»Nicht nötig«, sagte Medivh. »Das Fenster stand wahrscheinlich offen, als dein Diener eintrat.« Der Magus erhob sich und trat zu den Brandflecken. »Also glaubst du, mein Vertrauen«, sagte er, »dass Huglar und Hugarin hier standen und den magischen Kreis beobachteten, während etwas durch das Fenster hereinkam und sie von hinten traf.« Zur Untermalung dieser These schlug er sich selbst mit der offenen Handfläche auf den Hinterkopf. »Sie fielen nach vorne und verbrannten in dieser Position.«
»Ja, Herr«, sagte Khadgar. »Ich meine, es ist eine Theorie.«
»Eine gute«, sagte Medivh. »Aber eine falsche, fürchte ich. Zunächst einmal würden die beiden Magier dort stehen und auf überhaupt nichts blicken, es sei denn, sie behielten den magischen Kreis im Auge. Also beschworen sie einen Dämon. Solch ein Ring wird zu keinem anderen Zweck benutzt.«
»Aber …«, begann Khadgar, doch der Magus erstickte die Worte mit einem durchdringenden Blick.
»Und«, fuhr Medivh fort, »während deine Theorie bei einem einzelnen Angreifer mit einem Stock oder einem Knüppel funktionieren würde, funktioniert sie nicht so gut bei den dunklen Energien der Dämonen. Hätte die Bestie Feuer geatmet, hätte sie die beiden Zauberer stehend erwischen können. Der Dämon hätte sie getötet, und während die Männer brannten, fielen ihre Körper nach vorne. Du hast gesagt, die Leichen seien vorne und hinten verbrannt gewesen?« Mit dieser Frage wandte er sich an Lothar.
»Ja«, sagte der Champion des Königs.
Medivh hielt eine Handfläche vor sich. »Dämon atmet Feuer. Verbrennt von vorne. Huglar – oder Hugarin – fällt nach vorne, Flammen breiten sich auf dem Rücken aus … Es sei denn, der Dämon trifft Hugarin – oder Huglar – in den Rücken, dreht die Leiche dann um, um sicherzustellen, dass auch die Vorderseite verbrannt wird, dreht sie dann wieder um. Sehr unwahrscheinlich. Dämonen gehen nicht so methodisch vor.«
Khadgar fühlte, wie sich die Wärme eines peinlichen Errötens auf sein Gesicht legte. »Es tut mir Leid. Es war nur eine Theorie.«
»Und eine gute«, wiederholte Medivh schnell. »Nur falsch, das ist alles. Du hast Recht. Und das Fenster steht offen, denn so hat der Dämon den Turm verlassen. Er ist jetzt frei in der Stadt unterwegs.«
Lothar unterdrückte einen Fluch und sagte: »Bist du dir sicher?«
Medivh nickte. »Absolut. Aber er wird sich wahrscheinlich für den Augenblick verstecken und zurückhalten. Auch wenn er zwei Narren wie Huglar und Hugarin überrascht hat und töten konnte, muss das die Kräfte eines normalen Dämons sehr erschöpft haben. Deshalb habt ihr auch bisher noch nichts Neues von ihm gehört.«
»Ich kann sofort Suchmannschaften organisieren«, erklärte Lothar.
»Nein«, sagte Medivh. »Ich will diese Sache selbst erledigen. Es nützt nichts, gute Leben den schlechten hinterher zu werfen. Aber ich muss natürlich die Leichen sehen. Dann weiß ich, womit wir es hier zu tun haben.«
»Sie liegen in einer kühlen Kammer des Weinkellers«, sagte Lothar. »Ich kann dich dorthin bringen.«
»Gleich«, sagte Medivh. »Ich will mich hier noch ein wenig umsehen. Kannst du mich und meinen Schüler für einen Augenblick allein lassen?«
Lothar zögerte einen Moment, dann sagte er: »Natürlich. Ich warte draußen vor der Tür.« Bei seinen letzten Worten blickte er Khadgar scharf an, dann ging er.
Der Riegel der Tür fiel zu, und es herrschte Schweigen in der Kammer. Medivh ging von Tisch zu Tisch und begutachtete die zerfledderten Bücher und zerrissenen Papiere. Er hielt einen Brief mit einem purpurnen Siegel hoch und schüttelte den Kopf. Langsam zerknüllte er das Pergament in seiner Hand.
»In zivilisierten Ländern«, sagte er mit leicht angespannter Stimme, »widersprechen Schüler ihren Meistern nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.« Er wandte sich Khadgar zu, und der Junge erkannte im Gesicht des alten Mannes düstere Gewitterwolken.
»Es tut mir Leid«, sagte Khadgar. »Ihr sagtet, ich solle Fragen stellen, und die Position der Leichen schien zu diesem Zeitpunkt nicht richtig, aber jetzt, da ihr erklärt habt, wie die Körper verbrannt wurden …«
Medivh hob eine Hand, brachte Khadgar zum Schweigen. Dieser zögerte einen Moment, dann ließ er langsam den angehaltenen Atem heraus.
»Genug. Du hast das Richtige getan«, sagte der Magus, »nicht mehr und nicht weniger, als das, worum ich dich gebeten hatte. Und wenn du nicht gesprochen hättest, so wäre mir nicht klar geworden, dass der Dämon wahrscheinlich den Turm hinab geklettert ist, und ich hätte unnütze Zeit damit vergeudet, den Burgkomplex zu durchsuchen. Aber du hast Fragen gestellt, weil du nicht viel über Dämonen weißt, und das ist Unwissenheit. Und Unwissenheit werde ich nicht tolerieren.«
Der ältere Magier blickte Khadgar an, aber es lag ein Lächeln auf seinen Mundwinkeln. Khadgar war sich sicher, dass der Sturm vorübergezogen war, und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Er begann: »Lothar …«
»Wird warten«, sagte Medivh. »Das kann er gut, dieser Anduin Lothar. Also, was hast du in deiner Zeit in der Violetten Zitadelle über Dämonen gelernt?«
»Ich habe die Legenden gehört«, sagte Khadgar. »In den Ersten Tagen gab es Dämonen im Land, und die großen Helden erhoben sich, um sie zu vertreiben.« Er dachte an Medivhs Mutter, die die Dämonen in Stücke sprengte und sich deren Herrn stellte, aber er sagte nichts. Es war nicht nötig, Medivh wieder wütend zu machen, nachdem er sich gerade erst beruhigt hatte.
»Das sind die Grundlagen«, sagte Medivh. »Was wir dem gemeinen Volk erzählen. Was weißt du sonst noch?«
Khadgar zog tief den Atem ein. »Die offiziellen Lehren in der Violetten Zitadelle besagen, dass man die Dämonologie meiden, einen weiten Bogen um sie machen, ihr abschwören soll. Jeder Versuch, Dämonen zu beschwören, muss aufgespürt und sofort gestoppt werden, und jene, die sich solchen Aktivitäten widmen, müssen aus den Reihen der Kirin Tor verstoßen werden. Oder Schlimmeres. Es gab Geschichten unter den jungen Studenten …«
»Geschichten, die auf Tatsachen basieren«, sagte Medivh. »Aber du bist ein neugieriger Bursche. Du weißt mehr, nehme ich an?«
Khadgar neigte nachdenklich den Kopf und wählte seine Worte sorgfältig. »Korrigan, unser Bibliothekar, besitzt eine umfangreiche Sammlung von … Material.«
»Und er brauchte jemanden, der ihm half, dieses Material zu sortieren«, sagte Medivh trocken. Khadgar musste gezuckt haben, denn Medivh fügte hinzu: »Aber das ist nur eine Vermutung von mir, mein Vertrauen.«
»Das Material besteht zum größter Teil aus Volkssagen und Berichten örtlicher Behörden, die sich um Dämonen-Anbeter drehen. Die meisten Texte berichten von einzelnen Menschen, die böse Taten im Namen irgendeines alten Dämons aus den Legenden begehen. Es gibt nichts über tatsächliche Beschwörungen eines Dämons. Keine Zauber, keine arkanen Schriften.« Khadgar trat auf den Schutzkreis zu. »Keine Zeremonien.«
»Natürlich«, sagte Medivh. »Selbst Korrigan würde so etwas einem Studenten nicht zumuten. Wenn er solches Material besitzt, wird er es getrennt von den anderen Texten aufbewahren.«
»Angesichts dieser eher dürftigen Geschichten nimmt man allgemein an, dass die Dämonen besiegt und vollkommen aus dieser Welt vertrieben wurden. Sie wurden aus der Welt des Lichts und der Lebenden ausgestoßen und hausen in ihrem eigenen Reich.«
»Dem Großen Dunklen Jenseits«, sagte Medivh und betonte seine Worte wie ein Gebet.
»Sie sind noch immer dort. Das behaupten zumindest die Legenden«, sagte Khadgar. »Aber sie wollen wieder zurückkommen. Manche sagen, sie besuchen Menschen mit einem schwachen Willen im Schlaf und bringen sie dazu, alte Zauber zu finden und Opfer darzubringen. Manchmal geht es darum, ihnen einen Weg zu öffnen, damit sie wieder ganz zurückkommen können. Andere sagen, sie suchen Anbeter und Opfer, um die Welt wieder so zu machen, wie sie einst war, blutig und von Gewalt beherrscht. Und erst dann werden sie zurückkehren.«