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»Also war das, was ich gesehen habe, eine andere Welt?«, unterbrach ihn Khadgar.

Medivh hob eine Hand und gebot dem jüngeren Mann mit dieser Geste zu schweigen. »Ich sage nur, dass es Orte gibt, die aus dem einen oder anderen Grund zu Stätten großer Macht werden. Und ein solcher Ort befindet sich hier, in den Redridge-Bergen. Einst, vor langer Zeit, ist hier etwas Mächtiges explodiert, hat das Tal geformt und die Realität um diesen Ort herum geschwächt.«

»Und aus diesem Grund habt Ihr Euch hier niedergelassen«, folgerte Khadgar.

Medivh schüttelte den Kopf. »Das ist eine Theorie.«

»Ihr sagtet, hier habe vor langer Zeit eine Explosion stattgefunden, die diesen Ort schuf und ihn zu einem Sitz magischer Macht machte. Dann kamt ihr …«

»Ja«, sagte Medivh. »Das stimmt alles, wenn man es auf eine lineare Art betrachtet. Aber was ist, wenn es zu der Explosion kam, weil ich schließlich hierher kommen würde und der Ort für mich bereit sein musste?«

Khadgar runzelte nachdenklich die Stirn. »Aber Dinge geschehen nicht auf solche Art.«

»In der normalen Welt nicht. Ja, da hast du Recht«, sagte Medivh. »Aber Magie ist die Kunst, das Normale zu umgehen. Und aus diesem Grund sind die philosophischen Debatten in den Hallen der Kirin Tor solch barer Unsinn. Sie versuchen, der Welt eine Vernunft aufzuzwingen und ihre Bewegungen zu regulieren. Die Sterne marschieren in geordneten Bahnen über den Himmel, die Jahreszeiten folgen im Gleichschritt aufeinander, und Männer und Frauen leben und sterben. Wenn dies nicht geschieht, ist es Magie, eine Verzerrung des Universums, ein paar Dielenbretter, die aus der Form geraten sind und auf fleißige Hände warten, um sie zu erneuern.«

»Aber wenn das dieser Gegend passiert sein soll, um sich auf Euch vorzubereiten …«, begann Khadgar.

»… dann wäre die Welt ein ganz anderer Ort als sie zu sein scheint«, antwortete Medivh. »Was sie auch tatsächlich ist. Wie funktioniert die Zeit?«

Khadgar kannte den Magier inzwischen zu gut, um von Medivhs sprunghaftem Themenwechsel überrascht zu werden. »Zeit?«

»Wir benutzen sie, wir trauen ihr, wir messen mit ihr – aber was ist sie?« Medivh lächelte über den Rand seiner Tasse hinweg.

»Zeit ist die regelmäßige Abfolge von Momenten. Wie Sand, der ein Stundenglas durchläuft«, sagte Khadgar.

»Eine hervorragende Analogie«, sagte Medivh. »Eine, die ich selbst benutzen wollte, und dann wollte ich das Stundenglas mit der mechanischen Uhr vergleichen. Erkennst du den Unterschied zwischen beiden?«

Khadgar schüttelte langsam den Kopf, während Medivh an seinem Wein nippte.

Schließlich sprach der Magier: »Nein, du bist nicht dumm, Junge. Es ist ein schwieriges Konzept für das menschliche Gehirn. Die Uhr ist eine mechanische Simulation der Zeit, jeder Schlag wird durch ein Drehen der Räder kontrolliert. Du betrachtest eine Uhr und weißt, dass alles mit einem Ticken des Rades weitergeht, mit einem Klicken des Getriebes. Du weißt, was als nächstes kommt, weil der Uhrmacher es so gewollt hat.«

»Genau«, sagte Khadgar. »Die Zeit ist eine Uhr.«

»Ah, aber die Zeit ist auch ein Stundenglas«, sagte der ältere Magier. Er griff nach einer Sanduhr, die auf dem Kaminsims stand, und drehte sie um. Khadgar betrachtete das Gerät verwundert und versuchte, sich zu erinnern, ob es schon dort schon stand, bevor er den Wein gebracht hatte. Oder überhaupt, bevor Medivh danach gegriffen hatte.

»Auch das Stundenglas misst die Zeit, nicht wahr?«, fragte Medivh. »Doch hier weißt du nie, welches Sandkorn sich zu welcher Sekunde von der oberen Hälfte in die untere Hälfte bewegen wird. Wolltest du die Sandkörner zählen, wäre ihre Anordnung jedes Mal ein wenig anders. Und doch ist das Endresultat stets das gleiche – der ganze Sand ist von oben nach unten geflossen. In welcher Reihenfolge dies geschieht ist gleichgültig.« Die Augen des alten Mannes leuchteten für einen Moment auf. »Also?«, fragte er.

»Also«, begann Khadgar, »sagt Ihr, dass es egal sein könnte, ob Ihr Euren Turm hier erbaut habt, weil eine Explosion dieses Tal geschaffen und das Wesen der Realität an diesem Ort verzerrt hat – oder ob es zu der Explosion kam, weil Ihr schließlich hierher kommen würdet und das Universum Euch die Mittel an die Hand geben musste, die Ihr benötigtet, um hier zu bleiben.«

»Ziemlich nah dran«, sagte Medivh.

»Also sind diese Visionen Sandkörner?«, fragte Khadgar. Medivh fürchte leicht die Stirn, aber der Junge blieb bei seinem Gedanken. »Wenn der Turm ein Stundenglas ist und keine Uhr, dann gibt es Sandkörner, die aus der Zeit selbst stammen und ständig durch ihn hindurch fallen. Sie sind von ihrem Ursprung losgelöst oder überlagern einander, sodass wir sie sehen können, aber nicht klar. Manche von ihnen sind Teil der Vergangenheit. Manche von ihnen sind Teil der Zukunft. Könnten manche von ihnen auch von anderen Welten stammen?«

Jetzt grübelte auch Medivh selbst tief nach. »Das ist möglich. Volle Punktzahl. Gut durchdacht. Aber du darfst nicht vergessen, dass Visionen nur das sind: Visionen. Sie wehen herein und hinaus. Wäre der Turm eine Uhr, würden sie sich regelmäßig bewegen, und man könnte sie leicht erklären.

Doch da der Turm ein Stundenglas ist, bewegen sie sich nicht regelmäßig. Sie schaffen ihre eigenen Gesetze und fordern uns trotzig heraus, ihre chaotische Natur zu erklären.« Medivh lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Ein Umstand, mit dem ich sehr gut leben kann. Ich hatte noch nie viel für ein geordnetes, sorgfältig durchplantes Universum übrig.«

Khadgar fügte hinzu: »Aber habt Ihr jemals eine bestimmte Vision gesucht? Gäbe es nicht einen Weg, eine bestimmte Zukunft aufzuspüren und dann dafür zu sorgen, dass sie auch geschieht?«

Medivhs Laune verfinsterte sich merklich. »Oder dafür zu sorgen, dass sie nicht geschieht …«, sagte er. »Nein. Es gibt Dinge, die selbst ein Meister respektiert und von denen er sich fernhält. Dies ist eines davon.«

»Aber …«

»Kein Aber«, sagte Medivh, erhob sich aus seinem Sessel und stellte seine leere Tasse auf das Kaminsims. »Jetzt, da du ein wenig Wein gekostet hast, wollen wir doch mal sehen, ob deine magische Kontrolle davon beeinflusst wird. Lass meinen Becher schweben.«

Khadgar zog seine Brauen zusammen und erkannte, dass seine Zunge bereits etwas schwer war. »Aber wir haben getrunken.«

»Genau«, sagte der Meistermagier. »Du weißt niemals, welchen Sand dir das Universum ins Gesicht werfen wird. Du kannst entweder versuchen, ständig wachsam und bereit zu sein, und so das Leben, wie wir es kennen, meiden. Oder du bist bereit, das Leben zu genießen und den Preis dafür zu zahlen. Und nun lass den Becher schweben.«

Khadgar erkannte erst jetzt, wie viel er getrunken hatte. Er versuchte, das breiige Gefühl aus seinem Gehirn zu vertreiben und den schweren Porzellanbecher vom Kaminsims zu heben.

Wenige Sekunden später war er auf dem Weg zur Küche, um einen Besen und eine Kehrschaufel zu holen.

Abends gehörte Khadgars Zeit ihm selbst, und er konnte üben und forschen, während Medivh sich anderen Dingen widmete. Khadgar fragte sich, was diese anderen Dinge wohl sein mochten, aber er nahm an, dass Korrespondenz dazu gehörte, denn zweimal pro Woche erschien oben auf dem Turm ein Zwerg auf einem Greif. Er trug einen kleinen Sack bei sich, der sich erheblich vergrößert hatte, wenn er ging.

Medivh gab dem Jungen alle Freiheit in der Bibliothek, um seine Studien so zu betreiben, wie er selbst es für richtig befand, und dazu gehörte es auch, die Unmengen von Wünschen zu berücksichtigen, die ihm seine früheren Meister aus der Violetten Zitadelle mitgegeben hatten.