Der Troll stieß einen Schlachtruf aus, fletschte die Zähne und wölbte seine breite Brust noch weiter hervor. Er stieß mit dem Speer in einem Scheinangriff zu, und Llane schwang seine Axt nach der vorgestreckten Waffe, doch der Schlag ging daneben. Lothar griff von der einen Seite aus an, und Medivh näherte sich von der anderen. Arkane Energie tanzte auf seinen Fingerspitzen.
Der Troll wich Lothars großem Schwert aus und tänzelte einen weiteren Schritt zurück, als Llane die Luft mit seiner großen Axt teilte. Jeder Schritt der Kreatur war gewaltig, überbrückte mehr als einen Meter, und die beiden Krieger drangen auf den Troll ein, wann immer er sich zurückzog. Er benutzte seinen Speer mehr als Schild, denn als Waffe, hielt den Schaft mit beiden Händen und wehrte die Schläge ab.
Khadgar erkannte, dass die Kreatur nicht kämpfte, um die Menschen zu töten. Noch nicht. Sie versuchte, sie in Position zu bringen.
In der Vision musste der junge Medivh das Gleiche erkannt haben, denn er schrie den anderen etwas zu. Aber da war es bereits zu spät, denn zwei weitere Trolle wählten genau diesen Augenblick, um aus ihren Verstecken zu springen, zur Rechten und Linken des anderen Trolls.
Trotz seiner taktischen Raffinesse war Llane derjenige, den diese Wendung am meisten überraschte, und der Speer des ersten Trolls fuhr ihm in den rechten Arm. Die Schneide der Breitaxt biss in die Erde, während der künftige König einen Fluch ausspie.
Die beiden anderen Trolle konzentrierten sich auf Lothar. Der Krieger wurde zurück gedrängt, während er seine breite Klinge mit vollendeter Geschicklichkeit schwang, erst einen Schlag blockierte, dann den nächsten. Doch die Strategie der Dschungel-Trolle war klar zu erkennen. Sie trieben die beiden Krieger auseinander, trennten Llane von Lothar und zwangen Medivh, sich für einen der beiden zu entscheiden.
Medivh konzentrierte sich auf Llane. Aus seiner Phantom-Perspektive heraus nahm Khadgar an, dass er dies tat, weil Llane bereits verwundet war. Medivh stürmte vor, seine Hände flammten …
… und das hintere Ende des Troll-Speers traf ihn voll ins Gesicht, als der Unhold den schweren Schaft in Medivhs Kiefer rammte. Dann wandte die riesige Bestie sich um und schlug mit einer erstaunlich flüssigen und eleganten Bewegung nach dem verwundeten Llane. Medivh ging zu Boden, ebenso Llane, und die Axt entfiel der Hand des künftigen Herrschers.
Der Troll zögerte einen Augenblick und war offenbar unschlüssig, wen er zuerst töten sollte. Er entschied sich für Medivh, der ausgestreckt am Boden zu seinen Füßen lag, da dieser ihm am nächsten war. Der Troll hob den Speer, und die Obsidian-Spitze glitzerte tückisch im Mondlicht.
Der junge Medivh würgte eine Reihe von Silben hervor. Ein winziger Staub-Tornado erhob sich vom Boden und sprang in das Gesicht des Trolls, der sofort geblendet war. Die Bestie hielt einen Moment inne und griff mit einer Hand nach den staubverklebten Augen, um sie wieder frei zu reiben.
Diese Galgenfrist war alles, was Medivh benötigte. Er warf sich noch vorne, aber nicht mit einem Zauber, sondern mit einem einfachen Messer, das er von hinten in den Oberschenkel des Trolls rammte. Der Troll schrie schmerzerfüllt in die Nacht und stach blind um sich. Der Speer fuhr dort in den Boden, wo Medivh gerade noch gelegen hatte, doch der junge Magier hatte sich fort gerollt und stand jetzt auf. Seine Fingerspitzen knisterten.
Er murmelte ein Wort. Blitze sammelten sich zwischen seinen Fingern zu einem Ball und schossen vor. Der Troll zuckte heftig unter dem Schock und hing einen Augenblick lang bewegungslos gefangen in einer blau leuchtenden Sphäre. Die Kreatur fiel auf die Knie, aber selbst jetzt war sie noch nicht besiegt. Sie versuchte, sich zu erheben, und in ihren wässrigen roten Augen brannte Hass auf den Zauberer.
Der Troll erhielt niemals eine Chance zur Vergeltung, denn ein Schatten erhob sich hinter ihm, und Llanes wieder aufgehobene Axt glitzerte kurz im Schein des Mondes, bevor sie auf den Schädel des Trolls hinab fuhr und ihn bis zum Hals spaltete. Die Kreatur stürzte mit weit ausgebreiteten Armen nach vorne, und die beiden jungen Männer wandten sich sofort jenen Trollen zu, die gegen Lothar kämpften. Khadgars Blick folgte ihnen.
Der zukünftige Champion hielt seinen beiden Gegnern stand, wenn auch nur mit großer Mühe, und sie hatten ihn inzwischen über das gesamte Lager getrieben. Die Trolle hatten den Todesschrei ihres Bruder gehört, und einer setzte den Angriff fort, während der andere zurück stürmte, um sich Llane und Medivh zu widmen. Er stieß ein unartikuliertes Brüllen aus, als er auf sie zu rannte, und hielt den Speer vorgestreckt wie ein Ritter bei einem Turnier.
Auch Llane stürzte nach vorne, doch im letzten Moment wich er seitlich aus, und die Speerspitze raste an ihm vorbei. Der Troll machte zwei weitere Schritte, die ihn ans Feuer herantrugen, wo Medivh wartete.
Jetzt schien der Magier vollkommen von Energie erfüllt zu sein. Vom brennenden Holz beleuchtet, sah er aus wie eine Dämon. Er hatte die Arme weit ausgestreckt und sang etwas Hartes, Rhythmisches.
Und das Feuer selbst sprang auf. Es nahm die Gestalt eines riesigen Löwen an, der sich auf den angreifenden Troll stürzte. Die Dschungel-Kreatur schrie, als sich die Flammen wie ein Mantel um sie schlossen und sie dieses Feuer nicht wieder abschütteln konnte. Der Troll warf sich zu Boden und rollte sich erst auf die eine Seite, dann auf die andere. Er versuchte, die Flammen zu ersticken, aber es gelang ihm nicht. Bald schlug er nur noch wild und hilflos mit den Armen um sich, und schließlich hörte er ganz auf, sich zu bewegen. Das hungrige Feuer verschlang ihn.
Llane war weiter vorgestürmt. Bei dem überlebenden Troll angekommen, schlug er seine Axt in dessen Seite. Die Bestie stieß ein Heulen aus, und Lothar ergriff seine Chance. Der Champion schmetterte den vorgestreckten Speer mit einem Rückhandschlag zur Seite, dann trennte er mit einem waagerechten, präzisen Hieb den Kopf des Trolls sauber von dessen Schultern. Wie ein Komet, eine Blutfontäne nach sich ziehend, flog der Schädel in weitem Bogen durch die Luft und landete im Gebüsch, wo er verschwand.
Obwohl Llane selbst aus einer Wunde blutete, schlug er Lothar auf die Schulter und schien ihn freundschaftlich zu verspotten, weil dieser für seinen Troll so lange gebraucht hatte. Dann legte Lothar eine Hand auf Llanes Brust, um ihn zum Schweigen zu bringen, und zeigte auf Medivh.
Der junge Magier stand noch immer beim Feuer. Er hielt seine Hände offen, doch seine Finger sahen aus wie Klauen. Seine Augen wirkten im Licht des Feuers glasig, und sein Mund war krampfhaft geschlossen. Als die beiden Männer (und der Geist Khadgar) auf ihn zu rannten, kippte der junge Zauberer nach hinten.
Das Paar erreichte Medivh, doch dieser atmete schwer, und seine Pupillen waren im hellen Mondlicht extrem geweitet. Die Krieger und der Besucher aus der Zukunft beugten sich über ihn, als der junge Magier versuchte, Worte aus seinem Mund zu pressen.
»Pass auf mich … auf«, sagte er und blickte weder Llane noch Lothar, sondern Khadgar an. Dann rollten die Augen des jungen Medivh nach oben, und er lag sehr still.
Lothar und Llane versuchten, ihren Freund wiederzubeleben, während Khadgar wie betäubt zurücktaumelte. Hatte Medivh ihn wirklich gesehen, wie jener andere Magier unter dem blutigen Himmel, der Medivhs Augen besessen hatte? Jedenfalls hatte Khadgar ihn zu sich sprechen hören, klare Worte, die in die Tiefe seiner Seele gedrungen waren.
Khadgar wandte sich um, und die Vision fiel in sich zusammen wie die letzten, ersterbenden Flammen eines Feuers. Er war wieder zurück in der Bibliothek und prallte fast mit Medivh zusammen.