»In dem Haus gibt es mindestens acht Zimmer«, murmelte Johannes. »Es könnte das Fenster dort oben sein -links neben dem Stall.«
Düster spähte Jelena zu den Stallungen, die sich rechts vom Hauptgebäude erhoben. »Man könnte über das Stalldach klettern.«
Ihre Stimme klang erschöpft und Johannes wagte es, den Arm auszustrecken und sie zurückzuhalten.
»Lass uns warten, bis es Nacht ist«, sagte er leise.
* * *
In Koljas Gaststube drückten sich einige schäbig aussehende Reisende herum. Johannes ließ sich nicht auf ein Gespräch ein, sondern griff sich den Krug mit Kwass und ein Stück Brot mit Speck, für den Kolja einen unverschämten Preis verlangte, und ging mit Jelena in die muffige Kammer. Dort ruhten sie sich aus und warteten, bis die Geräusche im Haus leiser wurden und schließlich verklangen wie der letzte Schlag einer alten Spieluhr. Eine seltsame Ruhe lag über der Kammer, sie setzten sich zusammen um flüstern zu können und besprachen mögliche Strategien.
Mit dem Finger zeichnete Johannes die Grundrisse der Häuser, wie er sie aus Moskau kannte – alte ehrwürdige Gebäude mit einem großen Raum hinter dem Eingang und mehreren kleinen Räumen darüber.
»In den einstöckigen Häusern sind hier gewöhnlich die Bediensteten untergebracht«, sagte er und zeigte auf ein paar winzige Verschlage. »Der Herr schläft im Zimmer neben oder über dem Empfangszimmer.
Wenn wir Glück haben, hält Karpakow sich daran.«
»Wir werden es herausfinden«, meinte Jelena zuversichtlich. Ihre Wangen glühten vor Eifer. Wieder einmal fragte sich Johannes, wie er sie jemals für einen rüpelhaften Jungen hatte halten können. Die Intensität, die von Jelena ausging, und das Gefühl, dem Ziel zum Greifen nah zu sein, vertrieben seine Müdigkeit. Das letzte Klopfen von Schritten war längst verklungen, als sie sich vor die Tür wagten – und gleich wieder den Rückzug antraten. Kolja schlief am Ende des Gangs in einem Sessel. Er war so in sich zusammengesunken, dass der Kragen seines kurzen Mantels ihm bis über die Ohren gerutscht war. In seiner schlaffen Hand lag eine Pistole. Behutsam schloss Johannes die Tür. Bei jedem Schritt knarrte das Dielenholz erschreckend laut.
»Er bewacht seine Gäste«, sagte er.
»Dann gehen wir über das Fenster«, flüsterte Jelena.
Für Johannes war es schwierig, sich durch die
Öffnung zu zwängen, ohne sich blaue Flecken und eine Beule am Kopf zu holen. Der dicke Hofhund, der das Areal bewachen sollte, sah aus, als wäre er soeben an Altersschwäche verschieden, vermutlich war er zumindest taub oder krank.
Ein großer, heller Mond schmückte den Himmel, der immer noch nicht so dunkelblau war wie im Herbst und nicht so schwarz wie im Winter. Fette Ratten starrten die beiden Wanderer ungehalten an und watschelten dann vor ihnen über die Straßen.
Jelena und Johannes umgingen eine Wache und zwei Gestalten, die murmelnd unter einem Vordach standen. In manchen Häusern blinkte noch Lichtschein in den Ritzen zwischen den Flügeln der Fensterläden.
Sie schafften es, unbehelligt in den schöneren Teil der Stadt zu kommen. Wie ein unheilvoller Wächter erhob sich die Kirche in den Nachthimmel. Auf den Feuertürmen standen die Wächter und dachten sich wohl ihren Teil, wenn sie zu nächtlicher Stunde noch Gestalten über die Straßen huschen sahen.
In Karpakows Haus war kein Licht, aber ein Knecht saß vor dem Stall und schlief im Sitzen an die Wand gelehnt. Johannes vermutete, sein Herr würde ihn durchprügeln lassen, wenn er wüsste, dass er seine Wache verschlief. Pferde scharrten in dem lang gezogenen Stallgebäude. Johannes konnte sie beinahe vor sich sehen – dunkle, wolkige Leiber und glänzende Augen.
»Welches Fenster gehört zu den Herrenzimmern?«, raunte Jelena ihm zu.
Johannes deutete auf ein Fenster, das über dem letzten Teil der Pferdeställe lag. Jelena nickte, dann bedeutete sie ihm zu warten und schlich über den Hof. Mit lautlosen Bewegungen zog sie sich am Stall hoch, kam auf dem Dach an und stellte sich auf die Zehenspitzen. Mit vor Aufregung zusammengebissenen Zähnen verfolgte Johannes, wie sie durch das Fenster lugte. Der Mond warf ihren Schatten an die hölzernen Fensterläden, die sie nun vorsichtig weiter auseinander klappte. Mit zwei Kletterbewegungen und einem Satz hangelte sich Jelena wieder vom Gebäude herunter. Rasch zogen sie sich zurück.
»Das Zimmer ist leer«, flüsterte Jelena. »Soviel ich im Mondlicht erkennen konnte, ist es eine Kammer, in der viele Kisten stehen. Ich glaube, Karpakow bereitet sich auf die Abreise vor. Da waren Stoffe … und Reisekisten.«
»Aber war niemand im Zimmer?«
Sie schüttelte den Kopf. »Eine gute Gelegenheit, dort oben einzusteigen.« Sie griff nach ihrem Gürtel und löste den Beutel, in dem sich die gefärbte Perle befand. »Hier!«
»Was soll ich damit?«
»Die richtige Perle wird in einer verschlossenen Kiste sein. Du kannst sie öffnen – außerdem bist du stärker als ich. Ich werde Wache halten. Sollte etwas schief gehen, werde ich die Pferde aus dem Stall lassen. Wenn die Leute denken, dass der Einbrecher Pferde stiehlt, wird sich niemand mehr darum kümmern, was im Haus vor sich geht. Und schließlich …«, ihr Lächeln blitzte auf, »… kann ich schneller laufen als du und mich vor meinen Verfolgern besser in Sicherheit bringen.«
Johannes stellte sich das Schlimmste vor, was passieren konnte – schwer war das nicht. Dann würde Derejew dafür sorgen, dass er das Ende des Monats nicht mehr erlebte. Seine Hand zitterte ein wenig, als er Jelena das Säckchen mit der Perle abnahm. Ihre Hände berührten sich und er spürte, dass ihre Haut eiskalt war. »Hast du Angst?«, fragte er leise.
»Bin ich aus Holz?«, erwiderte sie. »Natürlich – ich fürchte mich zu Tode, wenn du es genau wissen willst. Vielleicht … ist dieser Abend unser letzter.«
Sie sahen sich einen Moment an, dann beugte sie sich zu seiner Überraschung vor und umarmte ihn lange. »Bitte, gib auf dich Acht, Brehmow«, flüsterte sie. Er erwiderte ihre Umarmung, erleichtert, beinahe glücklich über die Nähe, die plötzlich wieder zwischen ihnen bestand – eine andere Nähe als zu Jewgenij, aber er hätte sie nicht mehr eingetauscht.
Nach einer Weile machte sie sich sanft los und holte etwas unter ihrem Hemd hervor. Es sah aus wie ein schwarzer Lappen. »Ruß! Ich habe die Zeit in der Kirche genutzt. Ruß kann man immer brauchen.« In der Dunkelheit erahnte er ihr Grinsen. »Am besten du ziehst dein Hemd aus. Du leuchtest damit wie ein Banner.«
Es war kalt in der Nacht. Jelena nahm den Lumpen und rieb seine Wangen, seinen Rücken und seinen Oberkörper ein. Dunkle Schlieren wurde zu einer wolkigen dunkelgrauen Fläche. Eine wunderbare Tarnung. Johannes konnte seinen ausgestreckten Arm nur noch schwer vom dunklen Hintergrund unterscheiden.
»So«, meinte Jelena schließlich. »Wir treffen uns wieder an der Kirche – wenn dort nicht, dann in unserem Zimmer.«
»Wie komme ich aufs Dach?«, fragte er heiser.
»Am besten ohne Schuhe«, antwortete sie.
Es war nicht so schwer, wie er gedacht hatte. Der Stall war an einigen Stellen schadhaft und mit Brettern so stümperhaft ausgebessert, dass Johannes guten Halt fand.
Trotzdem wurde ihm übel, als er nach unten sah, wo das blasse Oval von Jelenas Gesicht in der Dunkelheit trieb. Sie winkte ihm ein letztes Mal zu, dann verschwand sie zum vorderen Teil des Hauses. Er tastete sich mit bloßen Füßen und von Holzspänen zerschrammten Fingern weiter. Schon glaubte er sich nah genug am Fenster, als er abrutschte. Mit einem Knacken brach ein morsches Stück Dach. Trappeln und Wiehern erklang aus dem Stall. Mit einem schlaftrunkenen Grunzen fuhr der Knecht hoch. Johannes blieb beinahe das Herz stehen. Gehetzt sah er sich um und überlegte, ob er einfach springen sollte.
Im nächsten Moment hörte er einen dumpfen Schlag, dann war Stille.
Jelena erschien und gebot ihm mit einem aufgeregten Winken weiterzuklettern. In ihrer Hand hatte sie ein Holzscheit. Johannes’ Finger waren taub, so fest klammerte er sich an den Fensterladen, nun tastete er sich zaghaft weiter. Ihm war schwindlig vor Angst, auch wenn er das niemals zugegeben hätte.