»Wir haben sie kurz, nachdem wir sie fanden, entfernt«, erklärte Lothar ruhig. »Es wäre unziemlich gewesen, sie hier zu lassen. Wir wussten nicht, wann du kommen würdest.«
»Ihr wusstet nicht, ob ich kommen würde, willst du wohl sagen«, schnappte Medivh. »In Ordnung. In Ordnung. Wir können immer noch etwas retten. Wer war in diesem Raum?«
»Die Zauberer-Lords Huglar und Hugarin …«, begann Lothar.
»Natürlich«, zischte Medivh scharf. »Sie müssen ja hier gewesen sein, sonst hätten sie nicht hier sterben können. Wer noch?«
»Einer ihrer Diener hat sie gefunden«, fuhr Lothar fort. »Dann wurde ich gerufen. Und ich brachte ein paar Wachleute mit, um die Leichen hinauszutragen. Sie sind noch nicht bestattet worden – wenn du sie untersuchen willst …«
Medivh war bereits tief in Gedanken versunken. »Hmm. Egal. Darum können wir uns später kümmern. Also ein Diener, du selbst und ungefähr vier Wachleute, würdest du sagen? Und jetzt ich und mein Schüler. Sonst niemand?«
»Niemand, der mir einfiele«, sagte Lothar.
Der Magus schloss die Augen und murmelte ein paar Worte in seinen Bart. Es mochte ein Fluch oder ein Zauber sein. Dann sprangen seine Augen wieder auf. »Interessant. Mein Vertrauen!«
Khadgar zog tief den Atem ein. »Lord Magus.«
»Ich brauche deine Jugend und Unerfahrenheit. Meine abgestumpften, alten Augen sehen vielleicht nur das, was sie zu sehen erwarten. Ich brauche frische Augen. Hab jetzt keine Angst, Fragen zu stellen. Komm hierher. Stell dich in die Mitte der Kammer. Nein, geh nicht über den Ring. Wir wissen nicht, ob ihm noch ein Zauber anhaftet. Stell dich hierhin. Jetzt. Was spürst du?«
»Ich sehe den zerstörten Raum«, begann Khadgar.
»Ich sagte nicht ›Sehen‹«, tadelte ihn Medivh. »Ich sagte ›Spüren‹!«
Khadgar atmete tief ein und wob einen kleinen Zauber, der dazu diente, die Sinne zu schärfen und normalerweise half, verlorene Dinge zu finden. Es war ein einfacher Wahrsage-Zauber, wie er ihn Hunderte Male in der Violetten Zitadelle benutzt hatte. Er eignete sich besonders gut dafür, Dinge zu finden, die andere verborgen halten wollen.
Doch schon bei den ersten Worten seines Zauber-Gesangs fühlte Khadgar, dass hier etwas anderes war. Die Magie in diesem Raum besaß eine seltsame Trägheit. Oft strahlte Magie ein Gefühl der Leichtigkeit und Energie aus, aber diese hier fühlte sich dickflüssig an, beinahe fest, und legte sich schwer und erstickend auf die Lungen des jungen Zauberers. Khadgar hatte so etwas noch nie zuvor gespürt und fragte sich, ob es an den Symbolen der Macht lag oder an den Kräften und Beschwörungen der nun toten Zauberer.
Es war ein miefiges Gefühl, wie abgestandene Luft in einem Raum, der jahrelang verschlossen war. Khadgar versuchte, die Energien zusammenzuziehen, aber sie schienen sich zu wehren, folgten seinen Wünschen nur mit größtem Widerwillen.
Khadgars Gesicht wurde hart, als er versuchte, mehr von der Macht dieses Raumes, von seinen magischen Energien, in sich selbst zu ziehen. Der Zauber, den er anwandte, war von einfacher Natur. Wenn überhaupt, so hätte er an einem Ort wie diesem, wo Beschwörungen alltäglich waren, einfacher zu wirken sein sollen.
Und plötzlich spülte die dicke, übel riechende Magie über den jungen Zauberer hinweg. Sie war auf ihm und überall um ihn herum, als habe er den Stein ganz unten herausgezogen und damit die ganze Wand über sich zum Einsturz gebracht. Sie begrub ihn unter sich. Die Macht der dunklen, schweren Magie fiel auf ihn wie eine erstickende Decke, zertrümmerte den Zauber unter sich und stieß Khadgars Körper auf die Knie. Er schrie.
Medivh war sofort an seiner Seite und half ihm wieder auf die Beine. »Ganz ruhig«, sagte der Magus. »Du hast größeren Erfolg gehabt, als ich es erwartete. Guter Versuch. Exzellente Arbeit.«
»Was ist das?«, gelang es Khadgar hervorzupressen. »So etwas habe ich noch nie gefühlt. Schwer. Widerlich. Erstickend.«
»Das ist gut«, sagte Medivh. »Gut, dass du es gefühlt hast. Gut, dass du durchgehalten hast. Die Magie ist an diesem Ort grauenhaft pervertiert, ein Fluch dessen, was früher hier geschehen ist.«
»Ihr meint, wie ein Spuk?«, fragte Khadgar. »Selbst in Karazhan habe ich niemals …«
»Nein, nicht so«, sagte Medivh. »Etwas viel Schlimmeres. Die beiden toten Zauberer haben Dämonen beschworen. Es ist dieser Fluch, den du spürst, diese Schwere der Magie. Ein Dämon war hier. Das hat Huglar und Hugarin getötet, diese armen Narren.«
Für einen Augenblick herrschte drückende Stille in der Kammer. Dann sagte Lothar: »Dämonen? In den Türmen des Königs? Ich kann nicht glauben, dass …«
»Oh, glaub es ruhig«, sagte Medivh. »Egal, wie gelehrt ein Zauberer ist, wie weise und wundervoll, wie mächtig und stark, es gibt immer noch einen Splitter der Macht, ein Mehr an Wissen, ein weiteres Geheimnis, das jeder Magier herausfinden will. Ich glaube, Huglar und Hugarin sind in diese Falle getappt und haben Mächte von der anderen Seite des Großen Dunklen Jenseits beschworen. Und dafür mussten sie den Preis bezahlen. Narren. Sie waren Freunde und Kollegen, aber sie waren, was das angeht, törichte Narren.«
»Aber wie?«, fragte Lothar. »Sicher gab es Schutzvorkehrungen. Abwehrzauber. Dies hier auf dem Boden ist ein mystisches Symbol der Macht.«
»Und leicht durchschlagen worden, leicht durchbrochen«, sagte Medivh und beugte sich über den Ring, auf dem das getrocknete Blut der beiden Magier glitzerte. Er griff hinab und hob einen dünnen Strohhalm auf, der über den erkalteten Steinen gelegen hatte. »Aha! Ein Halm von einem Besen. Wenn der hier lag, als sie ihre Beschwörung begannen, dann konnten alle Beschwörungen und Amulette der Welt sie nicht schützen. Für den Dämon war der Kreis nicht mehr als ein Bogen, ein Tor in diese Welt. Er trat mit brennendem Höllenfeuer heraus und griff die armen Narren an, die ihn in diese Welt geholt hatten. Ich habe so etwas schon früher gesehen.«
Khadgar schüttelte den Kopf. Die dicke Finsternis, die von allen Seiten auf ihm zu lasten schien, wich ein wenig, und er konnte seinen Geist wieder sammeln. Er blickte sich in der Kammer um. Sie war bereits ein Katastrophengebiet – der Dämon hatte bei seinem Angriff alles zerstört. Wenn es einen Besen-Halm gegeben und dieser den Kreis durchbrochen hatte, wäre er sicher während des Kampfes an einen anderen Platz bewegt worden.
»Wie wurden die Leichen gefunden?«, fragte Khadgar.
»Was?«, zischte Medivh mit einer Schärfe, die Khadgar beinahe zusammenzucken ließ.
»Es tut mir Leid«, entschuldigte sich Khadgar schnell. »Ihr sagtet, ich solle Fragen stellen.«
»Ja, ja, natürlich«, sagte Medivh, aber der hitzige Ton seiner Stimme kühlte nur wenig ab. Zum Champion des Königs sagte er: »Nun, Anduin Lothar, wie wurden die Leichen gefunden?«
»Als ich hereinkam, lagen sie auf dem Boden. Der Diener hatte sie nicht bewegt«, sagte Lothar.
»Mit den Gesichtern nach oben oder nach unten?«, fragte Khadgar so ruhig er nur konnte. Er spürte den eisigen Blick des Magus. »Die Köpfe dem Kreis zugewandt oder dem Fenster?«
Lothars Gesicht verdüsterte sich, als er an den grauenhaften Anblick zurückdachte. »Dem Kreis zugewandt. Und mit den Gesichtern nach unten. Ja, ich bin mir sicher. Sie waren am ganzen Körper schwer verbrannt, und wir mussten sie umdrehen, um sicherzugehen, dass es sich um Huglar und Hugarin handelte.«
»Worauf willst du hinaus, mein Vertrauen?«, fragte der Magus, der jetzt am offenen Fenster saß und sich den Bart strich.
Khadgar blickte auf die beiden Brandflecken zwischen dem gescheiterten Schutzkreis und dem Fenster und versuchte, von ihnen als Leichen zu denken und nicht als einst lebende Zauberer. »Wenn man jemanden von vorne trifft, fällt er nach hinten. Wenn man jemanden von hinten trifft, fällt er nach vorne. War das Fenster offen, als Ihr hier eingetroffen seid?«
Lothar blickte auf das offene Fenster. Die große Stadt, die dahinter ausgebreitet lag, war für einen Augenblick vergessen. »Ja. Nein. Ja, ich glaube schon. Aber es könnte von dem Diener geöffnet worden sein. Hier herrschte ein schrecklicher Gestank. Das hatte zuerst die Aufmerksamkeit des Dieners auf sich gezogen. Ich kann ihn fragen.«