah aus wie ein grimmig dreinblickender Zwerg, mit dichtem, blondem Bart und wallenden Haaren, die unter dem Helm hervorquollen!
Der Ork verstand es auf Anhieb. Der Wasserfall war von dem Gott der Unterirdischen verflucht und hatte ihn in einen solchen verwandelt. Er bekam furchtbare Angst und quiekte schrill auf. Ushnotz würde ihn auf der Stelle töten, wenn er ihm so begegnete.
Während er nachdachte, fing sein Spiegelbild an zu grinsen und streckte ihm frech die Zunge heraus.
Er stutzte, näherte sich dem Wasser und schnupperte. Erschrocken fuhr er zurück, weil er nun sogar roch wie einer seiner Todfeinde.
Ratlos starrte er auf das Spiegelbild im sachte dahinfließenden Wasser und merkte verwirrt, wie er einen zweiten Zwergenkopf bekam, der mit beiden Händen eine Axt über dem Helm schwang.
»Ein Eingang«, grunzte Ushnotz zufrieden. Er hatte sich auf die flache Spitze eines großen Felsens begeben, um einen besseren Überblick zu erlangen. »Fastok hat ihn wirklich entdeckt.«
Runshak stand neben seinem Herrn und betrachtete das leicht abschüssige Gelände, das außer einigen Trümmern keinen nennenswerten Schutz bot. Auf einem Stein neben dem Wasserfall lag Fastok, den Helm in die Stirn gezogen und die Beine bequem übereinander geschlagen. »Das glaube ich nicht. Der Hohlkopf schläft!«, grunzte er, hob einen faustgroßen Stein und schleuderte ihn nach dem Späher, doch das Geschoss ging vorher zu Boden und kullerte nur bis zu dessen Stiefelspitzen, anstatt ihn in die Weichteile zu treffen. »He!«, brüllte er. »Sichern sollst du, du Nachgeburt einer stinkenden Fleischlingsfrau!«
»Lass die Männer vorrücken und sich hier sammeln«, befahl Ushnotz, dessen Stimmung angesichts der friedvollen Umgebung stieg. »Sie sollen wachsam sein.«
Der breit gebaute Ork richtete sich zu seiner vollen Größe von zwei Schritt auf und schrie seine Befehle den Berghang hinab, an dem sich die Streitmacht in einer schier endlosen, klirrenden Schlange nach oben wand. »Es sind zu viele«, schätzte er. »Wir werden sie in Rotten einrücken lassen.«
»Einrücken in unser neues Reich«, grunzte der Fürst und schaute hinauf zu den Spitzen des Gebirges. »Es wird nicht ganz so einfach wie in Toboribor werden, doch es ist besser, als von den Reitern Prinz Mallens gehetzt zu werden.«
Sein Plan stand. Sobald sie sich mit den Labyrinthen im Berg vertraut gemacht hatten, würde ein Teil von ihnen auf Jagd gehen und den Siedlungen rundum einen Besuch abstatten.
Die Menschen würden ganz sicher freiwillige Abgaben an ihn leisten. Gauragar verfügte nicht über das gleiche gute Heer wie Idoslân, und schon gar nicht würden sie es wagen, ihn anzugreifen, solange die weitaus gefährlicheren Albae unbesiegt in Dsôn Balsur hockten und auf einen Fehler der Angreifer warteten. Das gab ihm die Zeit, sein Imperium zu errichten, das niemals wieder fallen und das er dank des Schwarzen Wassers ewig regieren würde.
An Nachschub mangelte es nicht; seine Leute schleppten außer ihren Trinkflaschen noch zusätzliche Behältnisse mit der dunklen Brühe heran. In den Hallen der Unterirdischen ließ sich bestimmt ein Becken finden, in das sie das Schwarze Wasser hineinfüllen konnten. Falls die Wirkung nachließ, reichte ein kleiner Schluck. Und mit der Zeit gewöhnte man sich an den Geschmack.
Ushnotz lachte brüllend. »Unser neues Reich«, wiederholte er und schaute zu, wie seine Krieger an ihm vorbeiliefen und allmählich die kleine, steinerne Ebene vor dem Eingang füllten. Sie jubelten ihm zu, reckten die Waffen und schlugen gegen die Schilde, um ihm zu huldigen.
Runshak machte sich vor Wut schnaubend auf den Weg zum ruhenden Fastok, den es nicht kümmerte, was um ihn herum geschah.
»He«, quiekte er und trat dem Späher fest in die Seite. Als sich nichts tat, stellte er sich mit einem Fuß auf das Schienbein und drehte seine Sohle hin und her. Dieser Schmerz hätte jeden Schläfer geweckt. Das sadistische Grinsen verschwand aus seinem hässlichen Gesicht, er bückte sich und riss den Helm weg.
Fastok würde sich nie wieder rühren. Eine Waffe, vermutlich eine Axt, hatte ihm den Kopf bis auf die Höhe der Nase gespalten und danach vom Hals geschlagen. Sein Mörder hatte seine Leiche so drapiert, dass das grüne Blut in einer Felsspalte versickerte und keine verräterische Lache bildete. Der Schädel saß locker auf dem Rumpf und kippelte.