Er schrie vor Wut auf, als die knochige Faust ihn am Mund traf, und schleuderte den Jungen von sich. Er sah, wie sein Gegner hart stürzte und aufkeuchte, aber schon einen Moment später kam er wieder taumelnd auf die Beine. Es war der Kampf eines Wolfes gegen einen Luchs. Johannes war viel stärker, seine Hiebe trafen härter, aber der Russe schien wendiger. Seine Hiebe prasselten so schnell und unvermutet auf Johannes ein, dass er Mühe hatte, die Oberhand zu behalten. Einmal stolperte er und ging zu Boden. Schon im nächsten Augenblick war der Junge über ihm. Eine Faust schoss auf sein Gesicht zu. Im Reflex zog Johannes das Knie an die Brust und trat mit voller Wucht zu. Mit Genugtuung sah er, wie sein Gegner durch die Luft flog und hart auf dem Boden aufkam.
Blut rann ihm aus einer Platzwunde am Kopf, seine armselige lumpige Jacke, die er trug, klappte auf. Ein zerrissenes Hemd kam zum Vorschein und darunter Stoffstreifen, die wie ein Verband aussahen. Der Russe stöhnte und krümmte sich vor Schmerz, bis seine Knie fast sein Kinn berührten. Einen Augenblick blieb Johannes schwankend stehen, ungewiss, ob er weglaufen oder zu seinem Gegner gehen sollte.
Schließlich atmete er tief durch und trat näher. Sein Knie und seine Schulter schmerzten, als hätte ihm jemand ein Eichenbrett dagegen geschlagen. »Was ist?«, fragte er grob. »Hab ich dich zu hart erwischt?«
Der Junge rang immer noch nach Luft, sein Gesicht war knallrot, aber er schüttelte trotzig den Kopf.
»Gebrochene Rippe«, flüsterte er nur.
Johannes verstand – der Verband hielt die Rippe in ihrer Position – zumindest hatte er es bis zu Johannes’ Tritt getan. Das musste weitaus schlimmer schmerzen als ein Hieb mit einem Eichenbrett. Auf der Stelle verpufften seine Wut und seine Kampflust.
Betroffen starrte er den Jungen an, der immer noch nach Luft schnappte. »Du prügelst dich wohl öfter?«, sagte er. »Lass mal sehen!«
Der Junge stieß einen Fluch aus, den Johannes nicht verstand, und fauchte ihn an: »Lass deine Finger bei dir oder ich breche sie dir.«
Besorgt betrachtete Johannes den Mund des Jungen, der vor Schmerzen verzerrt war, und stellte erleichtert fest, dass kein Blut zwischen den Lippen oder aus der Nase hervorquoll. Zumindest hatte sich die Rippe durch den Tritt offensichtlich nicht in die Lunge gebohrt.
»Was willst du eigentlich von mir?«, fragte Johannes. »Du hast mich angegriffen – und wenn du das Maul nicht aufmachst, kann ich nicht wissen, dass du verletzt bist. Meinst du, ich prügle mich mit einem Verletzten?«
Der Junge schwieg und warf ihm nur einen hasserfüllten Blick zu.
»Ach stimmt, ich bin einer der ketzerischen Ausländer«, sagte Johannes bitter. »Uns traut ihr ja anscheinend alles zu, was?«
»Ihr uns etwa nicht?«, gab der Junge zurück. Mühsam kam er auf die Beine.
Beim Angriff war er Johannes viel größer erschienen, nun aber sah er, dass der Junge ihm nicht einmal bis zur Schulter reichte. Plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen, sich auf den Kampf eingelassen zu haben. Als er an sich hinunterblickte, bemerkte er, dass auch sein Hemd einen Riss bekommen hatte und schmutzverschmiert war. »Also, was willst du von mir?«, wandte er sich wieder an den Fremden. »Oder wolltest du nur verhindern, dass ich das tote Mädchen da im Wasser sehe …«
»Davon weiß ich nichts«, sagte der Junge eine Spur zu schnell.
Johannes stutzte. Wie ein Hund, der eine Spur witterte, sah er plötzlich jedes Detail ganz klar, nahm jedes Geräusch, jede Bewegung mit größter Schärfe wahr. Der Junge wusste etwas! »Warum hast du dann versucht mich mit aller Gewalt vom Wasser wegzuprügeln?« Noch während er sprach, kam Johannes ein Verdacht. Misstrauisch musterte er die armselige Gestalt. »Du weißt, wer der Mörder ist, oder? Bist du es? Oder dein Vater? Dein Bruder?«
Zu seiner Überraschung lachte der Junge auf und spuckte voller Verachtung aus. »Da ist keine Tote«, erwiderte er und diesmal klang seine Stimme aufrichtig. »Ich saß über dir im Baum – es war mein Gesicht, das du im Wasser gesehen hast.«
»Lüg nicht, es war ein Mädchen mit langen Haaren, das im Wasser lag! Es hatte weiße Hände und nicht solche … Schmutzpfoten wie du!«
Der Junge zuckte die Schultern. »Na, dann such sie doch«, erwiderte er lässig und deutete auf die Eiche.
Zögernd ging Johannes näher heran. Das Wasser war klar, das konnte er von hier aus erkennen. Die Fische mussten die Leiche weggezerrt haben oder eine Strömung hatte sie in die Tiefe gezogen. »Hör mal«, sagte er. »Ich mag ein deutscher Bastard sein, aber man würde mir glauben, und zwar mehr als dir, wenn ich erzähle, was ich im Wasser gesehen habe.
Also, sag mir die Wahrheit! Wer ist das Mädchen?«
Der Junge trat einen Schritt zurück und verschränkte grinsend die Arme. »Ein Geist oder ein Traum, was sonst? Geh heim und erzähle, du hast ein Gespenst gesehen – die Bauern werden dir glauben, der Zar wird dir im besten Fall ein paar Batokken verpassen lassen. Du wirst ja wohl wissen, was er von Aberglauben hält.«
Mit einem Satz war Johannes bei ihm und packte ihn am Kragen. Diesmal wehrte der Junge sich nicht.
»Halt mich nicht zum Narren!«, fauchte Johannes.
»Der Zar würde mir zuhören – aber noch wichtiger ist, dass sich ein gewisser Oberst Derejew sehr für den Aufenthaltsort der Leiche interessieren würde.«
Endlich huschte Furcht über das Gesicht des Jungen. Heftig machte er sich los und sprang zurück.
Johannes fühlte seine Abneigung wie einen kalten Nebel, der sich um ihn legte und ihm die Luft raubte.
»Was auch immer du im Wasser gesehen hast«, meinte der Junge schließlich leise. »Wenn dir dein Leben lieb ist, dann schweigst du darüber.«
»Wer droht mir, du?« Johannes lachte. »Wie wäre es, wenn du mir einfach die Wahrheit sagst? Wer ist die Tote?«
Die dunklen Augen schienen zu glühen. »Was denkst du?«, sagte der Junge ohne eine Spur von Ironie.
Johannes wurde ernst. Die ganze Situation erschien ihm verrückt wie ein Traum und ebenso irreal.
»Sie ist die Tote aus der Newa, die angeblich Natascha Neglowna Toraschkina heißt. Sie war in unserer Werkstatt aufgebahrt …«
Er hielt mitten im Satz inne. Die Spur wurde deutlicher, sie bekam Farben und Formen und nahm die Gestalt eines geheimnisvollen Gastes an. Beinahe spürte er wieder die Anwesenheit des Eindringlings, der ihm das Leichentuch über den Kopf geworfen hatte und dann durch den schmalen Spalt entwischt war. Mit offenem Mund starrte er den Jungen an.
»Du warst das in der Werkstatt«, stellte er fest.
Der Junge schwieg. »Ihr wolltet die Leiche verschwinden lassen – warum?«
Ein spöttisches Lächeln glitt über das Gesicht des Jungen. Er klopfte sich den Schmutz von den Ärmeln, was ein vergebliches Unterfangen war. »Hör auf, nach einer Toten zu suchen.«
»Ich glaube dir kein Wort«, entgegnete Johannes.
»Kein einziges. Wer bist du?«
»Geh heim«, sagte der Junge leise. »Und erzähle, was du willst.«
»Das werde ich tun. Und sie werden mir glauben.«
»Wie sehr du dich irrst«, sagte der Russe spöttisch und deutete an Johannes’ Schulter vorbei auf etwas, das hinter ihm war. »Sie werden Mitja glauben.«
Johannes fuhr herum. Etwa fünfzig Fuß von ihm entfernt stand der Gottesnarr und starrte ihn an. Als er sah, dass Johannes ihn beobachtete, stieß er einen erschreckten Laut aus und floh.
»Und Mitja wird nur zu gerne erzählen, dass du es warst, der die Leiche wieder in die Newa geworfen hat.«
Johannes fluchte. Mit einem Mal war er in eine gefährliche Sache verwickelt. Noch mehr als die Ungewissheit hasste er die Ohnmacht, die er nun verspürte.
»Also höre auf meinen Rat«, schloss der Junge düster. »Geh heim und vergiss deinen Ausflug hierher.
Am besten vergiss auch mich.«