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Selbst jetzt, in den Morgenstunden, gab es wimmelnde Bewegung darin. Rauch stieg von Feuern auf, und die Menschen sammelten sich bereits auf den offenen Marktplätzen und dem Gemeindeland. Große Wagen rumpelten aus den Stadttoren und brachten Bauern zu den gepflegten, ordentlich wirkenden Feldern, die sich vor den Mauern der Stadt ausbreiteten und fast bis zum Horizont erstreckten.

Khadgar konnte die Hälfte der Gebäude nicht identifizieren. Große Türme mochten, so weit er es beurteilen konnte, Universitäten oder Kornspeicher sein. Eine brandende Fluss-Kaskade wurde von gewaltigen Wasserrädern genutzt, doch zu welchem Zweck, war nicht zu ersehen. Eine plötzliche Flamme schoss weit zu seiner Rechten auf und mochte von einer Gießerei, einem gefangenen Drachen oder irgendeinem schweren Unfall rühren. Es war ihm ein Rätsel.

Stormwind war die größte Stadt, die Khadgar jemals gesehen hatte, und in ihrem Herzen lag Llanes Burg.

Es konnte keine andere sein. Hier schienen die Mauern tatsächlich aus Gold zu bestehen, und die Fenster waren mit Silber beschlagen. Das Dach war mit blauem Schiefer gedeckt, der tief und luxuriös wie ein Saphir anmutete, und auf den Myriaden von Türmen konnte Khadgar Flaggen mit dem Löwenkopf von Azeroth erkennen, dem Zeichen von König Llanes Hofstaat und Symbol des Reiches.

Der Burg-Komplex schien eine eigene Stadt in der umgebenden Metropole zu sein, mit zahllosen Seitengebäuden, Türmen und Hallen. Schmale Brücken spannten sich zwischen hohen Gebäuden und waren so lang, dass Khadgar überzeugt war, sie müssten durch Magie gestützt werden.

Vielleicht konnte eine solche Struktur wirklich nur von Magie geschaffen sein, dachte er und erkannte, dass dies möglicherweise der Hauptgrund dafür war, dass Medivh hier so sehr geschätzt wurde.

Der ältere Magier hob eine Hand und kreiste um einen bestimmten Turm, dessen oberstes Stockwerk eine Plattform ohne Brüstung bildete. Medivh zeigte nach unten. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Er wollte, dass Khadgar zuerst landete.

Khadgar griff auf seine vernarbten Erinnerungen zu und brachte den großen Greif elegant nach unten. Das große, adlerköpfige Tier warf seine Schwingen zurück wie ein großes Segel und verlangsamte den Flug, bis es sanft landete.

Auf dem Turm wartete bereits eine Delegation. Eine Gruppe von Dienern in blauer Livree kam angelaufen, um die Zügel zu nehmen und dem Kopf des Greifen eine schwere Mütze überzuziehen. Die fremden Erinnerungen sagten Khadgar, dass diese Mütze etwas Ähnliches wie die Kappe eines Falkners war und die Sicht des Raubvogels einschränkte. Ein anderer Diener brachte einen Eimer mit warmen Kuh-Innereien und stellte ihn vorsichtig vor dem schnappenden Schnabel des Greifen ab.

Khadgar glitt vom Rücken des Tiers und wurde herzlich von Lord Lothar persönlich begrüßt. Der stattliche Mann wirkte in seiner prunkvollen Robe, über der ein ziselierter Brustharnisch lag, sogar noch größer als sonst. Ein filigran verzierter Umhang hing über seinen Schultern.

»Schüler!«, rief Lothar und verschlang Khadgars Hand regelrecht mit seiner großen, fleischigen Pranke. »Gut zu sehen, dass du es noch immer bei ihm aushältst!«

»Mylord«, sagte Khadgar und versuchte unter dem schmerzhaften Händedruck des größeren Mannes keine Miene zu verziehen. »Wir sind die ganze Nacht hindurch geflogen. Ich …«

Der Rest von Khadgar Satz wurde von einem aufgeregten Geflatter und dem panischen Kreischen eines Greifen übertönt. Medivhs Reittier stürzte vom Himmel, und der Magus landete weit weniger elegant als sein Schüler zuvor. Der mächtige Greif glitt über die ganze Breite des Turms und stürzte beinahe auf der anderen Seite wieder hinunter. Medivh riss hart an den Zügeln. Die großen Vorderklauen des Tieres umklammerten die Turmmauer, und der ältere Magier kippte fast über die Seite.

Khadgar wartete keinen Kommentar Lord Lothars ab, sondern stürzte vor, während ihm die Menge der blaugekleideten Diener folgte. Lothar rumpelte schwerfällig hinter ihnen her.

Medivh war bereits abgestiegen, als sie bei ihm ankamen, und reichte die Zügel an den ersten der Diener weiter, der ihn erreichte. »Verdammter Seitenwind!«, fluchte der Magus. »Ich habe immer gesagt, dass dies genau der falsche Ort für ein Aviarium ist, aber hier hört ja niemand auf Zauberer. – Gute Landung, Junge«, fügte er mit einem Blick auf Khadgar hinzu, während die Diener seinen Greif umschwärmten und versuchten, das Tier zu beruhigen.

»Med«, sagte Lothar und hielt ihm eine Hand zum Gruß entgegen. »Es ist gut, dass du kommen konntest.«

Medivh blickte ihn nur verdrießlich an. »Ich kam so schnell ich konnte«, schnaubte er und reagierte offenbar auf irgendeinen Affront, der Khadgar vollkommen entgangen war. »Manchmal müsst ihr schon ohne mich klarkommen, weißt du.«

Wenn Lothar über Medivhs Laune überrascht war, so ließ er sich nichts anmerken. »Jedenfalls gut, dich zu sehen. Seine Majestät …«

»… wird warten müssen«, beendete Medivh den Satz für ihn. »Bring mich jetzt in die fragliche Kammer. Nein, ich kenne den Weg selbst. Du hast gesagt, es waren Huglar und Hugarin. Hier entlang also.« Und mit diesen Worten schritt der Magus bereits davon, auf die Seitentreppe zu, die sich zum eigentlichen Turm hinab wand. »Fünf Ebenen tiefer, dann eine Verbindungsbrücke, dann drei Ebenen hinauf! Scheußlicher Ort für ein Aviarium!«

Khadgar blickte Lothar an. Der größere Mann rieb sich mit der fleischigen Hand über den kahlen Schädel und schüttelte den Kopf. Dann folgte er dem Zauberer, und auch Khadgar zog hinter ihm her.

Medivh war verschwunden, als sie den Fuß der Wendeltreppe erreichten, doch eine Litanei von Beschwerden und gelegentlichen Flüchen war von weit vor ihnen zu hören und wurde langsam leiser.

»Er befindet sich ja in einer ziemlich schlechten Laune«, sagte Lothar. »Ich bringe dich zur Kammer der Magier. Dort werden wir ihn finden.«

»Er war letzte Nacht sehr unruhig«, sagte Khadgar, um sich für seinen Meister zu entschuldigen. »Er war fort gewesen, und offenbar erreichte Euer Ruf den Turm kurz nachdem er zurückgekehrt war.«

»Hat er dir erzählt, worum es bei diesem ganzen Ärger geht, Schüler?«, fragte Lothar. Khadgar musste verneinen.

Der Champion Anduin Lothar runzelte die Stirn. »Zwei der großen Zauberer von Azeroth sind tot, ihre Körper fast zur Unkenntlichkeit verbrannt, ihre Herzen aus der Brust gerissen. Sie wurden in ihrer Kammer ermordet, und es gibt Indizien …« Lord Lothar zögerte einen Moment, als suche er nach den richtigen Worten. »Es gibt Indizien, die auf dämonische Aktivität hinweisen. Darum sandte ich meinen schnellsten Boten, um den Magus zu holen. Vielleicht kann er uns sagen, was hier geschehen ist.«

»Wo sind die Leichen?«, schrie Medivh, als Lothar und Khadgar ihn schließlich einholten. Sie befanden sich hoch oben in einem anderen Turm der Burg, und die Stadt breitete sich hinter einem großen offenen Fenster aus, das gegenüber der Tür lag.

Der Raum war ein einziges Chaos und wirkte, als sei er von Orks durchsucht worden – von schlampigen Orks! Jedes Buch war aus dem Regal gerissen worden, alle Schriftrollen lagen aufgerollt über die Kammer verteilt, viele von ihnen zerfetzt. Alchemistische Geräte waren zerschmettert, Pulver und Salben über den Boden verstreut worden.

Im Zentrum des Raumes befand sich ein Symbol der Macht, und eine Inschrift war in den Boden selbst eingegraben. Der Ring bestand aus zwei konzentrischen Kreisen, zwischen denen magische Worte zu lesen waren. Die Einschnitte im Boden waren tief und mit einer klebrigen, dunklen Flüssigkeit gefüllt. Es gab zwei riesige Brandflecken auf dem Boden, jeder so groß wie ein Mann. Sie befanden sich zwischen dem Ring und dem Fenster.

Solche eingeschnittenen Kreise dienten nur einem Zweck, das wusste Khadgar. Der Bibliothekar der Violetten Zitadelle hatte ihn stets vor ihnen gewarnt.

»Wo sind die Leichen?«, wiederholte Medivh, und Khadgar war froh, dass er nicht derjenige war, der diese Frage beantworten musste. »Wo sind die Überreste von Huglar und Hugarin?«