Выбрать главу

Zum Glück machte der Holzladen kein Geräusch, sondern schwang ohne ein einziges Knarren oder Quietschen auf. Da war das Zimmer. Wie Jelena gesagt hatte, standen Kisten darin. Es kostete ihn alle Kraft, sich abzustoßen und an dem hölzernen Sims hochzuziehen. Ächzend wand er sich nach oben, bis er mit dem Bauch auf dem Sims lag. So verharrte er und wartete ab, aber es schien wirklich niemand im Raum zu sein. Flink zog er die Beine nach und glitt in das Zimmer. Es war klein, eine Kammer nur, und Johannes blieb stehen und atmete durch, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Nach und nach konnte er weitere kantige Umrisse ausmachen. Er ging von Kiste zu Kiste und befühlte sie in der Hoffnung, die Intarsien auf dem Deckel zu erta-sten, doch er fand nichts. Ein paar der Truhen waren mit Stoff oder Leder bespannt, die meisten jedoch aus grobem, schlecht eingelassenem Holz gefertigt.

Einige ließen sich öffnen, aber darin fand er nichts außer Stoffe, Pelze und schwere Gegenstände, die in Lederlappen gewickelt waren. Es mochten Kelche oder Kerzenleuchter sein.

Vorsichtig tastete er sich zur Tür weiter und lauschte, bevor er sie behutsam einen Spalt aufzog.

Auch dieser Raum war leer. Es war das Herrenzimmer! Auf einem schmalen, hüfthohen Schrank waren Gegenstände angeordnet wie auf einem Altar. War es die Ikonenecke, die in jedem Haus stand? Nein – auf einer bestickten Decke lag ein einfaches, abgegriffenes Messer. Seine Klinge glänzte im Licht einer Kerze. Sie stak in einem prächtigen, silbernen Kerzenleuchter und war beinahe heruntergebrannt. Johannes überlief es eiskalt. Es sah aus wie ein Schrein -ein Schrein für ein Messer? Links von dem Schrank befanden sich ein Tisch und ein mit Leder bespannter Stuhl. Über der Lehne lagen ein russischer Kaftan und ein prachtvoller Bojarenmantel. Zobelpelz glänzte im Licht einer Kerze, die in einem einfachen Tongefäß flackerte. Es stellte einen Mann mit aufgerissenem Mund dar; Johannes kannte solche altertümlichen »Maulaffen« aus den Erzählungen seines Onkels. Normalerweise dienten sie als Halter für glimmende Kienspäne, die nur wenig Licht gaben. Karpakow schien sich nur für seinen seltsamen Schrein einen schönen Kerzenständer zu leisten.

Erst jetzt kam Johannes der Gedanke, dass der Adlige jeden Augenblick zurückkehren konnte. Ruhig!, befahl er sich. Im Notfall waren es nur zwei Schritte zurück in die Kammer mit den Kisten. Neben dem Maulaffen stand eine irdene Schale. Runde Kupfermünzen und ein viereckiges Medaillon lagen darin.

Auf den Münzen waren je eine Nase und ein Lippenpaar abgebildet. Der Mund war eingerahmt von einem Schnurrbart und einem langen Kinnbart. Die Schrift darüber besagte, dass das Geld eingezogen worden war. Das musste die Quittungsmünze für die bezahlte Bartsteuer sein! Allerdings hielt Karpakow es wohl nicht für nötig, das viereckige Abzeichen an einer Halskette zu tragen, das ihn als Menschen auswies, der den Preis für seinen Bart bezahlt hatte. Der Tisch sah aus wie ein Gemälde – Papier lag darauf und eine Feder, deren Tintenspitze allerdings trocken war. Johannes trat heran und warf einen Blick auf die Schriften. Er brauchte mehrere Augenblicke, um die Tatsache, die ihm ins Gesicht schrie, zu begreifen.

Vor ihm lag eine Liste. In gestochen schöner Schrift waren Namen darauf verzeichnet. »Michael Brehm« stand dort. Und etwas weiter unten: »Johannes Brehm«. Alles Blut schien aus seinen Fingern zu weichen. Er sah tanzende Punkte und musste sich an der Lehne festhalten, bevor er weiterlesen konnte. Es erstaunte ihn nicht, als er weiter unten den Namen Jewgenij Michailowitsch Skasarow las. Karpakows Plan klappte vor ihm auf wie ein Buch. Er und Derejew planten nicht nur den Zaren zu stürzen – sie würden auch die Ausländer bezahlen lassen. Hinrichtungen würden stattfinden. Schauprozesse. Unter Karpakows Papieren lugte eine Skizze hervor, die Johannes bekannt vorkam. Er wischte den Ruß von seinem Daumen und Zeigefinger und zog die Skizze, so behutsam er vermochte, hervor. Es war eine Karte des Newadeltas – sie stammte von Derejew. Ein gekritzelter Doppeladler war eingezeichnet, dazu mehrere Kreuze und Randbemerkungen. Sie hatten die Wege und Gewohnheiten von Zar Peter studiert.

„Wenn alles so lief, wie sie es sich vorstellten, würde er an diesem Morgen in zwei Tagen auf der Petrograder Insel sein – bei seinem Holzhaus. Dort, wo die Flut ihn verschlingen würde. Eine ganze Liste mit Namen und hohen Rubelbeträgen erzählte eine weitere Geschichte. Johannes ballte die Hände zu Fäusten. Auch die Kanalplaner waren bestochen worden. Vermutlich hatte Derejew über Mittelsmänner sogar den Streit zwischen dem Generalarchitekten und Zar Peters Freund Menschikow gezielt so lange geschürt, bis Menschikow befahl die Kanäle in der Tiefe auszuheben, die er für die richtige hielt. So waren sie nicht tief genug, um das Wasser einer Flut aufzufangen. Das ganze klebrige Netz einer zobelgeschmückten Spinne spann sich vor Johannes’ Augen von Moskau bis zu den Russalkas.

Hastig wandte er sich ab und begann fieberhaft zu suchen. Er hatte weniger Zeit, als er dachte. Verzweiflung schnürte ihm die Brust ein und gab ihm das Gefühl, zu ersticken. Er fand keine Truhe in dem Raum, also ging er weiter und zu einem schweren Vorhang. Vorsichtig schob er ihn beiseite. Eine weitere Kammer! Ein mit Schnitzereien verzierter, thronähnlicher Stuhl mit hoher Lehne stand am Fenster, daneben befand sich ein Bett, über dem grüngoldene Tücher einen schimmernden Himmel bildeten. Nicht weit vom Bett stand eine Kommode – und darauf mehrere Heiligenbilder in schweren Holzrahmen. Hier also war die Ikonenecke. Ganz vorne stand ein Bild des heiligen Nikolaus, des Schutzpatrons Russlands. Alle Bildnisse mussten sehr alt sein, denn auch vom Nimbus des heiligen Georg blätterte bereits hauchdünnes Gold ab. Vorwurfsvoll sah eine Madonna den rußschwarzen Störenfried an, der ins Zimmer schlich.

Johannes störte ein seltsamer, unbestimmter Geruch, der das Zimmer durchdrang, aber er konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, im Halbdunkel etwas zu erkennen. Jeder Muskel in seinem Körper fühlte sich wie eine zu straff gespannte Geigensaite.

Das Licht der Kerze fiel durch den Vorhangspalt und ließ einen silbernen Fisch mit Flügeln aufleuchten.

Da war sie! Ein wildes Triumphgefühl drängte sich in seine Kehle. Am liebsten hätte er gejubelt. Die Truhe stand direkt neben dem Bett, natürlich. Mit zwei Schritten war Johannes bei ihr und betastete die Scharniere und das Schloss. Seine Finger fanden Rillen, Vertiefungen und einen kantigen Einsatz. Die Truhe war verschlossen. Damit hatte er gerechnet.

Das Stück, in dem das Schloss eingelassen war, bestand nicht aus der glatten schwarzen Mooreiche, sondern war aus etwas weicherem Holz. Voller Eifer griff Johannes zu seinem Gürtel und zückte seinen geheimen Schlüssel mit den Holz– und Eisenzähnen.

Endlich kehrte ein vages Gefühl der Sicherheit zurück. Es klackte, als er den dritten Stift in das Schloss schob. Johannes hielt inne und lauschte, dann versenkte er sich ganz in den Mechanismus.

Mit einem leisen Klicken gab das Schloss nach und öffnete sich. Erleichtert atmete Johannes durch. Mühelos ließ sich der Deckel nun aufklappen. Der Duft von altem eingeöltem Holz umströmte Johannes. Ewigkeiten hatte die Eiche im Moor gelegen. Die Jahre in diesem nassen Grab hatten das Holz schwarz gefärbt und es hart werden lassen. In der Truhe befand sich eine kleinere Kiste aus beinahe weißem Holz. Ihr Deckel war nur aufgesteckt.

Gerade wollte Johannes danach greifen, als er ein Scharren hörte. Ohne nachzudenken schnellte er zurück und rumpelte mit dem Ellenbogen schmerzhaft gegen eine Ikone. Sie schwankte und kippte. Johannes sah sich selbst wie aus weiter Ferne – ein blonder Dieb, dessen Hand nach vorne schoss und die Ikone fing, gerade bevor sie auf dem Boden aufschlagen konnte. Dann war er wieder bei sich – das Blut dröhnte in seinen Ohren, er schwitzte vor Schreck. In der Bewegung erstarrt lauschte er. Kam Karpakow ins Zimmer zurück? Gehetzt sah er sich nach einem Versteck um. Die Vorhänge am Fußende des Bettes dort konnte er sich verbergen. Aber eben, als er den Deckel wieder so leise wie möglich zugeklappt hatte und losschnellen wollte, erkannte er zweierlei: zum Ersten, dass das Geräusch nicht von draußen gekommen war. Zum anderen bewegte sich etwas in dem Lehnstuhl. Eine Hand lag auf der Lehne. Eine alte Hand mit unglaublich vielen Ringen.