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Warum hatte er Jelena nicht die Perle gegeben? Der Beutel flog durch die Luft und Derejew fing ihn mit einer nachlässigen Geste auf. Er lächelte und drehte ihn über seiner linken Hand um. Einen Wimpernschlag später verlosch dieses Lächeln wie zischende Glut unter einem Wasserschwall. Auf seiner Hand lag ein Stein. Hübsch und rund war er, ebenso groß und vermutlich nur wenig schwerer als die Perle.

Fassungslos starrte Johannes den grauen Wechselbalg an. Sturmregen klatschte gegen die hölzernen Wände der Werkstatt. Derejews Gesicht verzerrte sich zu einer Fratze der Wut. Jelena, dachte Johannes. Jelena hatte die Perle genommen. Aber warum?

»Wo ist die Perle?«, brüllte Derejew.

Johannes presste die Lippen zusammen und schwieg. Das war ein Fehler. Der Oberst ließ ihm kaum Zeit, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen. Schon traf ihn ein weiterer Schlag mitten ins Gesicht. Sein Kopf drohte zu zerspringen wie ein Scheit unter dem Hammer. Finger gruben sich wie Eisenklammern in seine Arme. Schmerz zuckte durch seine Schultern. Derejews Hand packte sein Haar und riss seinen Kopf zurück. »Wo?«

Johannes antwortete nicht. Angst würgte ihn, er wäre jede Wette eingegangen, dass er sterben würde.

Nun kam es nur noch darauf an, zu schweigen und Jelena Zeit zu geben, zur Newa zu kommen. Ein neuer Gedanke leuchtete in seinem Kopf auf – brennend rot und unangenehm. Hatte Jelena ihn verraten?

»Prügelt es aus ihm heraus«, sagte Derejew und ließ ihn los.

Sie machten ihre Sache gründlich. Als Johannes viel später erwachte, klebte seine Lippe am Holz. Er war nicht besonders stolz darauf, Jelena nicht verraten zu haben. Es lag nicht an seinem Mut, es lag daran, dass der Schmerz ihm die Sprache genommen hatte.

Als er bewusstlos geworden war, hatten sie von ihm abgelassen – vermutlich um später wiederzukommen.

Er stöhnte. Aber nun war es still um ihn. Zumindest das. Kein Gebrüll, das in seinen Ohren zerbarst, kein Holz, das auf seinem Rücken zersplitterte und sich in seinen Magen bohrte, keine Fäuste mehr und kein Geruch nach Schweiß und Verzweiflung. Auf seinen Augen lagen zwei dicke Schichten öligen Leinens, und als er unter größter Anstrengung blinzelte, verriet ihm ein Brennen, dass es seine eigenen geschwollen Lider waren. Blut begann zu sickern und netzte sein Kinn. Vorsichtig bewegte er die Zunge und stellte fest, dass er nur einen einzigen Zahn verloren hatte.

Ein Wunder. Nässe kühlte seine Wange, aber es war kein Blut, es war kalt und schmeckte nach Holz. Das trappelnde Geräusch über ihm verwandelte sich in Regen. Sturm heulte um die Häuser. Wie das Wasser durch die Ritzen, so tröpfelte die Erkenntnis in Johannes’ Bewusstsein. Wie lange mochte er hier schon liegen? Einen halben Tag? Einen ganzen?

Er konnte den Kopf nicht heben. Jemand hatte seinen Hals an ein Bein der Werkbank gebunden, so weit unten, dass er mit dem Gesicht an den Boden gedrückt dalag – und durch die Ritzen unter der Tür floss das Newawasser und schwoll Atemzug für Atemzug mehr an. Einen bizarren Moment lang ließ er sich treiben und bewunderte die Aussicht. Es sah aus, als würde er auf einem glänzenden Spiegel dahintreiben. Wenn Derejew und seine Leute nicht bald wieder auftauchten, würde er ertrinken. Allerdings war Ertrinken ihm beinahe lieber. Die Panik fühlte er noch nicht, dafür war die Enttäuschung immer noch frisch und stechend wie der Geruch von Pfeffer. Die Perle. Jelena. Der Plan wäre logisch – sie stahl ihm die Perle und ging zum Ufer. Sie wusste, dass Derejew hier auf ihn wartete und Johannes ihn lange genug ablenken würde. Aber war Jelena bereit ihn für die Russalkas zu opfern? Er wusste wenig von dem Mädchen, das sein bester Freund war, sehr wenig.

Verbissen suchte er nach anderen Möglichkeiten.

Kolja in der Herberge kam ihm in den Sinn. Waren sie bestohlen worden? Oder hatte Mitja die Perle an sich genommen? Ungläubig erinnerte er sich an den Narren und verwarf den Gedanken wieder. Wenn er der Russalka die Perle brachte, würde sie für immer gehen und ihn zurücklassen.

Ein Geräusch riss ihn aus seiner Starre, der Wasserspiegel zersprang in viele kleine Wellen, dann sah er plötzlich zwei Beine vor sich. In der Erwartung, weitere Prügel einzustecken, stöhnte er auf. Aber das Schicksal war gnädig.

Die Beine verschwanden, zwei Hände tauchten neben seinem Gesicht auf und schließlich erblickte Johannes einen hellen Bart. »Iwan!«

Der Alte betrachtete ihn so sachlich, als wäre Johannes ein Pferd, dessen Chancen er abschätzte, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Dann sprang er erstaunlich behände auf und hastete zu der Truhe mit dem Werkzeug. Gleich darauf kam er mit einer Säge zurück. Geschickt begann er das Bein der Werkbank abzusägen. Johannes hörte Ketten klirren und begriff, womit Derejew ihn an das Tischbein gefesselt hatte. Die Beine der Werkbank waren auf den Dielen befestigt. Ein genialer Einfall, einen Gefangenen hier anzuketten. Nach einer Ewigkeit, als das Wasser schon bei Johannes’ Mundwinkel angekommen war, setzte Iwan ein zweites Mal an, diesmal weiter unten. Noch nie hatte Johannes den alten Mann so nah vor sich gesehen. Schweiß rann ihm über das konzentrierte Gesicht und fing sich in den tiefen Furchen neben Nase und Mund. Verbissen und grimmig sägte Iwan und ließ auch nicht ab, als er mehrfach abrutschte und sich die Finger abschürfte.

Wirr hing ihm das weiße Haar ins Gesicht, und hätte Johannes es nicht besser gewusst, er hätte geglaubt, dass der Leibeigene wahnsinnig geworden war. Endlich fuhr die Säge mit einem letzten, reißenden Geräusch durch das Holz. Iwan sprang auf und trat mit aller Kraft gegen das Holzstück. Es fiel heraus und kam mit einem Platschen auf dem Boden auf.

»Los, hoch!«, befahl Iwan.

Johannes schob und ruckelte, obwohl die Kette ihn fast erwürgte. Das Eisen hing am Holz wie eine Klette am Stoff, aber endlich klirrte es. Die Kettenglieder fanden ihren Weg durch den Spalt und Johannes fiel auf die Seite. Schon war Iwan bei ihm und schnitt seine Fesseln an Armen und Beinen durch. Endlich konnte er sich die Kette über den Kopf streifen.

»Danke!«, brachte er heraus. »Wo … hast du dich diesmal versteckt, als sie kamen?«

Der Alte ruckte mit dem Kinn in Richtung Werkzeugkiste.

»Du hast alles gehört?«

Iwan nickte und deutete auf die Rückwand der Werkstatt. »Kommst du durch den Spalt dort?«

Benommen sah sich Johannes um und entdeckte ein fehlendes Brett. Erstaunt stellte er fest, dass es dasselbe Brett war, das nach dem Verschwinden des toten Mädchens wieder in die Rückwand genagelt worden war. »Du hast es wieder gelockert«, stellte er fest. »Nach Zar Peters Besuch?«

»Ja«, brummte Iwan. »Und es ist der einzige Weg nach draußen. Die Ausgänge und die Fenster haben die Bastarde mit Brettern vernagelt.« Er beugte sich vor und zog Johannes auf die Füße ohne auf sein Stöhnen zu achten. »Sie haben Marfa. Und deinen Freund auch. Du musst dich beeilen.«

Derejew hat Jelena!, wurde Johannes klar. Und damit die Perle! Bevor Johannes protestieren konnte, hatte der Alte ihn zu dem losen Brett gezerrt. »Los«, knurrte er. »Du hast nicht viel Zeit.«

»Danke, Iwan«, sagte Johannes aus tiefster Seele.

»Es tut mir Leid, dass ich dachte …«

Der Leibeigene schüttelte missbilligend den Kopf.

»Du konntest Freund und Feind noch nie unterscheiden.«

Es tat an vielen erstaunlichen Stellen weh, sich durch die Lücke zu schieben, aber nach wenigen Augenblicken hatte Johannes es geschafft – und stand knietief im Wasser. Was er im schreckensbleichen Morgenlicht vor sich sah, war ein völlig anderes Sankt Petersburg. Sturmregen ergoss sich auf eine ganz und gar überschwemmte Wasserstadt. Überflutungen hatte es schon viele gegeben, doch heute zogen rote Schlieren vom Horizont auf und legten sich wie ein blutiger Brautschleier über das Wasser. Menschen hasteten durch die Fluten, sprangen in Ruderboote und retteten sich auf Hausdächer. Obwohl jede Bewegung unerträglich schmerzte, watete Johannes so schnell er konnte in Richtung Newa.