Am Abend des fünften Tages hatte Khadgar seine Berechnungen beendet, den Zauber in Tabellen und Macht-Befehle geordnet und in einem einfachen Text niedergelegt. Sollte etwas schrecklich schieflaufen, so würde zumindest Medivh später in der Lage sein, zu erkennen, was geschehen war.
Medivh besaß natürlich einen lückenlosen Fundus mit Zauber-Komponenten, in der auch ein Schrank mit aromatischen und thaumaturgischen Kräutern und ein Lapidarium zerstoßener, Halbedelsteine standen. Aus diesen wählte Khadgar Amethyst aus, um in der Bibliothek seinen magischen Kreis auszubringen, der von Runen aus pulverisiertem Rosenquarz kreuz und quer durchschnitten wurde. Er ging noch einmal die Worte der Macht (von denen der junge Magier die meisten bereits gekannt hatte, bevor er Dalaran verließ) und die Gesten (fast alle neu erdacht) durch. In eine Beschwörungsrobe gekleidet (mehr um sein Glück zu fördern, als des Effektes wegen) trat er in das magische Rund.
Khadgar entspannte sich und ließ seinen Geist zur Ruhe kommen. Dies war kein schnell hingeworfener Kampfzauber oder beiläufiger Zaubertrick. Dies war eine tiefe und mächtige Beschwörung. Hätte er sie in der Violetten Zitadelle durchgeführt, so hätten ihn alle anderen Magier dringend davor gewarnt und wären gekommen, um dabei zu sein.
Er atmete tief ein und begann das Ritual.
In seinem Geist formte sich der Zauber, ein warmer Energieball. Er fühlte, wie er in seinem Innern gerann, während sich ein Regenbogen von Farben auf der Oberfläche kräuselte. Dies war der Kern des Zaubers, normalerweise schnell entsandt, um die reale Welt zu ändern, so wie es dem Magier gefiel.
Khadgar stattete die Energiekugel mit den Eigenschaften aus, die sie besitzen musste, um die Zeitfragmente aufzuspüren, die diesen Turm heimsuchten, sie zu durchsuchen und eine einzelne Vision herauszuschälen, die sich dann vor Khadgars Augen ausbreitete. Die Ideen sanken in die imaginäre Sphäre in seinem Geist ein, und diese begann auf einer höheren Frequenz zu summen, während sie nur noch die Freigabe und die Richtung erwartete.
»Bring mir eine Vision«, sagte der junge Magier. »Bring mir eine Vision des jungen Medivh.«
Mit dem Geräusch eines implodierenden Eis verschwand die Magie aus seinem Geist und sickerte in die reale Welt ein, um sein Geheiß zu erfüllen. Die Luft begann zu rauschen, und als Khadgar sich umblickte, verwandelte sich die Bibliothek um ihn, wie sie es schon einmal getan hatte. Die Vision bewegte sich langsam in seinen Raum, in seine Zeit hinein.
Erst als es plötzlich kälter wurde, erkannte Khadgar, dass er die falsche Vision beschworen hatte.
Sie bewegte sich plötzlich durch die Bibliothek, ein kalter Zugwind, als habe jemand ein Fenster offen gelassen. Die Brise wurde von einem Luftzug zu einem Frostwind und schließlich zu einem arktischen Sturm, und obwohl er wusste, dass dies nur eine Illusion war, zitterte Khadgar am ganzen Leib.
Die Wände der Bibliothek verschwanden, während die Vision eine weite Fläche von Weiß erfasste. Der eisige Wind wirbelte um die Bücher und Manuskripte und hinterließ, wo er vorüber zog, eine dicke, harte Schneedecke. Tische, Regale und Stühle wurden verhüllt und dann durch Wirbel dicker, schwerer Flocken ersetzt.
Und Khadgar befand sich auf einem Hügel. Seine Beine verschwanden bis zu den Knien in einer Schneewehe, doch sie hinterließen keine Spuren. Er war ein Geist in dieser Vision.
Trotzdem gefror sein Atem und stieg, während er sich umblickte, in kräuselndem Nebel vor seinem Gesicht nach oben. Zu seiner Rechten war ein Wäldchen mit dunklen Bäumen zu erkennen, schwer mit Schnee beladen. Weit zu seiner Linken befand sich eine große weiße Felswand. Khadgar glaubte zuerst, auf eine kreideartige Substanz zu blicken, aber dann erkannte er, dass es Eis war, als habe jemand einen gefrorenen Fluss aus seinem Bett gerissen und ihn senkrecht aufgestellt. Das Eisgebilde war so hoch wie die Berge von Dalaran, und kleine, dunkle Gestalten bewegten sich vor seiner Kulisse – Falken oder Adler, obwohl sie von gewaltiger Größe sein mussten, wenn sie wirklich den eisigen Klippen nahe waren.
Vor ihm lag ein Tal, und aus diesem Tal zog eine Armee herauf.
Die Armee schmolz den Schnee, während sie über ihn hinweg marschierte, und hinterließ eine schmutzige schwarze Linie wie die Spur einer Schnecke. Die Angehörigen der Armee waren in Rot gekleidet. Sie trugen große, gehörnte Helme und breite, steife, schwarze Umhänge. Es waren Jäger, denn sie trugen alle möglichen Arten von Waffen bei sich. Und sie waren erstaunlich groß.
An der Spitze der Armee hielt jemand eine Standarte, und auf dieser Standarte befand sich ein abgeschlagenes, blutiges Haupt. Es handelte sich um den Kopf einer großen, grünschuppigen Bestie. Khadgar erkannte zu seiner Überraschung einen Drachen.
Es gab den Schädel einer solchen Kreatur in der Violetten Zitadelle, aber er hatte nicht geglaubt, jemals einen Drachen zu sehen, der noch vor ganz kurzer Zeit am Leben gewesen sein musste. Wie weit zurück hatte diese Vision ihn tatsächlich geworfen?
Die Armee der Giganten brüllte etwas, das ein Marschlied sein mochte, doch genauso gut hätte es auch eine Kette von Flüchen oder Schlachtrufen sein können. Die Stimmen waren gedämpft, als kämen sie aus der Tiefe eines Brunnens hervor, aber immerhin konnte Khadgar sie hören.
Als sie sich näherten, wurde ihm klar, was sie waren. Ihre verzierten Helme waren keine Helme, es waren Hörner, die aus ihrem eigenen Fleisch herausragten. Und ihre Umhänge waren keine Umhänge, sondern riesige, fledermausartige, aus ihrem Rücken sprießende Schwingen. Ihre roten Rüstungen waren ihr eigenes dickes Fleisch, das heiß aus seinem Innern heraus glühte und so den Schnee zum Schmelzen brachte.
Es waren Dämonen, Kreaturen aus Guzbahs Vorträgen und Korrigans geheimen Pamphleten. Monströse Wesen, die selbst die Orks an Blutdurst und Sadismus noch übertrafen. Die großen, breitklingigen Schwerter hatten offensichtlich erst vor kurzem Blut gekostet, und jetzt konnte Khadgar sehen, dass auch ihre Körper von Blut besudelt waren.
Sie waren hier – wo auch immer und wann auch immer hier sein mochte –, um Drachen zu jagen.
Ein leises Geräusch erklang hinter Khadgar, nicht lauter als Schritte auf einem dicken Teppich. Er wandte sich um und erkannte, dass er nicht allein auf dem Hügel war, der über der Jagdgesellschaft der Dämonen aufragte.
Sie hatte sich ihm von hinten genähert, und wenn sie ihn sah, so nahm sie keine Notiz von ihm. Ebenso wie die Dämonen ein Fleisch gewordener Fluch auf dem Land waren, so strahlte auch sie ihre eigene Art von Macht aus. Es war eine leuchtende Kraft, die um sie zu wirbeln und sich zu verstärken schien, während sie gleitend über die Oberfläche des Schnees hinweg schritt. Sie war real, aber ihre weißen Lederstiefel hinterließen nur die allerschwächsten Spuren im Schnee.
Sie war groß und stark und ohne Angst vor den Abscheulichkeiten im Tal. Ihre Kleidung war weiß und unbefleckt vom Schnee, der sie umgab, und sie trug ein Hemd aus kleinen, silbernen Schuppen. Ein weiter, weißer Fellumhang mit einem Futter aus grüner Seide bauschte sich hinter ihr und wurde an ihrem Hals von einem großen, grünen Stein festgehalten, der zu der Farbe ihrer Augen passte. Ihr langes, blondes Haar wurde durch einen silbernen Stirnreif gebändigt. Sie schien die Kälte weniger zu spüren als der geisterhafte Khadgar.
Doch es waren ihre Augen, die seine Aufmerksamkeit erregten – grün wie ein sommerlicher Wald, grün wie polierte Jade, grün wie der Ozean nach einem Sturm. Khadgar erkannte diese Augen wieder, denn er hatte ihren durchdringenden Blick bereits gespürt. Es waren die gleichen Augen wie sie ihr Sohn besaß.