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Und dann gab es einen weiteren Blitz. Dieser war ebenso intensiv wie jener, der die Dämonenhorde verschlungen hatte, und er konzentrierte sich auf Sargeras. Khadgar sah weg, blickte auf Aegwynn, die zuschaute, wie das Feuer und die Finsternis ihren Feind verschlangen. Das grelle Leuchten ließ selbst das Tageslicht verblassen, und lange Schatten dehnten sich hinter der Zauberin aus.

Und dann war es vorüber. Khadgar blinzelte, als das Sehvermögen seiner Augen zurückkehrte. Er wandte sich wieder dem Tal zu, und dort stand der titanische Sargeras, leblos wie eine Statue aus Eisen. Die Macht war aus ihm herausgebrannt. Unter seinem Gewicht begann der erhitzte arktische Boden nachzugeben, und langsam fiel die tote Gestalt nach vorne. Sie blieb heil, als sie zu Boden schmetterte.

Für einige Sekunden herrschte Stille.

Dann lachte Aegwynn. Khadgar blickte sie an, und sie sah ausgezehrt aus, sowohl von Erschöpfung als auch von Wahnsinn. Sie rieb sich die Hände und kicherte und begann, zu dem gestürzten Titanen hinabzusteigen. Khadgar bemerkte, dass sie nicht länger leichten Fußes über den Schnee glitt, sondern sich jetzt ihren Weg den Hügel hinabschleppen musste.

Als sie ihn verließ, begann die Bibliothek zurückzukehren. Der Schnee löste sich in dicke Dampfwolken auf, und die schattenhaften Umrisse der Regale, der oberen Galerie und der Stühle wurden langsam wieder sichtbar.

Khadgar wandte leicht den Kopf dorthin, wo der Tisch hätte sein sollen, und alles war wieder normal. Die Bibliothek stellte ihre Realität mit sicherer Plötzlichkeit wieder her.

Khadgar stieß einen frostigen Atemhauch aus und rieb sich die Hände. Kühl, aber nicht kalt. Der Zauber hatte ziemlich gut funktioniert – im Großen und Ganzen, wenn auch nicht in allen Einzelheiten. Er hatte eine Vision gerufen, wenn auch nicht die gewünschte. Die Frage war, was schiefgelaufen war, und wie man das Problem am Besten löste.

Der junge Magier griff nach seinem Schreiber-Beutel und zog einen leeren Streifen Pergament und Werkzeuge heraus. Er steckte eine Metallfeder auf das Ende des Griffels, schmolz etwas von der Octopus-Tinte in einer Schale und begann schnell alles aufzuschreiben, was geschehen war, vom Beginn des Zaubers bis zu Aegwynns tiefem Einsinken in den Schnee, als sie davonging.

Stunden später schrieb er immer noch, als ein kränkliches Husten in der Tür zu hören war. Khadgar war so in seinen Gedanken versunken, dass er den greisen Diener nicht bemerkte, bis Moroes ein zweites Mal hustete.

Khadgar blickte leicht irritiert auf. Da war etwas Wichtiges, das er niederschreiben wollte, aber es fiel ihm nicht mehr ein. Eine Bewegung im Augenwinkel seines Geistes.

»Der Magus ist zurück«, verkündete Moroes. »Will dich im Observatorium sehen.«

Khadgar blickte Moroes ein paar Sekunden lang mit leeren Augen an, bevor die Worte in seinen Geist sickerten. »Medivh ist zurück?«, gelang es ihm schließlich hervorzubringen.

»Das habe ich gesagt«, ächzte Moroes. Er schien jedes Wort nur widerwillig auszusprechen. »Du wirst mit ihm nach Stormwind fliegen.«

»Stormwind? Ich? Warum?« fragte der junge Magier.

»Weil du sein Schüler bist, darum«, versetzte Moroes mürrisch. »Observatorium. Ich habe schon die Greife gerufen.«

Khadgar blickte auf seine Arbeit, Zeile um Zeile in ordentlicher Handschrift, die jedes Detail genau beschrieb. Aber da war noch etwas, das er vergessen hatte. Stattdessen sagte er: »Ja. Ja. Ich werde meine Sachen zusammensuchen. Das hier zu Ende schreiben.«

»Lass dir Zeit«, sagte der Kastellan. »Es ist nur der Magus, der mit dir nach Stormwind fliegen will. Nichts Wichtiges.« Und Moroes verschwand wieder im Gang. »Observatorium«, ließ er noch einmal seine Stimme hören, fast wie einen nachträglichen Einfall.

Stormwind!, dachte Khadgar. König Llanes Burg! Was konnte so wichtig sein, dass er dorthin gehen musste? Vielleicht ein Bericht über die Orks?

Khadgar blickte von seinem Pergament auf. Die Nachricht von Medivhs Rückkehr und ihrem baldigen Aufbruch hatte seine Gedanken unterbrochen, und jetzt war sein Geist bei der neuen Mission. Er blickte auf die letzten Worte, die er geschrieben hatte.

Aegwynn hat zwei Schatten, stand dort.

Khadgar schüttelte den Kopf. Welchen Weg sein Geist auch immer gerade genommen hatte, er hatte ihn verloren. Er löschte sorgfältig die überschüssige Tinte ab, damit sie nicht schmierte, und legte das Pergament zur Seite. Dann sammelte er sein Werkzeug zusammen und eilte in sein Quartier. Er würde sich umziehen müssen. Für den Ritt auf einem Greifen benötigte er Reisekleidung. Und es war wohl besser, seinen guten Zaubermantel einzupacken, falls er dem König begegnen sollte.

7

Stormwind

Bis zu diesem Zeitpunkt war das größte Gebäude, das Khadgar jemals gesehen hatte, die Violette Zitadelle auf der Kreuzinsel vor den Toren der Stadt Dalaran gewesen. Die majestätischen Türme und großen Hallen der Kirin Tor, mit ihren Dächern aus dickem Schiefer in der Farbe von Lapislazuli, die der Zitadelle ihren Namen gaben, hatten Khadgar stets mit besonderem Stolz erfüllt, da auch er dort zuhause war. Nichts, nicht einmal Medivhs Turm, war bei all seinen Reisen durch Lordaeron und nach Azeroth auch nur annähernd dem ehrwürdigen Glanz der Zitadelle der Kirin Tor nahe gekommen.

Bis er nach Stormwind kam.

Wie zuvor waren sie die ganze Nacht hindurch geflogen, und dieses Mal war der junge Magier überzeugt, zwischenzeitlich geschlafen zu haben, während er auf seinem Greifen durch die frostige Nachtluft ritt. Welches Wissen Medivh auch immer in seinen Geist gepflanzt hatte, es funktionierte weiterhin, denn Khadgar war sich sicher in seiner Fähigkeit, das geflügelte Raubtier mit den Knien zu lenken, und fühlte sich auf dessen Rücken wie zuhause. Der Teil seines Gehirns, in dem das Wissen ruhte, fühlte dieses Mal keinen Schmerz, sondern nur ein leichtes Pochen, als sei das geistige Gewebe verheilt und habe eine kleine Narbe hinterlassen. Sein Verstand nahm das Wissen in seinem Innern auf, doch er empfand es noch immer als etwas Fremdes.

Er erwachte, als die Sonne am Horizont hinter ihm aufging, und geriet für einen Moment in Panik, was das große Flugtier dazu brachte, eine weiche Kurve zu fliegen, die es aus Medivhs »Kielwasser« fortzog. Aber Khadgar brachte es sofort wieder unter seine Kontrolle, und als er aufblickte, lag vor ihm Stormwind und leuchtete in der Morgensonne.

Die Stadt war eine Zitadelle aus Gold und Silber. Die Mauern glänzten im Frühlicht wie ein Kelch, den ein Kastellan gerade erst geputzt hatte, und schienen ein eigenes Strahlen zu besitzen. Die Dächer glitzerten als wären sie aus Silber gefertigt, und für einen Augenblick meinte Khadgar, sie seien mit unzähligen kleinen Edelsteinen besetzt.

Der junge Magier blinzelte und schüttelte den Kopf. Die goldenen Mauern wurden zu normalem Stein, der jedoch an einigen Stellen großartig schimmerte und an anderen mit komplexen Schnitzereien verziert war. Die silbernen Dächer waren nur dunkler Schiefer, und was er für Edelsteine gehalten hatte, war der morgendliche Tau, der die Sonne in allen Farben des Regenbogens zurückwarf.

Und doch war Khadgar weiterhin über die Größe der Stadt erstaunt. Sie war so gewaltig wie irgendeine Stadt in Lordaeron, wenn nicht noch größer, und aus der Höhe betrachtet breitete sie sich in ihrer ganzen Herrlichkeit vor ihm aus. Er zählte drei Ringe von Mauern, die sich wie Bänder um die zentrale Burg zogen, und kleinere Wälle, die unterschiedliche Bezirke abtrennten. Wohin auch immer er blickte, stets breitete sich noch mehr Stadt unter ihm aus.