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Johannes dachte an Onkel Michael. Die Sorge nahm ihm fast den Atem.

Jelena sah ihn mit ernsten Augen an. »Brehmow, du musst nicht mitgehen. Du machst dir Sorgen um Marfa und die anderen. Also geh in die Stadt und lass mich zum Ufer gehen. Es ist … meine Geschichte.«

»Jetzt ist es auch meine«, gab er ungehalten zurück. Warum schaffte sie es so mühelos, ihn wütend zu machen? »Wir gehen beide«, beharrte er. »Was glaubst du, was ich bin – dein Zeitvertreib und Diener?«

»Russalka!«, sagte Mitja.

»Ja«, erwiderte Jelena und strich sich erschöpft über die Augen. »Dorthin müssen wir.«

Die Hand des Narren schoss vor und packte das Mädchen beim Unterarm. »Nein. Neineinein.«

»Was heißt das?«

Mitjas Stimme wurde leise und weinerlich wie die eines Kindes. Er begann den Oberkörper zu wiegen, als wollte er sich selbst in den Schlaf singen. »Katzen schlafen in den Wellen, das weiße Mädchen flieht, die Zwillingsschwester ist tot.«

»Welche Zwillingsschwester?«

»Natascha, die Katze«, sang der Narr. »Katzen und Spatzen liegen in einem Nest. Der Mann, der träumt, trägt den Pflock.« Bei den letzten Worten hatte er ein Stück Holz aus seiner Tasche gezogen und tippte Jelena damit an die rechte Schulter. »Der Mann trägt den Pflock!«, flüsterte er eindringlicher.

»Zeig her!«, bat Johannes. Mitja gab ihm das Holzstück.

Johannes sah es an und erstarrte. »Das hat Iwan gemacht.« Das Begreifen kam langsam, aber dann mit voller Wucht. Er hielt die kleine Madonnenstatue, die derjenigen ähnelte, die Iwan ihm geschenkt hatte, vor Jelenas Gesicht. »Onkel Michael«, sagte er. »Der Mann, der träumt, ist mein Onkel. Michael soll des Mordes an Natascha angeklagt werden!«

Mitja begann zu weinen. Jelena war noch blasser geworden. Sie legte den Arm um den Narren. »Haben sie Michael? Mitja, haben sie ihn?«

Mitja grinste schief. Wieder einmal staunte Johannes, wie verständig der Narr sein konnte, wenn er nur wollte. »Die Glocke schlägt, aber ihr Klang trägt noch die Luft«, antwortete er.

Johannes sprang auf. »Sie sind auf dem Weg zur Werkstatt. Ich muss ihn warnen!«

Jelena sah ihn zweifelnd an. Regen lief über ihr Gesicht. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Ich komme mit.«

Fackeln brannten in der Septembernacht, die Nachtschicht arbeitete in den Wäldern. Geschickt umrundeten die drei alle Plätze, an denen Holz geschlagen wurde, und gelangten in die unmittelbare Nähe der Stadt. Mitja schien zu wissen, was von ihm erwartet wurde, denn als einer der Posten am Stadtrand in Sicht kam, riss er sich einfach von Johannes los und floh. Einen Augenblick wusste Johannes nicht, was der Narr vorhatte, aber dann hatte Mitja schon den Posten erreicht, fuchtelte aufgeregt mit den Armen und zerrte den Mann weg. Der Posten rief ein paar Soldaten und sie gingen in die Richtung, in die Mitja zeigte, als hätte er dort etwas Ungewöhnliches entdeckt. Genug Zeit für Jelena und Johannes, ungesehen Zar Peters neue Stadt zu betreten.

Einige Augenblicke warteten sie auf Mitja, aber der Narr hatte sich offensichtlich davongemacht und lenkte die Soldaten ab.

Auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert.

Die Bauarbeiten im Sumpf waren weiter fortgeschritten, mehr Erde war aufgeschüttet worden, einige Gebäude waren ein Stück gewachsen. Johannes musste sich klar machen, dass sie nicht Monate weg gewesen waren, sondern nur wenige Tage, obwohl ihm die Zeit länger vorkam als die ganze Reise von Magdeburg nach Moskau. Im Bogen schlichen sie sich zur Werkstatt. Erleichtert atmete Johannes auf. In dem Gebäude brannte Licht. Wie immer, wenn er besonders schlecht geschlafen hatte, war Michael aufgestanden und bereitete die Tagesarbeiten vor.

Jelena blickte sich um. »Ich warte hier«, sagte sie leise. »Wenn etwas ist, dann rufe!«

»Danke, Jelena!«

Sie schluckte sichtlich, als sie ihren Namen hörte, aber sie nickte nur knapp und versetzte ihm einen unsanften Stoß in die Rippen. »Geh schon!«, zischte sie ihm zu. »Verschwende nicht noch mehr Zeit!«

Er stand auf und lief zwischen den Häusern hindurch. Der Platz war frei, die Leibeigenen hatten sich vor dem Regen in ihre baufälligen Unterkünfte verkrochen oder sich unter überhängenden Dächern windgeschützte Stellen gesucht. Tröstlich und vertraut fühlte sich die hölzerne Klinke der Werkstatttür an, die Johannes herunterdrückte. Er atmete tief durch und trat leise ein. Holzduft schlug ihm entgegen und eine trockene Wärme, die ihm nach den vielen Tagen im Regen gut tat. Er war überrascht zwei Leute zu sehen, die an der Werkbank saßen. Zwischen sich hatten sie eine Kerze. Er waren nicht Michael und Marfa. Es waren ein Soldat und Mitja.

»Endlich«, sagte eine wohl bekannte Stimme.

Schatten erhoben sich in der Dunkelheit der Werkstattwinkel und traten ans Licht. Derejews Augen blitzten spöttisch auf. »Nehmt ihn fest.«

»Derejew!«, brüllte Johannes, so laut er konnte. Er schnellte los, aber es war zu spät. Ehe er den Soldaten, der vor der Werkbank aufsprang, mit einem Fausthieb niederstrecken konnte, traf ihn von hinten ein harter Gegenstand am Kopf. Wie ein verhallendes Echo hörte er Mitjas Schrei und sah, wie der Narr aus der Werkstatt floh, dann taumelte die Wirklichkeit davon.

Als sie wieder herankroch, verwandelte sie sich erst einmal in den Geschmack von Blut und das Gefühl von Schmerz. Wasser rann ihm in den Kragen und das Hemd klebte an seinem Körper. Mühsam blinzelte er und fragte sich, ob er Mitjas Gegenwart nur geträumt hatte. Nun war er allein in der Werkstatt – allein mit Derejew. Nein, halt, da waren noch zwei Soldaten – rechts und links standen sie neben ihm und hielten ihn mit grobem Griff aufrecht.

Derejews Augen waren hartes, glänzendes Glas.

»Du wolltest den Fischerjungen warnen, nicht wahr?«, meinte er nun mit einem ironischen Lächeln.

»Vergebliche Mühe, mein Freund. Er war es, der dich zu uns geführt hat.«

»Du lügst!«, schrie Johannes ihn an. »Lass mich los, du feiges Schwein!«

»Langsam, Johannes«, sagte Derejew. Er betonte den Namen mit so viel Verachtung, dass Johannes glaubte wahnsinnig zu werden. »Du bist ein Mörder, weißt du?«, fuhr der Oberst in aller Ruhe fort. »Wir haben Zeugen.«

»Lasst mich los und ihr erlebt einen Mörder!«, zischte Johannes. Der Soldat rechts von ihm verstärkte seinen Griff. Es knackste in Johannes’ Schulter.

»Das gefällt mir an euch Ketzern«, bemerkte Derejew. »Ihr seid alle Großmäuler.«

»Was hast du mit Michael und Marfa gemacht?«, stieß Johannes zwischen den Zähnen hervor.

»Oh, sie sind auf dem Weg in den Kerker. Sie haben einem Mörder geholfen. Wir haben die Aussagen von Zeugen. Adligen Zeugen, nicht irgendwelchen Bauern, die sich bestechen lassen.«

»Was hast du davon, Derejew? Was hast du von dieser Verschwörung?«

Derejew zog eine Braue hoch. »Nicht viel. Einen Bluthund von Zaren weniger, eine nutzlose Stadt weniger. Wir werden die Festung halten, ja, als Tor zur Ostsee. Aber wir werden nicht mehr nach den Gesetzen eines Deutschen leben.«

»Glaubst du, deine Schwester Marija würde gutheißen, was du hier tust?«

Er konnte kaum so schnell schauen, wie ihn der Schlag am Kinn traf. Erschrocken keuchte er auf und starrte Derejew an. Sein Kiefer pochte. »Wage es nicht, ihren Namen in dein dreckiges Maul zu nehmen!«, brüllte Derejew.

Die beiden Soldaten rissen Johannes, der nach dem Schlag zusammengesackt war, wieder hoch.

Bleich wie ein Gespenst war der Oberst plötzlich, seine Augen glommen im Halbdunkel der Werkstatt.

Plötzlich grinste er verzerrt. Es sah aus wie das Zähnefletschen eines schwarzen Wolfes. »Wir haben nicht viel Zeit – noch schläft der Zar in seinem Häuschen.« Er gab dem Soldaten zu Johannes’ Linken einen Wink. Dieser griff nach Johannes’ Gürtel und schnitt ihn einfach durch. Der Ledergürtel und der Beutel fielen zu Boden. Johannes biss die Zähne zusammen und verfluchte sich für seine Dummheit.